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Bonität:Plötzlich im BBB-Land

In den 90er-Jahren war die Deutsche Bank genauso kreditwürdig wie der deutsche Staat - doch das war einmal. Die Geschichte einer Herabstufung und warum viele Industriekonzerne heute besser dastehen als Deutschlands größte Bank.

Der Vergleich mit Lehman Brothers ist für keine Bank schmeichelhaft, ging doch die Pleite der US-Investmentbank als einer der größten anzunehmenden Unfälle in die Finanzgeschichte ein. Ausgerechnet die Deutsche Bank muss sich nun mit dem Ex-Konkurrenten messen lassen, zumindest mit Blick auf die Kreditwürdigkeit: Seit Kurzem nämlich bewertet die wichtigste Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) die Deutsche Bank mit "BBB+" und damit gleich um mehrere Noten schlechter als Lehman noch kurz vor der Pleite. Fiele das Rating der Deutschen Bank drei Stufen weiter, wäre es auf Ramschniveau. Dort befinden sich Unternehmen, die ihre Schulden möglicherweise nicht zurückzahlen.

Freilich, der Vergleich hinkt und natürlich wirft er zunächst einmal ein schlechtes Licht auf die Ratingagenturen, die mit ihren vormals zu sorglosen Einschätzungen von Kreditrisiken bekanntlich mit Schuld waren an den Verwerfungen an den Finanzmärkten. Die Deutsche Bank steckt zwar in einer Krise, aber so schlimm wie um Lehman im Jahr 2008 steht es längst nicht um das Kreditinstitut.

Die jüngste Herabstufung ist trotzdem ein weiterer Schlag für die Deutsche Bank, die gerade ihre Führungsspitze ausgetauscht hat. Denn auch wenn die Ratingentscheidung nicht über Nacht kam, die Kreditwürdigkeit der Bank ist damit so schlecht bewertet wie noch nie. Noch in den 90er-Jahren genoss die Deutsche Bank stets ein Spitzenrating, galt also als genauso solvent wie die Bundesrepublik.

Auch die Hypo-Vereinsbank und die Commerzbank bekamen zuletzt schlechtere Rating-Noten

Das Ganze ist daher mehr als ein optischer Makel. Im Kern bedroht die Ratingherabstufung das klassische Kreditgeschäft von Banken, das davon lebt, dass sie günstig Kapital aufnehmen und es höher verzinst an Konzerne oder Mittelständler weiterreichen. Nach der Finanzkrise wollten sich die Institute in Abkehr vom oft spekulativen Investmentbanking aber eigentlich genau darauf konzentrieren.

Betroffen ist bei weitem nicht nur die Deutsche Bank. Auch die Commerzbank und die Hypo-Vereinsbank und viele weitere internationale Banken wurden in den vergangenen Tagen und Wochen herabgestuft. Im Kern steht dahinter die Annahme der Ratingagenturen, dass die Staaten nicht mehr in dem gleichen Ausmaß wie früher für Banken haften - das Ausfallrisiko für ihre Gläubiger also gestiegen ist, obwohl die Institute nach der Krise ihre Kapitalpuffer erhöht haben. Der Hintergrund: Vergangenes Jahr verabschiedete die EU die Banken-Abwicklungsrichtlinie, wonach bei einer Schieflage neben den Aktionären die Anleihegläubiger haften sollen - und eben nicht die Steuerzahler.

Hinter der Ratingentscheidung steckt also ein Paradigmenwechsel, allerdings nicht nur mit Blick auf die Staatshaftung. Erstmals seit Langem bewerten die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der meisten Banken nun als schlechter als die der Kreditkunden. Will heißen: Industrieunternehmen wie BMW, Henkel oder BASF genießen inzwischen ein besseres Rating als Commerzbank oder Deutsche Bank, können sich direkt bei Investoren günstiger Kapital beschaffen und werden damit noch unabhängiger vom Bankkredit. "Banken können ihre Vermittlerrolle im Kreditgeschäft eigentlich nur wahrnehmen, wenn ihr Rating besser ist als das der Kreditkunden", sagt der Banken- und Ratingexperte Markus Krall von der Unternehmensberatung Goetzpartners.

Der Bedeutungsverlust der Banken als Kapitalgeber bekommt mit dem Rating einen weiteren Treiber. Da sind die Versicherungen, die als neue Wettbewerber in den Markt eintreten, gleichzeitig besorgen sich vor allem großen Unternehmen ihr Geld zunehmend am Kapitalmarkt. Den Banken bleiben oft nur noch die Mittelständler als Kreditkunden.

"Diese Herabstufungen werden mittelfristig Auswirkungen auf die Banken haben, auch wenn man es jetzt vielleicht noch nicht merkt, weil sich die Institute derzeit so günstig bei der Europäischen Zentralbank refinanzieren könnten", sagt Krall. Wenn die Banken in einem normalisierten Zinsumfeld im Geschäft bleiben wollten, müssten sie ihre Ratings verbessern, dafür aber bräuchten sie nicht nur Kapital, sie müssten auch bei den Risiken noch deutlich transparenter werden, sagt Krall.

Chinesen bewerten NRW-Bank

Auch wenn S&P, Moody's und Fitch noch immer mehr als 90 Prozent des europäischen Ratingmarkts kontrollieren - ein bisschen was tut sich in der oligopolistisch geprägten Branche dann doch. So lässt sich die staatliche NRW-Bank mit Sitz in Düsseldorf seit dieser Woche als erstes deutsche Geldinstitut von der chinesischen Ratingagentur Dagong bewerten. Dank der Haftung durch das Land Nordrhein-Westfalen bekam die Förderbank sogar die zweitbeste mögliche Note "AA+". Dagong hofft in Europa vor allem auf Aufträge von Banken und Unternehmen, die sich mit dem Rating für chinesische Investoren interessant machen wollen. Ein weiterer Angreifer ist die kanadische Agentur DBRS, die bei der Deutschen Pfandbriefbank kürzlich den Platzhirsch Standard & Poor's verdrängte. Zudem entsteht in Berlin zurzeit mit einigem finanziellen Aufwand und namhaften Investoren eine neue europäische Ratingagentur namens Scope. Heinz-Roger Dohms

Und es lauert noch eine weitere Bedrohung. Viele Profiinvestoren, die Bankanleihen kaufen - das sind Pensionsfonds oder Stiftungen - verkaufen diese automatisch, sobald die Anleihe auf Ramschniveau gestuft wird. Einem Kreditinstitut würde dann automatisch seine Geschäftsgrundlage entzogen. Auch Unternehmenskunden, die ihre Barreserven bei Banken parken, achten genau auf das Rating. "Schließlich sind die Einlagen der Firmen nicht durch eine Einlagensicherung abgeschirmt, daher schauen die besonders genau auf das Rating ihrer Banken beziehungsweise erstellen sogar eigene Bonitätsprüfungen", sagt Ratingexperte Oliver Everling.

Bei der Deutschen Bank ist man gleichwohl entspannt, zumindest nach außen. Unmittelbar habe sich die Refinanzierung nach der Herabstufung nur unwesentlich verteuert, sagt Jonathan Blake, der dort für die Ausgabe von Anleihen verantwortlich ist. Zum einen sei der Schritt erwartet worden, zum anderen würden die großen Institute alle noch als gute Schuldner bewertet. Außerdem würden Investoren derzeit ihre Richtlinien anpassen, "damit sie weiterhin in einem breiten Spektrum von Bankanleihen investiert bleiben können".

Vielleicht ist es auch wie früher in der Schule: Wenn alle eine schlechte Note haben, tut es nicht ganz so weh.

© SZ vom 24.06.2015
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