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Börse:Vorsicht, Gewinn!

Daimler AG Cuts Dividend to Lowest in Decade Amid E-Car Shift

Daimler-Chef Ola Källenius ist seit neun Monaten im Amt und musste schon dreimal vor sinkenden Gewinnen warnen.

(Foto: Alex Kraus/Bloomberg)

2019 mussten so viele deutsche Unternehmen ihre Prognosen nach unten korrigieren wie lange nicht.

Die "Gewinnwarnung" ist die größte Beschönigung, die es an der Börse gibt. Denn eigentlich warnt ein Unternehmen damit davor, dass sein Gewinn weniger hoch ausfällt als bisher erwartet. Es müsste deshalb "Gewinneinbruchwarnung" heißen, also das glatte Gegenteil. Eine Unwetterwarnung warnt schließlich auch nicht vor schönem Wetter.

Deshalb ist es auch keine positive Nachricht, was die Unternehmensberatung EY am Dienstag veröffentlicht hat: Die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen deutscher Unternehmen stieg im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert. Genau 171-mal korrigierten Aktiengesellschaften ihre Prognosen nach unten. Die Zahl bezieht sich auf die 307 Unternehmen, die im qualitativ höchsten Börsensegment, dem Prime Standard, notiert sind. Im Durchschnitt haben sich bei mehr als jeder zweiten Firma also die Erwartungen verdüstert; es gab aber auch welche, die mehrmals warnten.

"2019 war ein sehr schwieriges Jahr für viele deutsche Unternehmen", sagt Martin Steinbach, Börsenexperte bei EY. Die Aussichten seien ohnehin schon nicht positiv gewesen, tatsächlich hätten sich die Geschäfte oft noch schlechter entwickelt als erwartet. Hauptgrund war, dass die weltweite Konjunktur deutlich an Kraft verlor, der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt sorgte zusätzlich für Unsicherheit.

171 Gewinnwarnungen sind der höchste Wert seit 2011, dem Jahr, als EY erstmals die Korrekturen von börsennotierten Unternehmen untersuchte. Es ist ein Anstieg um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten Warnungen kamen 2019 aus der Autobranche: Zehn der zwölf börsennotierten Automobilhersteller oder -zulieferer mussten ihre Prognose nach unten korrigieren. Daimler-Chef Ola Källeneus reihte im Februar schon die dritte Gewinnwarnung in Folge aneinander.

EY ermittelte auch, wie sich Gewinnwarnungen auf die Kurse auswirkten: Sie sanken am Tag der Warnung im Durchschnitt um sieben Prozent; die erwarteten Gewinne wurden um 37 Prozent nach unten korrigiert. Auch den umgekehrten Fall schaute sich EY an: Wenn Unternehmen in einer Adhoc-Mitteilung einen höheren Gewinn ankündigten als bisher erwartet, führte dies im Durchschnitt zu einem Anstieg des Aktienkurses um vier Prozent.

Erstmals seit 2014 lag die Zahl der Unternehmen, die ihre Ziele verfehlten, höher als die Zahl derer, die sich besser entwickelten als erwartet: Insgesamt gab es 125 sogenannte "positive Gewinnwarnungen". Den Ausdruck gibt es auch an der Börse: Er verkehrt die Gewinnwarnung, die eigentlich eine Gewinneinbruchwarnung ist, in ihr Gegenteil und ist damit eine Gewinnwarnung im wahrsten Sinne des Wortes. Man könnte auch sagen: Die Warnung vor schönem Wetter.

© SZ vom 19.02.2020
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