Ein Name darf bei einem Rückblick auf das Börsenjahr 2025 nicht fehlen: der von Donald Trump. Man könnte es auch anders formulieren: Fast alles, was im zu Ende gehenden Jahr die Kurse bewegte, hat mit der aggressiven, unberechenbaren und erratischen Politik des US-Präsidenten zu tun. Es war ein wildes Ab und Auf, und zwar in allen Bereichen, ob bei Aktien, Anleihen, Währungen oder Edelmetallen. Am Ende des aufreibenden Jahres aber steht fast überall ein deutliches Plus vor den Kursen, egal ob beim Deutschen Aktienindex (Dax), beim Euro oder bei Gold. Wie kann das sein, wie hängt das alles zusammen – und wie könnte es 2026 weitergehen?
Kurzer Rückblick auf die Lage vor genau einem Jahr: Trump war seit sieben Wochen gewählt, und an der Börse herrschte eine für viele Menschen irritierende Euphorie. Die Aktien besonders US-amerikanischer Unternehmen legten eine Jahresendrallye hin, der US-Dollar stieg ebenso wie die Kurse von US-Staatsanleihen. So entsetzt Menschenrechtler, Demokraten und Klimaschützer über Trumps Wahl waren – an den Finanzmärkten waren viele Investoren davon überzeugt, dass seine Wirtschaftspolitik die US-Wirtschaft voranbringen würde. Deshalb glaubten auch viele, dass es 2025 so weitergehen würde wie in den vorangegangenen Jahren: Die US-Wirtschaft mit ihren Technologie-Giganten bleibt Zugpferd der Weltwirtschaft, der US-Aktienmarkt läuft deutlich besser als die europäischen Börsen, der Dollar bleibt die Leitwährung und hängt den Euro weiter ab, US-Staatsanleihen bleiben der Anker für Investoren auf der ganzen Welt.
Trump, Trump, Trump
Pünktlich zum Jahreswechsel 2024/25 trat aber etwas ein, mit dem fast niemand gerechnet hatte. Auf einmal dämmerte den Investoren, dass Trumps Vorhaben vielleicht doch nicht so toll sein könnten für die weltweite Wirtschaft: dass die Strafzölle, die er für andere Länder plante, zu einem Handelskrieg führen und das Wachstum empfindlich bremsen könnten. Und dass die Zölle langfristig die Inflation anheizen, weshalb die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöhen und die Wirtschaft zusätzlich abbremsen müsste. Deshalb kam es in den ersten Monaten des Jahres 2025 zu einem seltenen Phänomen: Der europäische (und besonders der deutsche) Aktienmarkt lief auf einmal besser als die US-Börse, zumal die neue Bundesregierung ein Billionen-schweres Investitionspaket für Infrastruktur und Rüstung ankündigte. Ein neues Narrativ erfasste die Finanzmärkte: Ist Europa vielleicht der bessere Westen? Großinvestoren zogen Kapital aus den USA ab und schichteten es nach Europa und in Schwellenländer um.

Beschleunigt wurde dies durch den sogenannten Mar-a-Lago Accord, der im März bekannt wurde. Das ist ein wirtschaftspolitisches Konzept, benannt nach Trumps Wohnsitz, das die Grundlage für dessen zweite Amtszeit bilden soll. Demnach ist der US-Dollar als weltweite Leitwährung strukturell überbewertet, was der US-Wirtschaft im Handel schade. Zölle sollen andere Länder zwingen, ihre Währungen aufzuwerten. Ziel ist es, US-Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen und Handelsungleichgewichte zu korrigieren. Die Rede war auch von einer zinslosen Ewigkeitsanleihe, mit der US-Staatsanleihen keine Rendite mehr abwerfen würden. Das schreckte Investoren weltweit ab. Es kam zu einer Flucht aus Dollar und US-Staatsanleihen, besonders von China.
Der Zoff um die Zölle
In diese schon angespannte Lage platzte am 2. April der „Liberation Day“, an dem Trump extrem hohe Zölle für fast alle Länder der Erde ankündigte. Die Folge waren eine regelrechte Panik und ein Crash an den Weltbörsen. Investoren verkauften massenhaft Aktien und auch US-Staatsanleihen. Nach drei Handelstagen sah sich Trump gezwungen, die geplanten Zölle auszusetzen.
