Brasilien:Das blaue Ölwunder

Die Stadt Itaboraí leidet unter dem größten Korruptionsskandal in der Geschichte des Landes, in dessen Mittelpunkt der Ölkonzern Petrobras steht.

Von Boris Herrmann, Itaboraí

Zur Krise geht es hinter der Brü-cke nach Niterói gleich links ab. Man verlässt Rio de Janeiro auf der Bundesstraße 101 in östlicher Richtung, dann immer an jener Kloake entlang, die sich Guanabará-Bucht nennt, vorbei an den Favelas von São Gonçalo, bis man sich einem Ort nähert, der aussieht wie der kleine Bruder von Hongkong. Das ist er aber nur auf den ersten Blick und nur an der Hauptstraße, wo das "Hellix Business Center" neben dem "Enterprise Business Center" und dem "Van Gogh Corporate Center" in den Himmel ragt und wo die Ampeln mit modernster Zeitanzeige-Technik ausgestattet sind. In den meisten Nebenstraßen gibt es keine Ampeln, sie sind voller Schlaglöcher. Willkommen in Itaboraí, der Hauptstadt des brasilianischen Ölwunders.

Das südamerikanische Land erlebt allerdings gerade sein blaues Ölwunder. Der halbstaatliche Mineralölkonzern Petrobras wird von der heftigsten Krise seit seiner Gründung 1953 erschüttert, und die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt wankt mit. Vor allem in Itaboraí ist das zu spüren. Hier waren die Heilsversprechen am größten, hier ist die Realität deshalb umso trostloser. Das Hellix Business Center steht heute genauso leer wie die anderen verglasten Neubauten. In der Hauptstraße gibt es mindestens 6000 Luxusapartments, Büros und Konferenzräume, die niemals genutzt wurden und wohl auch nie genutzt werden. So sieht das Luiz Fernando Guimarães, der muss es wissen. Er ist Sekretär für Wirtschaftsentwicklung im Rathaus.

"Es wird lange dauern, bis diese Stadt wieder auf die Beine kommt", meint Guimarães. Auch ihm selbst ging es schon besser. Er hat Husten und Fieber, die er auf seine Weise bekämpft, "mit den besten Erfindungen aus Großbritannien und Deutschland", wie er sagt: mit Scotch und Aspirin.

Eine der besten brasilianischen Erfindungen war angeblich der Complexo Petroquímico von Itaboraí im Bundesstaat Rio de Janeiro, der meist nur Comperj genannt wird. Der ehemalige Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva behauptete, dass sich Brasilien damit neu erfinden würde. "Das Problem ist", sagt Guimarães, "dass ihm das Volk geglaubt hat."

A man gets into the waters of a beach, next to a Petrobras offshore oil base in Macae

Ein Mann lässt sich in der Nähe des großen Ölkomplexes bei Itaburaí nicht vom Baden im Meer abhalten.

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)

Comperj (gesprochen: "Kompertschi") war einmal das größte Projekt der größten Firma Brasiliens. Petrobras wollte am Stadtrand von Itaboraí zwei Raffinerien mit angeschlossenem petrochemischen Komplex errichten. Auf 45 Quadratkilometern sollten hier täglich 500 000 Barrel Erdöl verfeinert werden. Wahrscheinlich hatte das ganze Projekt von Anfang an etwas Größenwahnsinniges. Aber es waren eben auch die Zeiten, als jeder Superlativ gerade groß genug erschien. Brasilien hatte vor seiner Küste Öl gefunden. Zwischen 30 und 50 Milliarden Barrel, so wird geschätzt. Allemal genug für große Träume.

Der Schatz liegt nicht einfach in der Tiefsee, sondern noch weit darunter. Er liegt bis zu 7000 Meter unter der Wasseroberfläche, unter einer kilometerdicken Salzkruste auf dem Meeresboden. "Pré-Sal" heißen diese Vorkommen deshalb. Sie zu heben, ist aufwendig und extrem riskant. Aber das scheint gar nicht das Problem zu sein. Die Ingenieure von Petrobras gelten als weltweit führend. "Und was wir nicht können, werden wir lernen", versprach Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff.

