Börsengang von Snap Rebellen am Hipster-Strand

Venice Beach, das Strandviertel von Los Angeles, Treffpunkt für Skater.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)
  • Snap, die Firma hinter der Messaging-App Snapchat, geht an die Börse.
  • Der Ausgabepreis der Aktie wurde für den Börsenstart am Donnerstag auf 17 Dollar festgelegt - und liegt damit sogar über der zuvor abgesteckten Spanne von 14 bis 16 Dollar.
  • Snap wird damit zum Börsendebüt insgesamt etwa 24 Milliarden Dollar wert sein. Es ist der größte US-Börsengang, seitdem 2014 der chinesische Alibaba-Konzern seine Aktien dort platzierte.
Von Jürgen Schmieder, Venice Beach

Wer einmal an einem Samstagabend durch Venice Beach spaziert ist, das hippe Strandviertel von Los Angeles, der weiß, warum der Schriftsteller Hank Moody aus der Fernsehserie "Californication" nur hier leben kann. Auf der Abbot Kinney Road gibt es einen Laden, der heißt "Kreation Juice" und verspricht für 57 Dollar "Bikini Kleanse", eine Saftkur für die Strandfigur. Gleich nebenan kann man auf einer Vernissage die Installation eines jungen Künstlers betrachten mit Ästen, an die Dollarscheine geheftet sind. Das soll wohl ausdrücken, dass Geld doch auf Bäumen wächst. Auf den Brücken, die über künstlich angelegte Kanäle führen, fotografieren sich Paare beim Knutschen. Fast jeder präsentiert den korrekten Sitz sämtlicher Körperteile, was herrlich falsch und genau deshalb schon wieder echt wirkt. Und natürlich gibt es diesen wunderbaren Rastafari-Laden auf dem Gehsteig am Strand. Es riecht nach Hanf und ein bisschen nach Urin, weil die Obdachlosen einfach auf den Gehsteig pinkeln.

Das ist Venice, das Stadtviertel der Künstler und Freaks, der Hipster und Hippies, der Skater und Surfer. Hier darf jeder so sein, wie er ist - und wer das nicht kann, der wird auch nie "californicated", also ein Teil davon. Was sie hier nicht wollen: langweilige Menschen in Anzug, Hemd, Krawatte, der Uniform von Corporate America - oder eine Firma, die durch ihren Börsengang an diesem Donnerstag mit 24 Milliarden Dollar bewertet werden könnte. Gemeint ist Snap, der Konzern mit der Millennial-App Snapchat, der seit vier Jahren in Venice Beach beheimatet ist. Viele hier aber wissen nicht so recht, was sie von dieser Firma halten sollen.

Bodybuilderin Urey Mathieu wärmt sich vor ihrem Auftritt beim Muscle Beach Championship in Venice auf.

(Foto: Mark Ralston/Afp)

Welches Unternehmen würde offen sagen, dass es eine "diffuse Struktur" hat?

Das Unternehmen rühmt sich damit, anders zu sein als andere Technologiefirmen. Das komplizierte Design der App ist der geheime Handschlag für alle, die cool genug sind, Snapchat cool zu finden. Der Reiz liegt darin, dass Inhalte direkt nach dem Ansehen gelöscht werden, es gibt Hochkant-Videos in einer Querformat-Welt, nun gilt das Unternehmen mit einer Kamerabrille als äußerst innovativ im Virtual-Reality-Bereich. Gründer Evan Spiegel hat sein Unternehmen bewusst nicht im Silicon Valley angesiedelt, sondern ein Strandhaus in Venice Beach gemietet.

Snap ist rebellisch. Ein Unternehmen, das bei der Suche nach Investoren angibt, dass es keine Firmenzentrale gibt. Die Snap-Büros sind quer über Venice Beach, Santa Monica und Marina del Rey verteilt, die Mitarbeiter gelangen zu Fuß, auf dem Fahrrad oder mit firmeneigenen Shuttles zu Meetings in anderen Gebäuden, Spiegel lässt sich in einem Geländewagen transportieren. "Diese diffuse Struktur könnte uns daran hindern, die Moral der Mitarbeiter zu fördern und für eine konstruktive Kommunikation zwischen den einzelnen Firmenbereichen zu sorgen", heißt es im Börsenprospekt. "Noch schlimmer: Wir könnten nicht in der Lage sein, unsere Angestellten und Unternehmensbereiche adäquat zu überprüfen."

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Das klingt nicht nach Silicon-Valley-Effizienz, sondern nach Venice-Beach-Lockerheit - es sendet eine freche Botschaft an mögliche Investoren: Wir wissen schon, was wir tun. Wenn ihr das nicht cool findet, dann lasst mal lieber die Finger von unseren Aktien. Im Antrag klingt das so: "Wenn wir diese und andere Probleme mit dieser Bürostruktur nicht kompensieren können, dann könnten wir Mitarbeiter verlieren, was unserem Geschäft ernsthaft schaden könnte."

