Börsengang von Twitter Das Casino ist wieder geöffnet

Grund zur Freude für die Twitter-Chefs beim Börsendebüt in New York

Nach dem Platzen der Internet-Blase 2001 schien die Welt vernünftig geworden zu sein, doch nach Twitters fulminaten Börsengang wächst das Geld wieder auf den Bäumen. Die Aktienhausse schafft neue Goldgräberstimmung. Mal sehen, wie lange.

Ein Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Mal wieder geschieht in der Wirtschaft Historisches. Ein gewaltiger Börsengang wird inszeniert. Es geht offenbar um einen Weltkonzern, der 18 Milliarden Dollar wert sein soll. Die Finanzwelt ist begeistert angesichts der zweitgrößten Börsenplatzierung, seit vor anderthalb Jahren die Sozialplattform Facebook an die Wallstreet ging.

Nüchtern betrachtet ist das sieben Jahre alte soziale Netzwerk Twitter aber gar kein Weltkonzern. Die Firma hat gut 2000 Beschäftigte, sie macht 2013 vielleicht 600 Millionen Dollar Umsatz. Nicht übermäßig viel. Vor allem verdient sie kein Geld. Aber Twitter hat mehr als 200 Millionen Nutzer in der Welt. Wenn so viele Menschen, darunter der Papst, der US-Präsident und der Regierungssprecher*, 140 Zeichen-Nachrichten verschicken, muss der Anbieter wirtschaftlich ein Riese sein. Glauben viele.

Börsengang des Kurznachrichtendiensts

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Vor allem glauben es viele, die nicht wissen oder vergessen haben, wie die Welt 2001 nach der Internet-Blase erschüttert wurde. Zuvor waren junge Firmen reihenweise an die Börse geströmt. Es reichte, dass sie angeblich Geschäfte im Netz machten. Die meisten machten Verlust. Die ökonomischen Gesetze schienen nicht mehr zu gelten. Gewinne? Unnötig. Kunden? Wozu? Die Anleger ließen sich mit Riesenversprechen locken. Große wie kleine Investoren kauften Aktien, bis die globale Pleitewelle einsetzte und viele Anleger betrübt auf ihre Verluste starrten. Danach schien die Welt vernünftig zu werden.

Die Sicherungen scheinen wieder durchzubrennen

Jetzt ist das Casino offenbar wieder geöffnet. Twitter wird mit gewaltigem PR- und Medienaufwand auf den Markt gebracht. Die Investment-Banker, die an den Börsengängen kräftig verdienen, hatten sich einen Kurs ausgedacht, der einem Unternehmenswert vom Dreißigfachen des Umsatzes entspricht. Beim Handelsstart in New York zahlten die Interessenten sogar mehr. Ein Irrsinn. Zum Vergleich: Der Softwarekonzern SAP wird an der Börse mit dem 4,5-Fachen seines Umsatzes bewertet. Nur zwölf Jahre nach dem Internet-Kater scheinen bei Bankern wie Investoren wieder die Sicherungen durchzubrennen.

Internetfirmen sind riskante Investments. Ihre Geschäfte kommen schnell und können rasch wieder gehen. Der Börsengang von Facebook war zunächst der Flop des Jahres 2012. Die Gründer machten Kasse, die Aktionäre verloren rasch die Hälfte ihres Investments. Das Ende der Durststrecke kam im Juli. Ein einziger Quartalsbericht mit guten Zahlen und schönen Aussichten ließ den Kurs um 50 Prozent nach oben schießen. Seitdem gilt Facebook als gelungener Börsengang. Doch wo ein Dreimonatsbericht den Kurs so steigen lässt, kann der nächste die Talfahrt einleiten. Nachhaltige Geschäfte führen nicht zu solch absurden Ausschlägen.

Die Aktienhausse schafft neue Goldgräberstimmung. Jeder will dabei sein, wenn Geld wieder auf den Bäumen wächst. Eilig werden weitere Börsengänge vorbereitet. Doch bald wird die Ernüchterung einsetzen. Aber dann haben es sich die Gründer von Firmen wie Twitter längst auf ihren Milliarden bequem gemacht.

*Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle hieß es in einer früheren Version, die Kanzlerin habe einen Twitter-Account. Das ist nicht der Fall, ihr Sprecher Steffen Seibert twittert unter @RegSprecher.