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Börsengang:Unter dem Kürzel CVAC

Das Biotechnologieunternehmen Curevac strebt ein Listing an der Technologiebörse Nasdaq an. Ein konkreter Termin und der Preis werden im vorläufigen Wertpapierprospekt noch nicht genannt. Das Marktumfeld jedenfalls scheint günstig.

Von Elisabeth Dostert

Das Tübinger Unternehmen Curevac ist dem Börsengang ein gutes Stück näher gekommen. Am Freitagabend reichte es den Antrag auf Börsenzulassung und den vorläufigen Wertpapierprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Auf 283 Seiten - ohne Anhänge - stellt das Unternehmen sich selbst dar und schildert, wie für solche Dokumente üblich, ausführlich die Risiken. Es bleiben ein paar Leerstellen. Der vorläufige Prospekt enthält keine Angaben dazu, wann zu welchem Preis die Aktien verkauft werden sollen, wie groß die Platzierung ist und in der Folge auch, mit welchen Einnahmen aus dem Börsengang Curevac rechnet. Auch ein Termin fehlt. Nur so viel steht fest: In Form einer Privatplatzierung steckt Großaktionär Dietmar Hopp 100 Millionen Euro in die Firma. Und der Börsenplatz ist klar und überrascht wenig. Unter dem Kürzel CVAC strebt Curevac eine Notierung an der US-Technologiebörse Nasdaq an, dem Lieblingsplatz von Biotechnologieunternehmen. Auch Biontech aus Mainz und Centogene aus Rostock sind seit Herbst dort notiert. "Die Nasdaq und der US-Kapitalmarkt haben immer noch sehr viel mehr Investoren, Analysten und sehr viel mehr Kapital zu bieten. Und deutsche institutionelle Investoren kaufen genauso an der Nasdaq", sagt Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender des Verbandes Bio Deutschland und Chef von Opgen, ebenfalls an der Nasdaq notiert. Das deutsche Börsenumfeld sei für Biotechs immer noch "suboptimal", beklagt Schacht. Daran hat wohl auch der Hype um Curevac und Biontech nichts geändert. Beide suchen auf Basis der Boten-RNA einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2.

Das Marktumfeld für Biotechnologiefirmen wirkt günstig und das Geld der Investoren sitzt locker. Seit dem 16. März, dem diesjährigen Tiefpunkt, hat der Biotechnologieindex der Nasdaq um mehr als 40 Prozent auf knapp 4290 Punkte zugelegt. Während der Börsengang von Biontech im September 2019 zum Preis von 15 Dollar je US-Hinterlegungsschein (ADS) holprig verlief, sammelte die Firma vergangene Woche für 93 Dollar je Anteilsschein locker rund eine halbe Milliarde Dollar ein, die Kapitalerhöhung wurde sogar aufgestockt.

Curevac holte sich in der im Juli abgeschlossenen Finanzierungsrunde 640 Millionen Dollar, allein 343 Millionen Dollar von der staatlichen Förderbank KfW, sie hält laut Prospekt rund 19 Prozent an der Firma. Die Gesamtbewertung von Curevac liegt damit bei 1,5 Milliarden Dollar. Rund zwei Dutzend Gesellschafter hat Curevac mittlerweile, darunter Vorstände und Aufsichtsräte. Größter Investor mit gut der Hälfte des Kapitals ist Dietmar Hopp über seine Beteiligungsgesellschaft Dievini. Der prominenteste Geldgeber dürfte die Stiftung von Bill und Melinda Gates sein, deren Anteil laut Prospekt bei rund zwei Prozent liegt. Das Interesse an der Firma ist mittlerweile so groß, dass Curevac Anfang Juli in einer Pressemitteilung ausdrücklich auf betrügerische Angebote hinwies.

Der vorläufige Wertpapierprospekt gewährt zumindest Einblicke in die Ertragslage des Konzerns mit 450 Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr setzte er 17,4 Millionen Euro um, gut 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Verlust beträgt ein Vielfaches. Er stieg um rund 40 Prozent auf fast 100 Millionen Euro. Im ersten Quartal 2020 setzte Curevac gut drei Millionen Euro um, der Verlust lag bei knapp 24 Millionen Euro. Seit der Gründung habe Curevac deutliche Verluste erwirtschaftet, und das werde auch in absehbarer Zeit so bleiben, heißt es im vorläufigen Wertpapierprospekt. Dass Biotechnologieunternehmen lange Zeit mehr Verlust als Umsatz machen, ist nicht ungewöhnlich. Das ist auch bei Biontech der Fall, die Firma ist allerdings acht Jahre jünger als Curevac. Beide haben noch kein einziges Produkt auf dem Markt. Die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten dauert lange und ist teuer.

Ausführlich werden, wie in solchen Dokumenten üblich, die Risiken geschildert, schon aus Selbstschutz: Kein Aktionär soll Ansprüche geltend machen können, weil im Prospekt nicht auf Risiken hingewiesen wurde. Auch die Corona-Pandemie selbst könne Curevac einen Strich durch die Rechnung machen, weil zum Beispiel Kliniken geschlossen würden und Tests nicht mehr durchgeführt werden könnten. Auf manchen Gebieten mangele es Curevac auch schlicht an Erfahrung. Bislang habe das Unternehmen noch nicht gezeigt, dass es auch in der Lage sei, fortgeschrittene klinische Tests durchzuführen, eine Marktzulassung zu bekommen oder Produkte in kommerziellem Maßstab herzustellen. Die neue Technologie berge Risiken, heißt es. Bislang sei noch kein Produkt auf Basis der Boten-RNA zugelassen worden, und "das wird vielleicht auch nie der Fall sein", warnt Curevac.

Curevac wird noch viel Geld brauchen. Man könne nicht zusichern, dass das Kapital einschließlich der Einnahmen aus dem Börsengang ausreichen werde, um die Entwicklung erfolgreich zu Ende zu führen. Es gibt, daraus macht die Firma keinen Hehl, einige Wettbewerber, die allein oder gemeinsam mit ihren strategischen Partnern über größere finanzielle, technische und andere Ressourcen verfügten, etwa in der Forschung oder der Produktion. Mit einer Dividende dürfen Aktionäre auf absehbare Zeit nicht rechnen.

© SZ vom 27.07.2020

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