Seit der Skandal aufflog ist der Ölkonzern praktisch investitionsunfähig

Auf das Wir kommt es an. Brasilien, Petrobras und die Arbeiterpartei PT sollten lange Zeit ganz bewusst als Einheit wahrgenommen werden. Inzwischen würde die schwer angeschlagene Präsidentin Rousseff das nicht mehr so ausdrücken. Die Wahlsiege von Lula und Rousseff in den Jahren 2002 bis 2014 sind aber so eng mit dem brasilianischen Ölrausch verknüpft, dass jetzt auch die Ölkrise und der ölige Schmiergeldskandal auf sie zurückfallen. Zumal zahlreichen hochrangigen Parteigenossen nachgewiesen wurde, dass sie fleißig mitkassiert haben.

Brasilien: Eine Ölplattform des halbstaatlichen Konzerns Petrobras in der Bucht von Guanabara.

Eine Ölplattform des halbstaatlichen Konzerns Petrobras in der Bucht von Guanabara.

(Foto: Leo Correa/AP)

Im Juni 2006 war die Welt der PT aber noch in Ordnung. Zum feierlichen ersten Spatenstich von Comperj sprach Präsident Lula von einem Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Über 200 000 Jobs würden in Itaboraí in Zusammenhang mit diesem Bau entstehen. Die Stadt hatte damals etwas mehr als 150 000 Einwohner, die hauptsächlich von der Landwirtschaft lebten, aber bald alles stehen und liegen ließen, um sich auf das goldene Ölzeitalter einzustimmen. Wie hatte Lula doch gleich gesagt? "In fünf Jahren wird Itaboraí ein weltweiter Maßstab für Erfolg sein." Inzwischen ist Itaboraí tatsächlich zu einem Beleg geworden: für den Niedergang, für das Verbrechen, für den Petrobras-Skandal.

Ursprünglich sollte Comperj 6,1 Milliarden US-Dollar kosten und im September 2013 eröffnet werden. Inzwischen hat der Bau 21,6 Milliarden Dollar verschlungen, und noch ist kein Öl verarbeitet worden. Zuletzt hieß es aus der Firmenzentrale in Rio, die Anlage sei zu 86 Prozent fertig.

Wer immer das ausgerechnet haben mag, bei 86 Prozent sind die Arbeiten nun ins Stocken geraten. Bis dahin waren die Verzögerungen vor allem auf Fehlplanung und Misswirtschaft zurückzuführen. Jetzt geht es um systematische Korruption. Seit mit der sogenannten "Operation Autowäsche" ein beispielloses Bestechungskartell rund um Petrobras aufflog, ist der Ölkonzern praktisch investitionsunfähig. Baufirmen, die beschuldigt werden, mit Schmiergeldern an ihre lukrativen Aufträge herangekommen zu sein, dürfen vorerst nicht mehr mit Petrobras zusammenarbeiten. 27 Firmen werden von den Ermittlern verdächtigt. Fast alle waren beim Comperj-Projekt dabei, darunter Brasiliens größte Baukonzerne wie Odebrecht, OAS oder Camargo Correa.

Alles nahm seinen Anfang vor gut einem Jahr, mit einer Razzia bei dem ehemaligen Petrobras-Vorstandsmitglied Paulo Roberto Costa. Die Ermittler waren damals einem illegalen Devisenhändler namens Alberto Youssef auf der Spur. Erst nach der Verhaftung stellten sie fest, dass ihnen ein viel größerer Fang gelungen war. Heute weiß man, dass Youssef der Mann war, der das Schmiergeld für Petrobras einsammelte und es auf geheimen Konten im Ausland verteilte. Er machte dabei aber einen schweren Fehler: Er kaufte einen Land Rover und gab die Rechnungsadresse von Paulo Roberto Costa an. Der größte Korruptionsskandal in der Geschichte Brasiliens kam ins Rollen.

