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Nach Dammbruch in Brasilien:Angehörige der Opfer erstatten Anzeige gegen TÜV Süd

Dreck und Ödnis: Ein Junge blickt auf die Ausmaße der Verwüstung, die die Schlammlawine im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais hinterlassen hat.

(Foto: AFP)
  • Die Angehörigen von fünf Opfern, die beim Dammbruch in einer brasilianischen Eisenerzmine ums Leben kamen, stellen nun Strafanzeige gegen Mitarbeiter des TÜV Süd und die Firma selbst.
  • Sie werfen ihnen unter anderem fahrlässiger Tötung vor - der TÜV Süd sei für das Unglück mitverantwortlich.
  • Bei dem Dammbruch starben im Januar mindestens 272 Menschen.

Durch den Dammbruch bei der brasilianischen Eisenerzmine Côrrego do Feijão löste sich am 25. Januar eine giftige Schlammlawine und schoss mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Kilometern pro Stunde das Tal hinunter, ergoss sich über Häuser und Straßen. Bei dem Unglück starben mindestens 272 Menschen, auch die 32-jährige Natalia Fernanda da Silva Andrade, die bei dem Bergbaukonzern Vale arbeitete, der die Mine betreibt.

Ihre Schwester Angelina Amanda da Silva Andrade hat nun mit vier Angehörigen weiterer Opfer bei der Staatsanwaltschaft München I Strafanzeige gegen einen Mitarbeiter des TÜV Süd erstattet und eine Ordnungswidrigkeitsanzeige gegen einen weiteren Mitarbeiter sowie gegen das Unternehmen selbst und eine deutsche Tochterfirma gestellt - unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, wie es in der Anzeige heißt, die der SZ vorliegt. "Deutsche haben bei uns in Brasilien das Image, seriös und unkorrupt zu sein", sagt da Silva Andrade, 25, die als Lehrerin arbeitet. Untersuchungen zeigten jedoch, dass der TÜV Süd für das Unglück mitverantwortlich sei, weil er trotz Bedenken eines eigenen Prüfers den Staudamm als sicher eingestuft habe.

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Der Kollaps eines weiteren Staudamms wird befürchtet, nachdem bereits am Freitag eine Schlammlawine Teile des Ortes Brumadinho unter sich begraben hat.

Vertreten werden die fünf Klagenden vom Hilfswerk der katholischen Kirche, Misereor, und der auf solche Klagen spezialisierten Menschenrechtsorganisation ECCHR. Die Staatsanwaltschaft München bestätigte am Mittwoch den Eingang der Anzeige, deren inhaltliche Prüfung "geraume Zeit in Anspruch nehmen" werde. TÜV Süd teilte mit, man habe noch kein Geld für Strafen oder Hilfen gezahlt und gebe "zu laufenden gerichtlichen und behördlichen Verfahren keine weiteren Auskünfte".

Lokale Mitarbeiter des TÜV Süd sollen bereits vor dem Unglück festgestellt haben, dass der Damm nicht den notwendigen Sicherheitsfaktor erreichte. In einer internen E-Mail hielt laut Anzeigestellern ein lokal tätiger Ingenieur des TÜV Süd am 13. Mai 2018 fest: Alles deute darauf hin, dass der Sicherheitsfaktor für den oberen Bereich unter dem Minimum liegen werde. Daher könne man "die Stabilitätserklärung des Staudamms streng genommen nicht unterzeichnen". Statt die Ausstellung des Zertifikats zu verweigern, so der Vorwurf, hätten die zuständigen Mitarbeiter neue Berechnungswege gesucht, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

In Brasilien existieren noch 84 weitere Dämme ähnlicher Bauart

Eine zentrale Rolle für die folgende Zertifizierung des Damms soll ein Ingenieur und Vorgesetzter der lokalen TÜV-Süd-Beschäftigten gespielt haben, der beim Mutterkonzern arbeitet. "Wir müssen ihm die Angelegenheit vorlegen und ihn um seine Meinung bitten", heißt es in einer internen Mail lokaler Mitarbeiter des TÜV Süd. Da das Zertifikat im Ergebnis aber erteilt wurde, spricht nach Ansicht der Kläger vieles dafür, dass der Befragte das erhoffte grüne Licht auch erteilt habe. Gegen den Mitarbeiter, der über langjährige Erfahrung verfügt, wurde Strafanzeige gestellt.

Möglicherweise spielte auch Druck des Auftraggebers Vale auf den TÜV Süd eine Rolle bei der Erteilung des Zertifikats. "Wie immer wird Vale uns die Pistole auf die Brust setzen und uns fragen: Und wenn er nicht besteht, werden sie unterschreiben oder nicht?", heißt es in einer internen E-Mail lokaler Mitarbeiter, die der Anzeige beiliegt, die drei Aktenordner umfasst. Und es tickt eine Zeitbombe: Denn in Brasilien existieren noch 84 weitere Dämme ähnlicher Bauart, von denen insgesamt 43 als hochriskant eingeschätzt werden.

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