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Börsencrash in China:Bloß keine negativen Prognosen

An investor stands in front of electronic board showing stock information at brokerage house in Shanghai

Noch vor wenigen Monaten hatten die Medien chinesische Kleinanleger zum Einstieg an der Börse ermutigt - jetzt sind viele von ihnen finanziell ruiniert.

(Foto: REUTERS)
  • Der Börsencrash in China bringt auch die Marktbeobachter in Schwierigkeiten: Analysten und Medien sind zumindest inoffiziell noch immer angehalten, positiv zu berichten - egal was passiert.
  • Die Staatsführung in Peking hat großes Interesse an stabilen und hohen Börsenkursen, weil nur so das Geld der Kleinanleger weiter an die Märkte strömt.
  • Die hohen Verluste und der Zorn der Sparer werden nun aber zunehmend zum Problem für die Partei.

Von Marcel Grzanna, Shanghai

Heikle Analysen

Es sind schwere Zeiten für Aktienanalysten, vor allem in China. Ständig müssen sie auf der Hut sein, denn ihre Arbeit ist hier vor allem eines: politisch heikel. Wer schwarzmalt, muss mit Konsequenzen rechnen. "Es gibt zwar kein Gesetz, dass man die Entwicklung der Kurse nicht pessimistisch beurteilen darf. Aber wer laut davor warnt, dass die Aktien einbrechen werden, handelt sich damit ein Problem ein", sagt ein Mitarbeiter der Shanghaier Börse, der anonym bleiben will, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Denn stabile Kurse sind für die Regierung in Peking enorm wichtig. Experten, die mit schlechten Prognosen den Anlegern ihren Optimismus rauben, gefährden den Aufschwung. Und das kann die Partei gar nicht brauchen.

Denn hohe Aktienkurse lassen Schuldenberge der staatlichen Unternehmen kleiner aussehen. Zugleich sind die Börsen Quelle für frisches Kapital, wenn die Banken mal wieder mit Krediten geizen. "Wenn jemand Panik streut, kann er viele Leute dazu bewegen, ihre Papiere zu verkaufen. Das gilt besonders für so labile Börsenmärkte wie den chinesischen. Reife Märkte halten das vielleicht aus, aber hier können die Kurse ganz schnell einbrechen", sagt der Mitarbeiter. Also gilt für Analysten eine unausgesprochene Regel: Immer schön positiv bleiben, wer seine Karriere nicht aufs Spiel setzen möchte.

Wütende Kleinanleger

Daran ändern auch Tage wie der Montag nichts: Fast 8,5 Prozent rutschten die Kurse ab. Eine Katastrophe für viele Anleger - noch eine. Seit Mitte Juni fiel der Leitindex, unterbrochen von nur wenigen kurzen Erholungsphasen, von fast 5200 auf noch rund 3200 Punkte. An den Börsen in Shanghai und Shenzhen schafften es am Montag nur 15 Aktien ins Plus, 2200 verloren zehn Prozent ihres Wertes.

Für die Kommunistische Partei ist die Lage brisant. Die anhaltenden Verluste kosten die autoritären Herrscher in Peking Glaubwürdigkeit bei Millionen von Kleinanlegern. Die hatten, gelockt von einer anlegerfreundlichen Politik, an der Börse auf ein Stück vom Wohlstand gehofft. Unter dem Hashtag #ZhouyiGushi, zu Deutsch: Montagsbörse, schrieb der Nutzer Jing Yi nun auf dem Kurznachrichtendienst Weibo in Anspielung auf den Crash: "Jemand hat versucht, mich umzubringen." Ein anderer User klagt, jemand habe ihm seine gesamte Altersvorsorge weggenommen. Die Wut richtet sich zunehmend gegen die Partei, die Chinas Börsen-Euphorie entfachte, obwohl sie wusste, dass die wirtschaftlichen Daten in eine komplett andere Richtung deuteten.

Handzahme Medien

Entsprechend hektisch versucht Peking seit Monaten, weitere Einbrüche zu vermeiden. Doch der Regierung gelingt es einfach nicht, eine neue, langfristige Zuversicht bei Investoren zu wecken. Erst am Sonntag gestattete sie Rentenfonds neue Investitionen am Aktienmarkt: Die Fonds dürfen ab sofort mit bis zu 30 Prozent ihres Kapitals spekulieren, das sind rund 600 Milliarden Yuan, umgerechnet rund 82 Milliarden Euro. Doch selbst diese Ankündigung verpuffte. Die Kleinanleger haben ihren Optimismus verloren, nachdem sie vor zwei Monaten von dem ersten Absturz überrascht worden waren.

Und auch Jubelgeschichten von den Börsen brachten nichts. Zwar stemmten sich die Anlegermagazine gegen die schlechte Stimmung und verkauften die Gegenmaßnahmen als Heilmittel. Distanz oder Skepsis aber? Fehlanzeige. Das staatliche Finanzmagazin Caijing postete am Montag lediglich ein trauriges Gesicht an die Abonnenten seines Miniblogs, ein typisch chinesisches Phänomen in Krisensituationen: Trauer ja, aber keine Fragen nach der Verantwortung.

Die Macher von Mjpress, einem chinesischen Blog, der die heimischen Medien verfolgt, erinnerten auf Weibo daran, dass die staatlichen Sprachrohre, die Volkszeitung und die Abendnachrichten im Staatsfernsehen, noch vor vier Monaten einen Aufwärtstrend der Börse ausgerufen hatten und Kleinanleger zum Einstieg bewegen wollten. "Das ist schwer zu ertragen für die Leute, die aufgrund dieser Berichte Aktien gekauft haben", merkt Mjpress an. Die staatlichen Leitmedien selbst reagierten derweil sachlich auf den Absturz: Zahlen, Fakten, keine Meinungen. Und vor allem keine negativen Prognosen.

© SZ.de/grz/sry/rus

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