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Klimaschutz:So will Bosch bis 2020 CO₂-neutral werden

Bilanz-Pk Bosch Siemens Hausgeräte (BSH)

Vieles in der Herstellung bei Bosch braucht große Mengen an Energie. Die will der Konzern nun woanders einsparen.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)
  • Der Technologie-Konzern Bosch wird von Ende 2020 an weltweit keinen CO₂-Fußabdruck mehr hinterlassen.
  • Unterm Strich soll das Programm nur eine Milliarde kosten, weil die Firma durch Energieeinsparungen und andere Effekte eine Milliarde zurückgewinnt.
  • Langfristig würden sich die Investitionen auszahlen, sagt Bosch-Chef Denner: "Die Talente der jungen Generation achten auf solche Dinge, damit sind wir deutlich attraktiver, und wir brauchen die besten Talente."

Als Volkmar Denner im Jahr 2012 mit dieser Idee erstmals an seine Forschungs-Abteilung herantrat, bekam er eine klare Antwort: Unmöglich, weil unbezahlbar. Dazu bräuchte es mehr als 1000 Windräder und 5,3 Milliarden Euro. Keine Chance. Doch Denner, seines Zeichens Physiker, gab nicht auf. Sieben Jahre später hat er sein Ziel nun erreicht: Der Technologie-Konzern Bosch wird von Ende 2020 an weltweit keinen CO₂-Fußabdruck mehr hinterlassen. "Der Klimawandel wartet nicht", sagt Bosch-Chef Denner bei der Bilanzpressekonferenz. "Wir übernehmen Verantwortung für den Klimaschutz und handeln deshalb jetzt."

Zwei Milliarden Euro investiert das Stiftungsunternehmen hierfür in den kommenden zehn Jahren. Unterm Strich soll das Programm aber nur eine Milliarde kosten, weil die Firma durch Energieeinsparungen und andere Effekte eine Milliarde zurückgewinnt.

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"Jeder muss beim Klimaschutz seinen Beitrag leisten."

Nach Denners Angaben ist Bosch damit das erste global produzierende Industrie-unternehmen, das bereits im kommenden Jahr kein Kohlendioxid mehr ausstößt. Indirekt fordert er bei seiner Rede im Forschungszentrum Renningen auch andere Konzerne auf, genauso konsequent vorzugehen: "Jeder muss beim Klimaschutz seinen Beitrag leisten." Klimaschutz sei machbar und "mit der nötigen Konsequenz schnell umsetzbar". Auch wenn man Widerstände überwinden muss, wie er es konzernintern erleben musste.

Bosch reagiert damit auch auf die jüngsten Studien diverser Forschungsinstitute, die von Wirtschaft und Politik immer drastischer ein schnelles Umsteuern fordern, um irreversible Schäden für das Weltklima zu verhindern. Christoph Bals, Chef der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch, lobt die Bosch-Initiative als "wirklich ernsthaftes Angebot", dies sei "der erste richtige Aufschlag in diese Richtung". Allerdings müsse das Projekt nach 2030 weitergehen, fordert er. Sabine Nallinger von der Stiftung "Zwei Grad " bezeichnet die Ankündigung des Konzerns als "wichtiges Signal": "Ambitionierter Klimaschutz ist auch für produzierende Industrieunternehmen kein Hindernis, sondern Teil ihres wirtschaftlichen Erfolges." Die Initiative sei "wegweisend und erhöht den Druck auf andere Industrieunternehmen".

Andere Firmen haben ähnliche Initiativen wie Bosch angekündigt, sie nennen aber meist, wie Siemens, erst das Jahr 2030 oder später als Zeitpunkt der CO₂-Neutraliät. Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung soll Deutschland sogar erst im Jahr 2050 "weitgehend treibhausgasneutral" sein. Volkmar Denner ist das zu spät: "Wollen wir das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen, darf Klimaschutz nicht nur als langfristiges Fernziel verstanden werden. Er muss kurzfristig stattfinden", betont er. Im Pariser Abkommen von 2015 wurde festgelegt, dass der Temperaturanstieg weltweit in diesem Jahrhundert durch den Abbau des Treibhausgases CO₂ auf zwei Grad begrenzt werden soll. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur wird etwa ein Drittel aller CO₂-Emissionen weltweit von der Industrie verursacht.

