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BP-Aktien: Absturz nach Ölkatastrophe:Wetten auf den Untergang

Die Aktienkurse von BP fallen und fallen. Analysten sagen bereits einen Konkurs des Ölkonzerns voraus. Die Konkurrenz in der Branche beobachtet derweil gespannt.

Als Seven Sisters waren sie einst berüchtigt, die sieben Ölkonzerne, die vor einem halben Jahrhundert den Weltmarkt beherrschten und ganze Staaten beeinflussten. Heute sind davon nur vier übrig geblieben - Exxon Mobil, Chevron, Shell und BP -, aber noch immer gehören diese zu den mächtigsten Unternehmen weltweit. Scheinbar unerschütterlich. Too big to fail.

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Freiwillige befreien in Buras, Louisiana, einen Pelikan vom Öl.

(Foto: afp)

Die Zweifel daran werden bei BP jedoch immer lauter: Nach Börseneröffnung brachen die Aktien des Konzerns am Vormittag in London um mehr als elf Prozent ein, zuvor war der Wert des Papiers in New York nach Gerüchten, dass die Dividende ausgesetzt werden könnte, um 15 Prozent hinabgerauscht.

Die Aktie ist an der London Stock Exchange so billig wie seit zehn Jahren nicht mehr, die Kosten für Ausfallversicherungen steigen und steigen. Seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April hat BP fast 44 Prozent seines Börsenwertes verloren, umgerechnet mehr als 65 Milliarden Euro.

"Wir kennen keinen Grund, der den aktuellen Absturz rechtfertigt", teilte das Unternehmen umgehend mit. BP verfüge über ausreichend finanzielle Mittel, um alle Kosten des Unfalls zu tragen. Tatsächlich hat der Ölkonzern im vergangenen Jahr fast 17 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet, und BP-Chef Tony Hayward bekräftigt immer wieder, seine Firma werde diesen Sturm auch überstehen.

Insolvenz in Panik

Analysten der US-Investmentbank Merrill Lynch rechnen allerdings damit, dass die Ölkatastrophe das britische Unternehmen mindestens 28 Milliarden Dollar kostet. Die New York Times kommt in ihrer Schätzung sogar auf bis zu 40 Milliarden Dollar für Reinigung und Schadenersatz - und da fehle noch eine mögliche Strafe von Hunderten Milliarden Dollar, wie die Zeitung schreibt.

Steht BP vor dem finanziellen Untergang? Davor warnt zumindest der Investmentbanker Matt Simmons, der als Experte im Ölgeschäft gilt und 2005 in der Branche mit seinem Buch Wenn der Wüste das Öl ausgeht für Aufsehen sorgte. Damals sagte Simmons den hohen Ölpreis von weit mehr als 100 Dollar pro Barrel richtig voraus. Diesmal prognostiziert er BP eine düstere Zukunft: "Die haben noch einen Monat Zeit, bevor sie Insolvenz nach Chapter Eleven erklären", sagt Simmons zu cnnmoney.com. Kapitel elf des US-Insolvenzrechts regelt eine vom Gericht überwachte Umorganisierung der Firmenfinanzen.

"Denen geht wegen der Prozesse, Säuberungen und anderen Ausgaben das Geld aus", erklärte Simmons. US-Präsident Brack Obama habe schlauerweise vor drei Wochen BP-Chef Hayward die Zusage abgerungen, dass der Ölkonzern jeden Dollar für die Säuberungen nach der Katastrophe bezahlt. "Aber in der ganzen Welt gibt es nicht genug Geld, um den Golf von Mexiko wieder sauber zu machen", betont Investmentbanker Simmons. In Panik werde BP deshalb Insolvenz anmelden.

Begehrlichkeiten der Branche

Das weckt Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz. Shell und Exxon Mobil seien an einer Übernahme interessiert, heißt es in der Branche. Banker und Anwälte entwerfen angeblich schon Übernahmepläne, ein üppiges Honorar inklusive. Als Möglichkeit gilt außerdem, dass BP für die Kosten der Reinigung und möglicher Milliardenklagen einen Teil des Unternehmens auslagert.

Die anderen Ölkonzerne beobachten BP aber nicht nur als Übernahmeopfer. Im Vergleich zum Tag, an dem die Bohrplattform im Golf von Mexiko explodierte, haben die Aktien in der gesamten Branche an Wert verloren: Die Kurse der US-Konzerne Conoco Phillips, Exxon Mobil und Chevron sowie von Total aus Frankreich fielen seither um bis zu 14 Prozent. Bei Shell (minus sieben Prozent) und dem chinesischen Unternehmen Sinopec (minus sechs Prozent) sieht es nur wenig besser aus.

Obwohl diese Konzerne weltweit nach Erdöl und Erdgas bohren, zieht die Explosion vor der US-Küste und ihre Folgen die Branche mit hinab. So hat US-Präsident Barack Obama bereits eine härtere Gangart gegen die Ölindustrie angekündigt. Genehmigungen für Bohrungen in tiefen Küstengewässern sollen künftig erst nach einer wesentlich strengeren Prüfung erteilt werden. Zudem warnte Obama, er wolle die "behagliche und manchmal korrupte Beziehung" zwischen den Behörden und der Ölindustrie beenden.

Derweil hat Investmentbanker Simmons eine Idee, den Ölstrom unter Wasser zu stoppen. Der einzige Weg sei eine alte Strategie der damaligen Sowjetunion, rät Simmons, der auch den früheren US-Präsidenten George W. Bush beriet: Man müsse eine Bombe ganz tief unter Wasser explodieren lassen, auf dass die Hitze die Steine im Erdreich schmelze und so das Loch im Boden versiegle.

© sueddeutsche.de/pak
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