Börsen in China Shanghai erlebt schlimmsten Kurssturz seit sechs Jahren

Ein Minus von 7,7 Prozent schlug am Ende des Handelstages an der Börse Shanghai zu Buche - der größte Einbruch seit sechs Jahren.

(Foto: picture-alliance/ dpa)
  • Chinas Leitindex ist abgestürzt: Ein Minus von 7,7 Prozent schlug am Ende des Handelstages zu Buche.
  • Die Konjunkturdaten sendeten zuletzt bereits zahlreiche Signale einer deutlichen Wirtschaftsflaute, trotzdem befanden sich die Kurse im Aufwärtstrend.
  • Dieser Widerspruch wurde nun zumindest teilweise korrigiert. Die Aufsichtsbehörde schritt mit harten Maßnahmen ein und bestrafte mehrere Broker.
Von Marcel Grzanna, Shanghai

Größter Einbruch seit sechs Jahren

Chinas Kleinanleger hatten gerade wieder etwas Vertrauen in den chinesischen Aktienmarkt gefasst. Die Stimmung war so gut wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. 53 Prozent hatte der Shanghai Composite Index in Shanghai im vergangenen Jahr zugelegt: Platz eins im Rendite-Ranking unter allen Börsenplätzen der Welt. Der Markt pumpte sich soweit auf, dass Chinas Wertpapiere Ende November sogar erstmals seit drei Jahren wieder ein größeres Finanzvolumen aufwiesen als die Börse in Japan.

Doch am Montag passierte schließlich das, wovor Börsenexperten immer wieder eindringlich warnen, wenn es um Aktien in China geht: Die Kurse gingen steil bergab. Ein Minus von 7,7 Prozent schlug am Ende des Handelstages zu Buche. Der größte Einbruch seit sechs Jahren. Wieder einmal bestätigte sich, dass Chinas Leitindex extremen Schwankungen ausgesetzt ist, der in kurzer Zeit viel Reichtum schaffen, aber ebenso schnell Werte zerstören kann. "Der Höhenflug der vergangenen Monate war künstlich produziert, aber nicht das Abbild der chinesischen Konjunktur", sagt der Ökonom und Finanzkommentator Yu Fenghui.

Was die Aufsichtsbehörde anprangert

Während die Konjunkturdaten zuletzt zahlreiche Signale einer deutlichen Wirtschaftsflaute sendeten, befanden sich die Kurse auf einem Aufwärtstrend. Der Widerspruch wurde am Montag zumindest teilweise korrigiert. Die Aufsichtsbehörde hatte am Morgen einem Dutzend Maklerfirmen illegale oder unlautere Praktiken vorgeworfen und drei von ihnen bestraft.

Ins Kreuzfeuer gerieten die Termingeschäfte der Broker, deren Umfang seit Juni von 400 Milliarden auf 1,1 Billionen Yuan (153 Milliarden Euro) geklettert waren. Offenbar auch deshalb, weil die Platzhirsche unter den Maklerfirmen mit illegalen Überschreibungen die Termingeschäfte forcierten.

Was Termingeschäfte so gefährlich macht

Das Prinzip des Termingeschäfts ist ein Aktienkauf in der Zukunft, häufig mit dem Geld anderer Leute. Gegen eine Anzahlung erwirbt der Käufer ein Wertpapierpaket zu einem bestimmten Preis. Weil der Kaufpreis erst später fällig wird, spekuliert er darauf, dass in der Zwischenzeit die Kurse steigen. Liegt er richtig, streicht er die Rendite ein. Sinken die Kurse, muss er Verluste hinnehmen. In China köderten die Makler ihre Kunden zunehmend mit geliehenem Geld zu Termingeschäften. Gegen eine Anzahlung organisierten sie den Rest der benötigten Summe.

Das riskante Gebaren erhielt jüngst viel Zulauf, weil die Anleger mit weiteren finanzpolitischen Lockerungen der Regierung rechnen. Im Herbst hatte die Zentralbank die Leitzinsen gesenkt und somit die Banken mit frischem Kapital versorgt. Eigentlich soll das Geld in die Realwirtschaft fließen und die Wirtschaftsleistung ankurbeln. Das würde die Aktienkurse langfristig nach oben treiben. Doch erfahrungsgemäß landet viel Kapital gleich an der Börse und schürt dort die Erwartungen steigender Kurse.

Das Kalkül der Investoren: Wenn die Zentralbank den Geldhahn noch einmal öffnet, weil die Konjunktur weiteren Schwung benötigt, fließt noch mehr Geld in Aktien und bläht die Kurse noch weiter auf. Das Resultat ist eine Blase, die Werte künstlich in die Höhe treibt, aber jederzeit platzen kann.

Wodurch die Anleger verunsichert werden

Die Strafen gegen die Maklerfirmen haben jetzt viele Anleger verunsichert. Sie fürchten, dass die dreimonatige Sperre das Volumen der Aktiengeschäfte verringert und somit die Werte drückt. Also zogen sie am Montag schlagartig ihr Geld zurück und schoben die Talfahrt an.

"Die Aufsichtsbehörde hat die Gefahr der Termingeschäfte lange unterschätzt und nun einen Weg gesucht, das Risiko wieder einzudämmen", sagt Analyst Yu. Zumal auch viele Finanzprodukte über Termingeschäfte finanziert werden, sah die Behörde Handlungsbedarf. Denn das hohe Risiko ist den meist arglosen Käufern der Finanzprodukte mit Traumrenditen im zweistelligen Bereich häufig gar nicht bewusst.

Die Talfahrt in Shanghai folgte dem großen Triumph Ende November, als Chinas Börsen Platz zwei hinter den US-Handelsplätzen zurück eroberten. Die steigenden Kurse, aber auch der Wert der Landeswährung Renminbi erhöhten das Volumen. Zwar verlor auch der Yuan, wie der Renminbi auch genannt wird, im Vergleich zum US-Dollar an Wert, verhinderte aber ähnlich starke Verluste wie der japanische Yen.

Die Regulatoren nahmen sich am Montag auch den Schattenbank-Sektor vor. Mit einem neuen Regelwerk will sie den Markt für Leihgeschäfte zwischen zwei Firmen besser kontrollieren. Weil Banken bei der Kreditvergabe zuletzt knauserten, bitten Unternehmen zunehmend andere Unternehmen um neues Geld. Die Banken werden sozusagen als Makler dazwischen geschaltet, um dem Kreditgeschäft einen seriösen Anstrich zu geben. Allein im Dezember schnellte das Volumen dieser Geschäfte um etwa 64 Milliarden Euro in die Höhe.

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