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Bosnien-Herzegowina:"Wir werden nicht aufgeben"

"Wir erleben immer mehr Menschen, die aufstehen und gegen die Zerstörung ihrer Natur und Dörfer protestieren", sagt Nataša Crnković vom Center for Environment. Ihre Organisation unterstützt auch die Frauen von Kruščica. Hilft ihnen, sich mit anderen Dörfern zu vernetzen, ihr Anliegen im Internet zu verbreiten und Spenden für die Anwaltskosten aufzutreiben. Die Strukturen in Bosnien-Herzegowina seien immer noch sehr paternalistisch geprägt, sagt Crnković. Vor allem Männer würden öffentlich ihre Meinung ­sagen und Entscheidungen treffen. Dass Frauen die Proteste anführen, wie in Kruščica, sei schon sehr ungewöhnlich. "Vielleicht setzen sich gerade für die Umwelt, den Schutz ihrer Flüsse und Dörfer besonders viele Frauen ein, weil sie es tra- ditionell eher gewohnt sind, langfristig und nachhaltig zu denken und sich um ihre Gemeinschaft zu kümmern", sagt Crnković.

Sie hat Umweltwissenschaften studiert, spricht fließend Englisch, ist international gut vernetzt und kämpft nicht nur für die Umwelt, sondern auch dafür, junge Menschen für ihr Land zu begeistern. Viele ihrer Bekannten wandern ab, suchen bessere Zukunftsperspektiven im Ausland. "Wir haben eine einmalige Biodiversität auf dem Balkan. Die Natur ist unser Juwel, das wir schützen müssen", sagt Crnković. 96 Prozent der geplanten Kraftwerke liegen in Regionen, die die österreichische Umweltorganisation RiverWatch in einer Studie als besonders schützenswerte Gebiete klassifiziert hat.

RiverWatch und das Center for Environment sind zwei von zahlreichen Organisationen, die sich 2012 zur Kampagne "Save the Blue Heart of Europe" zusammengeschlossen haben. Seitdem werben sie für den Erhalt von mehr als 20 000 Kilometern unberührter Flussläufe auf dem Balkan. Im September 2018 hat die Kampagne in Sarajevo eine Konferenz zum Schutz der Flüsse auf dem Balkan organisiert. Mehr als 250 Vertreter von Organisationen und Wissenschaftlern aus ganz Europa haben sich dort versammelt und vor einer Umweltkatastrophe gewarnt.

Sie plädierten dafür, besonders sensible ökologische Regionen für Wasserkraftprojekte zu sperren. Und appellierten an die Regierungen der Balkanländer, ihre Energiepolitik neu auszurichten, die Abhängigkeit von Wasserkraft zu verringern und stattdessen mehr in Sonnen- und Windenergie zu investieren - denn Alternativen zur Wasserkraft gäbe es ihrer Ansicht nach sehr wohl. Zudem forderten sie Banken auf, die Finanzierung von Projekten in Schutzgebieten einzuschränken und strengere Umweltrichtlinien einzuführen.

Unterstützt wird die Blue-Heart-Kampagne auch von der Firma Patagonia. Das Unternehmen mit Hauptsitz in den USA wirbt damit, seine Outdoor-Bekleidung so langlebig und umweltschonend wie möglich herzustellen. Viele Konzerne setzen mittlerweile auf grünes Marketing. Patagonia ruft seine Kunden sogar dazu auf, möglichst wenig zu kaufen. Eine Haltung, die wiederum Patagonias Image verbessert und letztlich wohl doch den Verkauf steigert.

Wie glaubhaft kann man also Produkte vermarkten und sich gleichzeitig für den Schutz der Umwelt einsetzen? Das fordere natürlich eine ständige Auseinandersetzung, müsse aber nicht im Widerspruch zueinander stehen, sagt Mihela Hladin Wolfe. Die 44-Jährige ist bei Patagonia Direktorin für Umweltinitiativen in Europa. "Die Lösung kann doch nicht sein, nichts mehr zu produzieren. Viel wichtiger ist es, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen." Deswegen engagiere sich Patagonia auch direkt in Umweltkampagnen und unterstütze kleine Organisationen.

Hladin Wolfe ist vor vier Jahren auf die Blue-Heart-Kampagne gestoßen. Die gebürtige Slowenin wusste, dass Wasserkraft kein einfaches Thema ist. "Alle haben mir erst gesagt: Bist du verrückt? Wasserkraft ist doch grün. Willst du etwa zurück zur Kohle?" Trotzdem hat sie sich entschieden, einen Dokumentarfilm über die Flüsse auf dem Balkan zu drehen. "Weil man erst richtig begreift, welche Auswirkungen Wasserkraftwerke haben, wenn man die betroffenen Menschen anhört. Wenn man die Bilder der Zerstörung sieht, die die Staudämme und Wasserumleitungen anrichten", sagt sie.

Die Frauen von Kruščica haben durch den Dokumentarfilm Blue Heart von Patagonia internationale Aufmerksamkeit erlangt. Die sei wichtig, sagt Tibold. Um Spenden für die Anwaltskosten und Gerichtsprozesse zu sammeln. Und für den moralischen Rückhalt. Um durchzuhalten. Im Juni 2018 haben sie einen ersten Sieg errungen. Das zuständige Kantonsgericht hat die Baugenehmigung des Wasserkraftwerks für ungültig erklärt. Die Frauen befürchten jedoch, dass der Investor mit einem überarbeiteten Antrag erneut eine Genehmigung erhalten könnte. Deswegen bewachen sie ihren Fluss weiter Tag und Nacht. "Wir werden nicht aufgeben", sagt Tibold. Neben ihrer kleinen Brücke haben sie ein Schild aufgestellt. Darauf steht in weißer Schrift auf blauem Grund: "Brücke der mutigen Frauen von Kruščica".

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