Snap schickt seine Mitarbeiter hinaus in die Welt, anstatt sie im Büro zu halten

Das Unternehmen verteilt seine mittlerweile knapp 2000 Mitarbeiter auf Büros in einstigen Wohnhäusern. Als Lockmittel für talentierte Programmierer dienen nicht etwa - wie bei den Konkurrenten aus dem Silicon Valley - Gratis-Hubschrauberflüge, Yogakurse bei Sonnenaufgang oder private Assistenten, die sich um die Kinder kümmern, sondern das Leben und Arbeiten am Strand. Denn die Kehrseite von Yogakursen bei Sonnenaufgang oder privaten Assistenten ist: Dadurch sollen die Mitarbeiter möglichst lange auf dem Campus gehalten werden, um zu arbeiten - am besten rund um die Uhr.

Dort sieht auch der Sitz eines Unternehmens wie Snapchat aus wie ein Strandcafé (Archivbild von 2013, mittlerweile ist Snap hier ausgezogen)

(Foto: Patrick T. Fallon/Bloomberg)

Snap ist anders. Es schickt seine Mitarbeiter hinaus in die Welt, sie bekommen etwa Coupons für die Geschäfte in Venice Beach. "Es ist ein völlig neuer Ansatz, der aufgrund veränderter Erwartungen an einen Arbeitsplatz möglich wird", sagt Jennifer Magnolfi, die mit ihrem Unternehmen Programmable Habitats die Arbeitsumgebung von Tech-Unternehmen analysiert. Die Snap-Mitarbeiter, die wie der erst 26 Jahre alte Gründer Spiegel in der digitalisierten Welt aufgewachsen sind, bräuchten keinen physischen Arbeitsplatz mehr: "Es vermischt Unternehmen, Privatleben und Öffentlichkeit - und spiegelt damit unsere Erfahrungen im digitalen Raum wider." Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: Wer nicht weiß, wo die anderen Mitarbeiter arbeiten, der weiß auch nicht, woran sie arbeiten. Nicht umsonst gilt Snap als eines der verschwiegensten Unternehmen, auch den eigenen Angestellten gegenüber.

Der Besitzer des Rastafari-Ladens ist kein Freund von Snapchat

Venice Beach wird gerade, wenn man so will, "snapificated" - durch den Börsengang an diesem Donnerstag dürften sehr viele Bewohner sehr reich werden. Es gibt noch andere erfolgreiche Start-ups aus Los Angeles wie etwa Dollar Shave Club (kürzlich für eine Milliarde Dollar von Unilever gekauft) oder Maker Studios (für 500 Millionen Dollar von Disney übernommen), doch der Börsengang von Snap gilt als Beweis dafür, dass die Gegend ihren Spitznamen "Silicon Beach" durchaus zu Recht trägt.

Spannung an der Wall Street

Es ist einer der größten Börsengänge des Jahres: An diesem Donnerstag startet Snap - so heißt seit kurzem das Unternehmen hinter dem Foto-Messaging-Dienst Snapchat - an der New Yorker Wallstreet. Der Ausgabepreis der Aktie wurde von Snap auf 17 Dollar festgelegt, Analysten erwarteten einen Preis zwischen 14 und 16 Dollar. Damit wird Snap an der Börse mit etwa 24 Milliarden Dollar bewertet. Nicht schlecht für ein Unternehmen, das erst 2011 gegründet wurde und im vergangenen Jahr noch einen Verlust von 515 Millionen Dollar einfuhr - mehr als es überhaupt umsetzte, nämlich 405 Millionen Dollar. Der Aktienkauf ist also eine Wette auf die Zukunft. 200 Millionen Papiere werden angeboten, damit dürfte das Volumen des Börsengangs eta 3,4 Milliarden Dollar betragen. SZ

Das freilich gefällt nicht jedem - nicht nur deshalb, weil die Immobilienpreise alleine im vergangenen Jahr um 13 Prozent gestiegen sind. Don Salmon etwa gehört der Rastafari-Laden am Strand. Seine Umsätze sind im vergangenen Jahr um 30 Prozent gesunken: "Das liegt an Snapchat!", sagt er. Den kleinen Burgerladen hinter seinem Shop gibt es nicht mehr, in diesem Haus sind nun Snap-Büros. Das Café daneben ist inzwischen eine private Snap-Cafeteria, Snap-Sicherheitsleute patrouillieren vor Salmons Laden und verscheuchen mögliche Kunden. "Es zerstört die Seele von Venice Beach", sagt Salmon: "Die Leute kommen hierher, weil sie Verschiedenartigkeit erleben möchten und keine Bürogebäude."

Snap will sich auf Anfrage, wie eigentlich immer, nicht zu seinen Plänen in Venice Beach und an den anderen Strandstandorten äußern. Wenn Firmenchef Spiegel in den vergangenen Jahren eines bewiesen hat - vom Ablehnen eines Drei-Milliarden-Übernahmeangebots von Facebook über das ziemlich kaltherzige Abservieren von Mitgründer Reggie Brown bis hin zu der Ankündigung, beim Börsengang nur Aktien ohne Stimmrecht auszugeben -, dann die Eigenschaft, sich ziemlich wenig darum zu scheren, was andere Menschen von ihm halten. Er ist so, wie er ist. Das macht ihn freilich zum perfekten Einwohner von Venice Beach.

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