Bosnien-Herzegowina Die ökologischen Auswirkungen sind katastrophal

"Das ist ein Irrglaube", sagt Nataša Crnković, Präsidentin der bosnisch-herzegowinischen Umweltorganisation Center for Environment. Die 31-Jährige mit den braunen Locken hat ein herzliches Lachen. Spricht sie aber über die gefährdeten Flüsse, wird sie energisch. Der Anteil an Strom, den die geplanten Wasserkraftanlagen auf dem Balkan erzeugen könnten, sei sehr gering.

Die ökologischen Auswirkungen dagegen katastrophal. Nicht nur gewaltige Staudämme, sondern ebenso kleine Kraftwerke, wie in Kruščica geplant, würden wertvolle Ökosysteme zerstören, Flussbetten austrocknen, Grundwasserspiegel absenken und seltene Tierarten gefährden. "Die Kraftwerke bedrohen zudem die Lebensgrundlage vieler Menschen", sagt Crnković. "Subventionen machen das Geschäft für Investoren, Baufirmen, Energiekonzerne und Banken interessant. Menschenrechte werden dabei missachtet."

Amira Handanagic ist eine von vielen Frauen, die für die Krušcica kämpfen - nicht nur mit selbst bemalten T-Shirts.

(Foto: Jelle Mul)

Welche Banken und Energiekonzerne hinter dem Boom der Wasserkraftanlagen auf dem Balkan stehen, hat Bankwatch, ein Netzwerk von Umweltorganisationen, in einer umfangreichen Studie analysiert. Neben kommerziellen Banken sind das demnach auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Weltbank, die direkt oder indirekt Projekte finanzieren.

Wie weit soll man gehen, um Strom zu gewinnen? Rechtfertigt der Energiebedarf, ganze Landstriche in Kohlekesseln zu verheizen und damit die Klimaerwärmung zu beschleunigen? Nein, sagen die Demonstranten im deutschen Hambacher Forst und finden große Unterstützung. Aber darf man dann, um aus eben jener umweltschädlichen Kohle auszusteigen, Staudämme bauen, Dörfer überfluten und wertvolle Ökosysteme zerstören? Nein, sagen die Frauen in Kruščica. Es ist ein Dilemma, ein Abwägen ökologischer und sozialer Auswirkungen. Was ist wirklich nachhaltig? Was gerecht?

Die Dorfbewohner von Kruščica hörten im Juni 2017 zum ersten Mal von den Plänen. Dass ihr Fluss umgeleitet und durch Rohre fließen soll, um Strom zu erzeugen. Erst waren es nur Gerüchte. Bis zwei Monate später die Bagger anrückten; der Investor hatte längst die Baugenehmigung. Die Dorfbewohnerinnen entschieden, etwas dagegen zu unternehmen.

Tahira-Mika Tibold und die anderen Frauen haben den Bosnienkrieg erlebt. Mehr als zwanzig Jahre danach sind die Erinnerungen an erlittene Gewalt noch gegenwärtig. Sie verlassen sich bis heute nicht auf Rechtsstaatlichkeit, zu korrupt sind die Strukturen. Aber Frauen wird heutzutage niemand angreifen. Das dachten sie. Deswegen ließen sie ihre Männer nicht auf die Brücke, als die Bagger kamen, um dort das Kraftwerk zu bauen. Sie setzten sich selbst ­darauf - und hatten Erfolg. Die Arbeiter zogen mit den Maschinen wieder ab. Seitdem bewachen die Frauen von Kruščica ihren Fluss. Rund um die Uhr, abwechselnd, in drei Schichten. Neben die Brücke haben sie eine Hütte ­gebaut, aus Brettern und Styroporplatten. Innen auf dem Sandboden stehen sechs Sofas und ein Fernseher.

Doch drei Wochen nachdem die Bagger abgezogen waren, am 24. August 2017, kamen in der Nacht Polizisten. Maida Bilal, eine der Dorfbewohnerinnen, holte ihr Handy heraus und filmte: 50 Frauen sitzen auf der Brücke, dicht an dicht, untergehakt. Vor ihnen stehen Polizisten, martialisch, mit Helmen und schusssicheren Westen. Mehrmals befehlen sie den Frauen, die Brücke zu verlassen. Doch die bleiben sitzen. Bis die Polizisten anfangen, sie zu schlagen und zu treten. Schreie sind zu hören. Sechs Minuten dauert der Tumult, dann schlägt ein Polizist Bilal das Handy aus der Hand. "Es war schrecklich", sagt sie. "Aber es hat uns auch stärker gemacht und zusammengeschweißt", sagt Tibold. Die Männer ihres Dorfes unterstützen sie. Aber die Frauen sind das Gesicht und die Stimme des Widerstandes von Kruščica geworden.