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Börsen:Ungerührt

Die Welt ist in Aufruhr. Terror und politische Krisen beherrschen die Nachrichten. Doch Anleger dämmern in einem märchenhaften Ruhezustand, selten erwarteten sie weniger Auf und Ab an den Finanzmärkten.

Es gibt diese Tage, an denen selbst Banker und Börsianer wieder das Kind in sich entdecken. Diese Tage, an denen sie sich von der Kraft einer Geschichte verzaubern lassen, sich in eine Märchenwelt hineinträumen. Besonders gerne hören die Mitglieder der Geldgilde derzeit ein altes britisches Märchen, die Geschichte von Goldilocks - von Goldlöcken.

Ein kleines Mädchen stromert dabei im Haus dreier Bären herum, die gerade drei Töpfe Haferbrei angerichtet haben. Einer ist ekelhaft kalt, einer kochend heiß - und einer genau richtig temperiert. Stimmt die Lesart vieler Finanzprofis, ist an den Börsen gerade alles so stimmig wie beim letzten Brei: Die Weltwirtschaft wächst weder zu schnell noch zu langsam, die Zinsen bleiben absehbar niedrig und gefährden den Börsenboom nicht.

Profianleger nennen das "Goldlöckchen-Szenario".

Diese traumhaft entspannte Märchenstimmung unter den Anlegern ist nicht nur das vage Gefühl einiger Beobachter, sie lässt sich in harten Zahlen ablesen: Spezielle Angstindizes, die den Börsianern gewissermaßen den Puls fühlen, sind in den vergangenen Tagen auf Tiefstände gefallen. Egal, ob in den USA, Europa oder Deutschland, egal, ob bei Währungen oder Aktien - die Anleger glauben nicht an eine Achterbahnfahrt an den Märkten. Die Börsianer sind im Zen-Modus.

Die Menschen in Colombo auf Sri Lanka sind nach den Terroranschlägen in Alarmstimmung – genau wie dieser Polizist. Die Anleger an den Börsen hingegen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

(Foto: Jewel Samad/AFP)

Die Angstbarometer sollen die sogenannte Volatilität messen. Sie zeigen, welche Schwankungen die Börsianer in den nächsten Wochen erwarten, wie stark das Rauf und Runter der Kurse ausfallen dürfte. Die Barometer berechnen sich meist aus den Preisen von Optionsprodukten, mit denen man auf einen Anstieg oder Fall des jeweiligen Aktienindex setzen kann. Und egal, ob der deutsche Angstindex V-Dax-Neu, das US-Pendant Vix oder der europäische V-Stoxx: Mit Werten um zwölf oder 13 stehen diese Sorgenbarometer der Finanzanleger ziemlich tief. "Dass die Volatilität so niedrig ist, ist eine Anomalie", sagt Marktexperte Folker Hellmeyer von der Fondsboutique Solvecon. Und die tiefen Sorgenbarometer kratzen an einem ehernen Prinzip der Finanzmärkte: dass die Kurse zwischen Auf und Ab schwanken. Dieses Grundgesetz der Märkte scheint in den Augen der Anleger aktuell ausgehebelt. Das klingt im ersten Moment nach einem sagenhaften Zustand, nach vermeintlicher Sicherheit an den sonst flatterhaften Aktienbörsen. Ein Zustand, den sich gerade viele Privatanleger immer wünschen. Doch diese aktuelle Erstarrung der Finanzmärkte könnte trügerisch sein. Nur die Ruhe, bevor ein heftiger Sturm aufzieht und über das Finanzsystem fegt. "Anleger sollten die niedrigen Volatilitätsindizes als Frühwarnsystem verstehen", sagt zumindest Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Denn als die Anleger Anfang 2018 ebenfalls tiefenentspannt waren und mit sehr niedrigen Schwankungen rechneten, entlud sich die Starre der Märkte schlagartig in einem Kurssturz - und großer Anlegerangst.

"Anleger sollten sich von Spekulationen über Volatilitäten oder steigende und fallende Märkte nicht beeinflussen lassen, wenn sie an langfristigen Erträgen interessiert sind."

Nicht nur Vermögensverwalter Altmann wundert sich daher über die aktuelle Ruhe. "Es ist ja nicht so, dass nichts passiert, viele Dinge passieren gerade", schreibt die Investmentexpertin Barbara Rockefeller. Schließlich kürzen viele Wirtschaftsinstitute gerade ihre Wachstumsprognosen, die Handelsgespräche zwischen China und den USA sind immer noch nicht beendet. Und die Terroranschläge in Sri Lanka sorgen für massive Unsicherheit auf der Welt. Wer also hat die Anleger offenbar derart ruhigstellen können?

Der Hauptfaktor für die Ruhe sind die Notenbanken in den unterschiedlichsten Ländern: Manche dieser Institutionen hatten sich Ende des vergangenen Jahres eigentlich vorgenommen, ihre Geldpolitik zu straffen, vielleicht gar die Zinsen zu erhöhen. Doch Anfang des Jahres folgte die abrupte Wende, den Notenbankern wurde die Sache zu heiß. Wenn sie den Geldhahn langsam zudrehen, könnten sie einer sich abkühlenden Weltwirtschaft den Todesstoß versetzen. Weil sie also weiter frisches Geld in die Märkte schießen, haben die Geldhüter die Börsianer ruhiggestellt.

Vola-Index

Die Aktienkurse kennen seit der Notenbankwende also nur noch eine Richtung: nach oben. Seit dem Börsenbeben im Dezember sind die meisten Börsenindizes schon wieder um 20 Prozent gestiegen. Auch deswegen, weil China seine Wirtschaft gestützt hat und der Brexit erst mal verschoben ist. US-Indizes erklommen diese Woche sogar wieder Rekordmarken. Hier greift ein zweiter technischer Grund für die niedrigen Angst-Levels: Wenn Aktienkurse über Tage und Wochen so stetig wie derzeit steigen, sinken die Angstindizes meist automatisch wie ein Spiegelbild.

Seit einigen Tagen steigt die Volatilität jedoch wieder leicht. Droht jetzt Gefahr? Experten sind sich uneins, wie sich die Weltwirtschaft und damit über kurz oder lang auch die Börsen entwickeln dürften. Viele glauben an eine Lösung im Handelsstreit, womit das größte Ungemach für die Konjunktur beseitigt wäre. Andere glauben, dass Trump die Europäer bald mit Autozöllen überziehen dürfte und die Börsen sowieso schon zu weit nach oben gelaufen sind.

"Anleger sollten sich von Spekulationen über fallende oder steigende Märkte nicht beeinflussen lassen", sagt Philipp Dobbert von der Quirin-Privatbank. Wer über 20 oder 30 Jahre langfristig in Aktien investiert, sieht, dass die großen Katastrophen ihrer Zeit im Rückblick über 30 Jahre kaum ein kurzes Zucken der Aktienkurven ausmachen. Denn langfristig ging es historisch immer aufwärts. Auf die lange Sicht ist der Zen-Modus also eine gute Sache.