Für Bosch ist das Projekt eine größere Herausforderung als für reine Technologie-unternehmen wie Apple oder Google. Denn zu den 400 Standorten von Bosch gehören auch Eisengießereien oder auch Halbleiterfabriken, die mit ihren Tag und Nacht laufenden Abluftanlagen extrem viel Energie verbrauchen. Aktuell stößt Bosch mit seinen 410 000 Beschäftigten pro Jahr etwa 3,3 Millionen Tonnen CO₂ aus. Der Stromverbrauch beträgt pro Jahr 7,8 Terawattstunden - so viel verbrauchen die Privathaushalte in Berlin und München zusammen. Mehr als ein Fünftel davon soll künftig durch klassisches Energiesparen wegfallen. Die restlichen unvermeidbaren CO₂-Emissionen will Denner durch den Zukauf von Ökostrom und durch Kompensationsleistungen nach dem sogenannten Gold-Standard hereinholen. Hier investiert Bosch in "hochwertige" Umweltprojekte, die laut Denner nach strengen Kriterien zertifiziert sind. Bis 2030 sollen diese Kompensationsmaßnahmen sukzessive zurückgefahren werden.

Bosch kann sich das CO₂-Programm ohne Probleme leisten: Das Geschäftsjahr 2018 brachte mit 78,5 Milliarden Euro einen neuen Rekordumsatz. Das operative Ergebnis lag bei 5,5 Milliarden Euro. Die CO₂-Neutralität kostet den Konzern nach eigenen Angaben pro Jahr saldiert 100 Millionen Euro, das sind weniger als zwei Prozent des Ergebnisses.

Andererseits hat das Stiftungsunternehmen auch einige Probleme zu verkraften: Wegen der sinkenden Nachfrage nach Diesel-Pkws muss Bosch in seinen Werken für Dieselkomponenten weitere Stellen abbauen. Im vergangenen Jahr waren es 600 Jobs, die durch Altersteilzeit oder Auslaufen befristeter Verträge wegfielen. "Es wird auch dieses Jahr zu schmerzlichen Anpassungen kommen", sagt Denner. Sein Ziel sei es, "die Anpassung sozial verträglich durchzuführen". Also ohne betriebsbedingte Kündigungen. Dass das Unternehmen dennoch in den Klimaschutz investiere und dabei die Unterstützung von den Mitarbeitern und den Nachfahren des Firmengründers Robert Bosch habe, mache ihn "stolz". Langfristig würden sich die Investitionen auszahlen, sagt Denner: "Die Talente der jungen Generation achten auf solche Dinge, damit sind wir deutlich attraktiver, und wir brauchen die besten Talente."

Komplett geht Denner nicht als Saubermann durch

Sein Vorstandskollege Michael Bolle, zuständig für Technologie und Digitales, glaubt zudem, dass das CO₂-Programm konzernintern weitere Innovationen und Geschäftsideen hervorbringen werde. Sabine Nallinger von der Stiftung Zwei Grad bestätigt das: "Jene Firmen, die Klimaschutz als Innovationsmotor nutzen, werden mit ihren klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen international erfolgreich sein."

Trotz seines Vorpreschens im Umweltschutz geht Volkmar Denner nicht komplett als Saubermann durch. Schließlich produziert sein Unternehmen als größter Autozulieferer der Welt viel Technik für Verbrennermotoren, die CO₂ ausstoßen. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Mitarbeiter wegen einer möglichen Beteiligung am Dieselskandal. Denn Bosch hatte die Steuergeräte mitentwickelt, die als Basis für die Abschalteinrichtungen bei der Abgasreinigungen dienten. Zudem droht dem Unternehmen in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren ein Bußgeld in mehrstelliger Millionenhöhe. Auch hierfür hat Bosch 1,2 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet - "für Rechtsrisiken", wie es im Geschäftsbericht heißt. In den USA hatte Bosch Klagen von Autokäufern mit millionenschweren Vergleichen beigelegt. Aber um Imagepflege gehe es bei seinem Klimaschutzprogramm nicht, betont Denner. Sondern um "gesellschaftliche Verantwortung".

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