Die Tage Anfang April waren der Kulminationspunkt des Börsenjahres 2025 – und gleichzeitig der Wendepunkt. Drei Handelstage lang hielten es die Finanzmärkte für möglich, dass Trump die weltweite Wirtschaft mit seinem Zoll-Wahnsinn in den Abgrund stürzt. Als er dann nachgab, war dies das Signal, dass es am Ende doch nicht so schlimm kommt. Für China war vorübergehend von Strafzöllen in Höhe von 144 Prozent die Rede, mittlerweile hat man sich auf 30 Prozent geeinigt. Für die EU strebte Trump zunächst 35 Prozent Strafzoll an, daraus wurden am Ende 15 Prozent. „Die Zölle sind jetzt höher als vorher, das ist schädlich, aber nicht so schlimm, wie man befürchtete“, sagt Martin Lück, Kapitalmarktsprecher der Fondsgesellschaft Franklin Templeton. Deshalb hätten die Finanzmärkte auch nicht mehr so viel Angst vor Trump, sie wüssten jetzt, wie er ticke: Erst stelle er maximale Forderungen, dann schaue er, wie die Gegenseite reagiere, am Ende „bleibt ein bisschen was übrig“, sagt Lück. Er wolle sich in erster Linie seinen Wählern als starker Mann präsentieren.
Wieder ein herausragendes Aktienjahr
Die Aktienkurse erholten sich nach dem April-Crash schnell. Schon im Mai erreichte der Dax wieder seinen vorherigen Stand. Und es ging weiter aufwärts. Trotz aller Turbulenzen ist auch 2025 wieder ein herausragendes Aktienjahr geworden. Das wichtigste deutsche Börsenbarometer steht mit mehr als 22 Prozent im Plus. Es übertraf damit den wichtigsten US-Aktienindex S&P 500, der um rund 17 Prozent zulegte. Der Unterschied war aber schon mal größer. Im Vergleich zu den ersten Monaten des Jahres hat sich die Lage normalisiert, das heißt: Die US-Börse läuft seit Mitte des Jahres wieder besser als die deutsche.
Damit scheint auch die Frage, ob Europa der bessere Westen sei, zumindest vorläufig beantwortet zu sein: nein. Die US-Wirtschaft ist weiterhin deutlich stärker. Im dritten Quartal stiegen die Gewinne der 500 Unternehmen im S&P 500 im Durchschnitt um 13 Prozent. „Das Gewinnwachstum der US-Unternehmen zeigt, dass die Wirtschaft den Zollschock vom Frühjahr besser als erwartet verkraftet hat“, sagt Joe Amato, Chefanlagestratege der Fondsgesellschaft Neuberger Berman. Deutschland findet dagegen nur langsam aus der Rezession heraus. Auch die Euphorie nach dem Investitionshammer vom Jahresanfang ist verflogen, weil sich die große Koalition im Klein-Klein verhakt.
Zum Gold drängt alles
Ein Grund dafür, dass sich die Lage vor allem an der US-Börse gebessert hat, ist auch, dass Trump rhetorisch abgerüstet hat. Die Investoren wissen jetzt, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie sie im April noch befürchten mussten, vor allem, was die Zölle betrifft. Was Trump aber auf alle Fälle geschafft hat: Er hat die eigene Währung mit seinen Zoll-Attacken und dem Mar-a-Lago-Vorstoß nachhaltig geschwächt. Vor einem Jahr stand der Euro bei 1,03 US-Dollar, und es schien nur eine Frage der Zeit, bis der Kurs Parität – also 1,00 – erreichen würde. Inzwischen liegt der Kurs bei fast 1,18, was einer Abwertung des Dollars von 13,8 Prozent entspricht. Trump hat sein Ziel demnach erreicht. Kapitalmarkt-Experte Lück glaubt jedoch nicht, dass er damit der US-Wirtschaft einen Gefallen tut: „Langfristig ist eine starke Währung für eine Volkswirtschaft immer besser als eine schwache.“ Die Hoffnung, dass mit einem schwächeren Dollar Unternehmen im großen Stil in die USA zurückkommen, werde sich nicht erfüllen.
Auch eine andere bemerkenswerteste Entwicklung des Börsenjahres 2025 hat mit Trump zu tun: der Boom der Edelmetalle. Der Goldkurs legte seit Jahresanfang um mehr als 66 Prozent zu, der Silberkurs sogar um mehr als 150 Prozent. Einen solchen Anstieg in so kurzer Zeit hat es selten gegeben. Hauptgrund dafür war, dass große Investoren – am stärksten China – ihre Dollar-Reserven umgeschichtet haben; sie vertrauen den USA als Anker der Weltwirtschaft nicht mehr, auch das ist eine Folge des Mar-a-Lago Accords. Die Nachfrage nach Edelmetallen überstieg das Angebot bei Weitem, deshalb die Preisexplosion.
