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Breitband:Ein Internet für Europa

Vor der Wahl der neuen EU-Kommission

Thierry Breton ist EU-Binnenmarkt-Kommissar. Zuvor führte der Franzose die Konzerne Atos und France Télécom, war Harvard-Professor, Minister und Buchautor.

(Foto: Lukasz Kobus/dpa)

Die EU denkt über ein eigenes Breitbandnetz aus dem All nach. Eine Studie mit der Industrie soll nun bis Ende Februar kommenden Jahres analysieren, wie ein solches Satellitennetz ausschauen könnte und welche Wettbewerbschancen es hätte.

Von Dieter Sürig

Das kalifornische Raumfahrtunternehmen Space-X sucht für sein Internet-Satellitensystem Starlink bereits erste Betatester, die insolvente Konkurrenzkonstellation Oneweb soll von der britischen Regierung und dem indischen Konzern Bharti Global weiter geführt werden, und Amazon hat gerade die Genehmigung von der US-Telekombehörde bekommen, eine eigene Konstellation aufzubauen.

Die Europäische Kommission fürchtet nun anscheinend, bei dieser Technologie den Anschluss zu verlieren. Denn EU-Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton denkt darüber nach, für ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeits-Internet ein eigenständiges europäisches Satellitensystem aufzubauen. Anlässlich der Hannover Messe Digital Days Mitte Juli hatte er eine bessere Abdeckung hoher Internet-Bandbreiten gefordert - nicht nur mittels 5G, sondern auch per Satellit. "Derzeit findet ein globaler Wettlauf um gesicherte Satellitenkommunikations-Infrastrukturen statt", sagte er angesichts von Internet-Konstellationen wie Starlink. Europa könne hier eine Führungsrolle einnehmen und "innerhalb von fünf bis sieben Jahren eine autonome europäische Infrastruktur aufbauen". Auf diese Weise könnten Glasfasernetze und 5G-Technologie ergänzt werden. Aus Brüssel ist zu hören, dass die Kommission damit neben den großen Satellitennetzen Galileo (Navigation) und Copernicus (Erdbeobachtung) ein weiteres Leuchtturmprojekt auf den Weg bringen will, um die Potenziale der Satellitenkommunikation weiter auszuschöpfen. Nicht zuletzt gebe es dadurch Impulse für die europäische Weltraumindustrie.

Solche Pläne stoßen nicht auf uneingeschränkte Begeisterung. "Grundsätzlich ist die Idee, dünn besiedelte Gebiet über Satelliten mit Breitband zu versorgen, auf unserer Linie", sagt Walther Pelzer vom Raumfahrtmanagement des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. "Eine europäische Satellitenkonstellation sollte aber nutzerorientiert sein, also einen Mehrwert für die Gesellschaft haben." So gebe es im Bereich der Kommunikation einen relativ gut funktionierenden Markt. "Diese privatwirtschaftlichen Initiativen sollten durch staatliche Aktionen nicht gefährdet werden", warnt er. Er fürchtet, dass der Vorstoß Bretons "eher technologieorientiert" sei.

Die Industrie ist da naturgemäß aufgeschlossener, weil sie sich Aufträge erhofft. Raumfahrtexperte Matthias Wachter vom BDI-Verband findet Bretons Pläne "vom Grundsatz her eine gute Überlegung, weil es völlig neue Möglichkeiten eröffnen wird, was Anbindung und Vernetzung angeht." Zumal Europa ein souveränes Netz aufbauen sollte, wie er findet. "Eine eigene Konstellation wäre auch wirtschaftlich und strategisch sinnvoll, um neue Märkte zu erschließen." Der Chef der Bremer Raumfahrtfirma OHB, Marco Fuchs, schätzt, dass ein europäisches Telekom-Netz wohl aus mehreren Hundert Satelliten mit jeweils rund 200 Kilogramm Gewicht bestehen würde. "Bislang besteht die Gefahr, dass solche Satellitenkonstellationen an Europa vorbei aufgebaut werden", sagt er. "Nun könnte Europa gegenüber Projekten wie dem Starlink und Oneweb aufschließen."

Nach Angaben der Raumfahrtagentur Esa könnte das geplante Satellitennetz Govsatcom, das unter anderem für Polizei und Militär gedacht war, erweitert werden. In einer zunehmend instabilen Welt habe sich gezeigt, "dass sich Europa nicht auf den guten Willen seiner internationalen Partner verlassen sollte, wenn es um die kritischen Infrastrukturen geht", sagt Esa-Telekommunikations-Direktorin Magali Vaissière. Eine Studie mit der Industrie solle nun bis Ende Februar kommenden Jahres analysieren, wie ein solches Satellitennetz ausschauen könnte und welche Wettbewerbschancen es hätte. Vaissière schätzt die Kosten für ein solches Netz auf zwei bis fünf Milliarden Euro - je nach Anforderungen und Größe. "Für uns als Industrie ist es natürlich von Vorteil, wenn Europa auch den Bereich Telekom nicht zu passiv behandelt", sagt OHB-Chef Fuchs, der auch Vizepräsident des Bundesverbandes der Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) ist.

Es hat in Brüssel übrigens auch Überlegungen gegeben, das insolvente britisch-amerikanische Netzwerk Oneweb zu übernehmen, das bereits 74 Internetsatelliten im All hat. Für seine Pläne hätten aber die technischen Voraussetzungen nicht gestimmt, wie EU-Kommissar Breton in der Tageszeitung Le Figaro sagte. Die europäische Raumfahrtagentur ist da weniger diplomatisch: "Bei der Esa dreht sich alles um Innovation und zukünftige Projekte, sowohl öffentliche als auch private", heißt es. "Wir sind nicht hier, um private Projekte zu retten." Es wäre aber womöglich eine Chance gewesen, zumal Airbus die Satelliten baut und Ariane Startaufträge dafür besitzt. Doch es hat sich nun sowieso erledigt, andere waren schneller.

© SZ vom 11.08.2020
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