Jair Bolsonaro Brasiliens Bosse bejubeln einen Ahnungslosen

Jair Bolsonaro, rechtsgerichteter Populist, will Präsident von Brasilien werden - und die Chancen stehen nicht schlecht.

(Foto: dpa)

Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro gibt zu, nicht die geringste Ahnung von Wirtschaft zu haben. Die Unternehmer des Landes feiern ihn trotzdem - oder gerade deswegen.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Der Börse in São Paulo ging es lange nicht mehr so gut wie am Montag. Der Leitindex Ibovespa kletterte um 4,6 Prozent, besonders gefragt waren Aktien von Staatsbetrieben wie dem Ölkonzern Petrobras oder dem Energieversorger Eletrobras, die zweistellig zulegten. Ähnliches galt für brasilianische Fonds an den Börsen von Frankfurt und London. Auch die seit Monaten schwächelnde Landeswährung Real machte einen euphorischen Kurssprung. Was war passiert? Haben sie wieder einen Schatz entdeckt in Brasilien? So wie damals im Jahr 2007, als der Fund eines der weltweit größten Ölfelder einen Wirtschaftsboom auslöste? Nein, diesmal ging es nur um das überraschend gute Ergebnis eines gewaltverherrlichenden, frauenfeindlichen, homophoben Rechtpopulisten bei den Präsidentschaftswahlen.

Niemand dürfte so naiv sein, zu glauben, dass sich auf den Finanzmärkten nur Idealisten tummeln. Gleichwohl gehören "die regulierende Kraft des Marktes" und das "Band der Freundschaft", der Kapitalismus und die Demokratie ja nicht nur in den Schriften von Adam Smith zusammen, sondern auch in der Vorstellung vieler Zeitgenossen. Was sich aber in Brasilien, der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas, gerade abzeichnet, ist ein Band zwischen dem Wirtschaftsliberalismus und dem politische Autoritarismus.

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Der ehemalige Fallschirmjäger Jair Bolsonaro, 63, hat nach dem ersten Wahlgang von Sonntag beste Chancen, zum nächsten Staatsoberhaupt gewählt zu werden. Er verherrlicht die Militärdiktatur, hetzt gegen Schwarze und Indigene und wedelt gerne mit schweren Waffen. Außerdem ist er der Liebling der Großunternehmer und Börsenspekulanten. "Ich unterstütze jeden, der gegen die Linke vorgeht", sagte der Chef des Baukonzerns Tecnisa dem Magazin Piauí. Offenbar hat er damit stellvertretend für die ganze Branche gesprochen. In keinem anderen Wählersegment erhielt Bolsonaro so viele Stimmen wie unter den zehn Prozent der reichsten Brasilianer. Zu ihnen gehört auch Oscar Maroni, Verleger, Promoter und Besitzer des größten Nachtklubs von São Paulo. Im Falle eines Wahlsieges des Rechtspopulisten versprach er allen Kunden Freibier.

Das alles ist auch deshalb erstaunlich, weil Bolsonaro zugibt, nicht die geringste Ahnung von Wirtschaft zu haben. Am allerwenigsten ist er bisher als Verfechter des Freihandels aufgefallen. In seinen 28 Jahren als Abgeordneter hat er so ziemlich gegen jedes Gesetz zur Verschlankung des Staates gestimmt und stets die kooperativen Interessen der Militärs und der Beamten verteidigt. Als 1999 der damalige Präsident Fernando Henrique Cardoso Staatsbetriebe privatisieren wollte, sagte Bolsonaro, Cardoso gehöre erschossen. Und jetzt kriegen sich die Investoren kaum noch ein vor Jubel über dessen Aufstieg.

Das hängt zum einen mit seinem Stichwahlgegner zusammen: Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT, die 13 der vergangen 15 Jahre regierte. Die meisten davon waren Boomjahre, aber am Ende ging es rapide bergab und dafür wird die PT gehasst. Daran haben auch die jüngsten zwei Jahre unter dem liberal-konservativen Präsidenten Michel Temer nichts geändert, in denen sich die Krise weiter verschärfte.

Bolsonaro will den ultraliberalen Banker Paulo Guedes zum Minister machen

Es gibt aber noch einen zweiten Grund für die Börseneuphorie: Bolsonaro mag im Wahlkampf vielleicht nicht seine Liebe zum Freihandel entdeckt haben, aber er hat immerhin Paulo Guedes entdeckt. Es war eine strategische Entscheidung, den ultraliberalen Banker zum designierten Minister für Wirtschaft und Finanzen zu machen. Damit sicherte sich Bolsonaro die Unterstützung der Unternehmerschaft. Guedes, 69, will Brasilien radikal privatisieren.

Für diese Mischung aus autoritärer Politik und liberaler Ökonomie gibt es in Lateinamerika ein berüchtigtes Vorbild: das Chile der Pinochet-Ära mit den sogenannten Chicago-Boys. Mit Ökonomen also, die den Diktator im Geiste Milton Friedmans berieten. Dieser Seitenblick ist auch deshalb gerechtfertigt, weil Guedes in Chicago studierte und zu Zeiten Pinochets an der Universität von Santiago lehrte.

Wenn sich die Börsenanalysten überhaupt Sorgen machen wegen Bolsonaro, dann geht es meist darum, wie viel Einfluss Guedes tatsächlich bekäme? Eine berechtigte Frage. Denn die mächtige Militärlobby, die hinter diesem Kandidaten steht, hat den staatlichen Dirigismus immer verteidigt.

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