2 Milliarden Euro

Laut der Bilanz des Petrobras-Chef Aldemir Bendine sind umgerechnet zwei Milliarden Euro veruntreut worden. Ehemalige Top-Manager des halbstaatlichen Ölkonzerns und korrupte Politiker teilten das gewaschene Schwarzgeld untereinander auf.

In Costas Wohnung wurden ein Computer mit reichlich belastendem Material sowie eine halbe Million Dollar in bar gefunden. Youssef und Costa, zwei der Haupttäter in diesem Korruptionssumpf, haben sich schnell mit den Behörden auf eine Kronzeugenregelung geeinigt. Vieles, was später herauskam, stammt aus ihren Beichten. Zum Beispiel: Wenn bei Petrobras in den vergangenen zehn Jahren große Investitionsprojekte wie Comperj ausgeschrieben wurden, war stets derselbe Zirkel von Subunternehmern im Rennen. Die wussten bald, dass etwa drei Prozent der Investitionssumme an Schmiergeld fällig waren, um den Zuschlag für einen Auftrag zu erhalten. Dieses Geld floss für erfundene Unteraufträge an erfundene Firmen, die etwa Firasa oder Natiras hießen und nicht viel mehr besaßen als ein Schwarzgeldkonto im Ausland. Laut der Bi-lanz, die der neue Petrobras-Chef Aldemir Bendine in der vergangenen Woche vor-legte, sind 6,2 Milliarden Reais veruntreut worden, rund zwei Milliarden Euro. Ehemalige Top-Manager des halbstaatlichen Ölkonzerns und korrupte Politiker teilten das gewaschene Schwarzgeld untereinander auf.

In Brasilien werden Leute wie Costa und Youssef "homem-bomba" genannt, menschliche Bombe. Es hat sich für beide gelohnt. Sie wurden in der vergangenen Woche verurteilt, allerdings zu einem erheblich geminderten Strafmaß. Costa darf seine Gefängnisstrafe sogar in seiner luxuriösen Wohnung absitzen.

In einem schmucklosen Gebäude am Ende der Hauptstraße von Itaboraí sitzt Marcos Paulo, 36, zwischen alten Möbeln, die er mit Preisschildern beklebt hat. Er hat etwa hundertmal die gleiche Kommode im Angebot und hundertmal den gleichen Badezimmermülleimer. Bei Marcos Paulo ist dieser Tage Resterampe. Draußen am Dachgiebel hängt noch das Schild, das von besseren Zeiten kündet: "Pousada do Trabalhador", Hotel des Arbeiters. Vor sechs Jahren hat Marcos Paulo kräftig investiert, als er das Gästehaus mit 103 Zimmern eröffnete. Es schien sich zu lohnen, 30 000 Gastarbeiter aus allen Teilen Brasiliens kamen hierher, um Comperj aus dem Boden zu stampfen. Die mussten ja irgendwo übernachten. Seitdem die korruptionsverseuchte Baustelle ruht, sind die Gastarbeiter weg. Marcos Paolo ist pleite. Er sagt: "Ich habe mit diesem Skandal nichts zu tun, aber ich zahle dafür."

Vor allem die kleinen Leute müssen für den großen Filz bei Petrobras geradeste-hen. "Denen hilft niemand, die haben verloren", sagt Stadtrat Luiz Fernando Guimarães bei Schmerzmittel und Whiskey. In Itaboraí mussten gerade die Löhne für die Beschäftigten der Stadt um 20 Prozent gekürzt werden, in den Schulen und Kindergärten wurden die Pförtner gefeuert. Hotels, Restaurants, Geschäfte machen dicht. Auch Marcos Paulo hatte mal 44 festangestellte Mitarbeiter. Zwei sind noch da. Sie helfen ihm, die Möbel zu verscherbeln.

© SZ vom 02.05.2015
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