BP und die US-Regierung Gefährliche Allianz

BP wird nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe von der US-Regierung praktisch freigesprochen. Ein Fehlurteil.

Ein Kommentar Karl-Heinz Büschemann

Warum musste sich der Ölkonzern BP monatelang als Umweltverpester durch die Medien ziehen lassen? Warum musste der Konzern seinen Chef vor den Augen der Öffentlichkeit feuern? Warum musste BP versprechen, alle Kosten zu übernehmen, die der Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im April dieses Jahres und das monatelange Ausfließen von Rohöl verursachten? Warum das alles, wenn eine Prüfungskommission der Regierung in Washington gut ein halbes Jahr später den britischen Konzern praktisch freispricht und feststellt, es gebe keine Hinweise darauf, dass BP-Beschäftigte zu Lasten der Sicherheit Kosten hätten sparen wollen. Die Schuld an dem Desaster läge nicht bei BP, sondern bei den Partnerfirmen.

Brennende Ölplattform "Deepwater Horizon": Boote versuchen den Brand zu löschen (Archivaufnahme).

(Foto: dpa)

Ein erstaunliches Ergebnis. Nicht einmal die BP-Manager selbst sprechen sich von der Verantwortung für die größte Ölkatastrophe in der Geschichte der USA völlig frei. Das Urteil aus Washington aber ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die US-Regierung ein Teil des Problems ist und eine gehörige Mitverantwortung an dem Golf-Desaster trägt. Die Anlagen und Verfahren, die BP auf der Bohrinsel einsetzte, waren allesamt von den US-Behörden genehmigt worden. Kein Wunder, dass die offizielle Prüfungskommission der Regierung mit dem Ölmulti pfleglich umgeht.

Es gibt in den USA eine gefährliche Nähe zwischen Ölindustrie und Politik. Die US-Regierung hat großes Interesse daran, an den eigenen Küsten möglichst viel Öl zu fördern. Sie wird alles verhindern, was die Förderung nach ihrer Lesart unnötig verteuert. Doch wo Regierung und Ölunternehmen in einem Boot sitzen, kann es keine wirksame Kontrolle der Firmen geben. Die wäre aber notwendig. Wo sich große Konzerne scheinbar um das nationale Wohl eines Volkes verdient machen, wo Ex-Ölmanager in der Staatsverwaltung sitzen und Staatsbeamte die Ölkonzerne im Prinzip mit Wohlwollen begleiten, findet eine unerlaubte und gefahrbringende Vermengung der Interessen statt.

Es gehört zum Alltag großer Konzerne, die Risiken für die Geschäfte auf möglichst viele Partner zu verteilen. Der Kostendruck der Globalisierung sorgt dafür, möglichst viele Geschäfte an Fremdfirmen auszulagern. BP besitzt keine Ölplattformen. Die werden gemietet. Bauarbeiten werden von Fremdfirmen erledigt. An jedem Bohrprojekt hängen ungezählte Subunternehmer. Wenn etwas schiefgeht, ist es schwierig, einen Verantwortlichen zu finden. Wo das Meerwasser tief ist, die Risiken hoch und die Zahl der Partner groß sind, schrumpft kurioserweise die Wahrscheinlichkeit, einen klar Verantwortlichen auszumachen. Moderne Konzernstrategien und wachsende Gefahren gehen einher mit undurchsichtigen Prozessen. Passiert etwas, bleibt es an Gerichten hängen, die komplexen Strukturen zu durchschauen, die selbst die Manager nicht im Griff hatten. Doch wo sich Gerichtsverfahren wegen der komplexen Materie über mindestens zehn Jahre hinziehen, ist das Risiko für die Konzerne vergleichsweise klein. Erst recht gilt das, wenn eine Kommission der Regierung, wie jetzt geschehen, BP von einem großen Teil der Schuld freispricht.

Der Fall BP/Deepwater Horizon entwickelt sich zum Ärgernis. Sicher wird am Ende des langen Verfahrens für BP eine Strafzahlung stehen. Es wird auch Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe geben. Aber BP wird es überleben. Ölkonzerne, die für Umweltkatastrophen verantwortlich waren, kamen mit Hilfe der Gerichte in den USA bisher immer relativ glimpflich davon. Richtig ist, dass BP seit der Katastrophe im April etwa 30 Prozent seines Firmenwertes verloren hat. Heute ist das Unternehmen noch immer über 100 Milliarden Euro wert. Längst arbeitet der Konzern daran, seine Geschäfte in Russland auszuweiten. Ironischerweise soll das der gefeuerte BP-Chef Tony Hayward in die Hand nehmen. In Russland sind die Ölvorkommen groß, die Förderung liegt in der Hand des Staates. Das hat Vorteile für BP: Sollte es in Russland zu einer Umweltkatastrophe kommen, sitzt der Staat als Nutznießer des Ölgeschäfts wieder mit im Boot. Sogar stärker als in Amerika.

Umweltkatastrophen

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