Die vermeintliche KI-Blase
Das dominierende Thema an der Börse in den vergangenen Monaten aber war die Frage, ob die vermeintliche KI-Blase platzt. Die Sorgen an den Finanzmärkten nahmen zuletzt zu, weil Unternehmen wie Open AI, das die künstliche Intelligenz Chat-GPT entwickelte, unvorstellbar hohe Investitionen ankündigten. Die KI-Branche will in den kommenden fünf Jahren drei Billionen Dollar in Rechenzentren und Stromversorgung investieren. Noch aber machen die Anbieter künstlicher Intelligenz keinen Gewinn, es ist eine reine Zukunftshoffnung. Lediglich die Lieferanten der Infrastruktur wie der Chiphersteller Nvidia verdienen sich eine goldene Nase.
„Es kann sein, dass wir erst in vielen Jahren wissen, ob KI eine ähnlich umwälzende Kraft entfaltet wie das Internet“, sagt Experte Lück. Das hänge von den Produktivitätsfortschritten der Technologie ab. Das Risiko für die Finanzmärkte sei jedenfalls gestiegen, da die Unternehmen die Investitionen nicht mehr aus ihren Reserven bezahlen, sondern dafür den Anleihen- und Kreditmarkt anzapfen. „Es ist also nicht mehr nur eine Wette mit eigenem Geld, sondern auch mit dem anderer Leute“, sagt Lück. Joe Amato von der Fondsgesellschaft Neuberger Berman erwartet, dass es im Bereich der KI Gewinner und Verlierer geben wird. Sie habe generell aber das Potenzial, Geschäftsmodelle grundlegend umzugestalten.
So viel lässt sich für 2026 schon vorhersagen: Die Spekulationen darüber, ob es sich bei KI um eine Blase handelt und – wenn ja – ob und wann sie platzen könnte, dürften auch im neuen Jahr weitergehen. Und es kann sein, dass diese Fragen lange nicht beantwortet werden, was ein hohes Potenzial an Unsicherheit birgt. Und Unsicherheit ist an der Börse oft gleichbedeutend mit stark schwankenden Kursen. Gut möglich also, dass sich das heftige Auf und Ab der Kurse auch 2026 fortsetzt.
Und wie geht es jetzt weiter?
Abgesehen davon erwarten viele Experten, dass auch andere wesentliche Entwicklungen an den Finanzmärkten im neuen Jahr so weitergehen, wie sie sich im alten Jahr angedeutet haben. „Das Zollthema ist für die Börse weitgehend abgeschlossen, die Nachrichten sind verdaut“, sagt Lück. Er geht deshalb nicht davon aus, dass es noch mal große Turbulenzen auslöst – auch wenn er sich vorstellen kann, „dass Trump das Thema immer wieder als Druckmittel gegen andere Staaten auspackt“.
Was das Verhältnis zwischen US- und europäischen Börsen angeht, bleiben die Vorteile aufseiten Amerikas: Die Wirtschaft jenseits des Atlantiks ist und bleibt dynamischer, auch dank der Technologie-Branche, in der weiter die Musik spielt. Ein Plus für Europa ist, dass Aktien noch nicht so hoch bewertet sind. Zudem kommt die Konjunktur in Deutschland langsam aus der Rezession. Zur Dynamik der US-Wirtschaft klafft aber weiter eine große Lücke. Und das bedeutet: Die US-Börse dürfte sich weiter besser entwickeln als der deutsche und andere europäische Aktienmärkte.
Eine andere Frage aber ist, wie viel von den Kursgewinnen in Amerika für deutsche Anleger mögliche Währungsverluste wieder auffressen. Denn Experte Lück erwartet, dass sich die Dollar-Schwäche auch 2026 fortsetzt, wenn auch nicht mehr im selben Ausmaß wie 2025. Die Aussichten für Gold bleiben seiner Einschätzung nach ebenfalls positiv: Großinvestoren wie China schichten weiter von Dollar-Anlagen in Edelmetalle um, die Verschuldung auf der ganzen Welt steigt weiter, das Vertrauen in Papierwährungen nimmt ab – „das ist ein hervorragendes Szenario, um einen weiteren Anstieg des Goldpreises anzunehmen“, sagt Lück.
Same procedure as every year könnte man also mit Blick auf das Börsenjahr 2026 sagen – allerdings immer unter der Prämisse, dass man die Zukunft nicht vorhersehen kann. Das Jahresende 2024, nach dem alles anders kam, als fast alle erwartet hatten, ist ein warnendes Beispiel.
