Börse Der Tag, an dem die Börsen crashten

Ein erschöpfter Händler am "Schwarzen Montag" vor 30 Jahren.

(Foto: Tim Clark/Associated Press)
  • An diesem Donnerstag jährt sich der größte Börsencrash der Nachkriegszeit zum 30. Mal.
  • Der "Schwarze Montag" ist auch eine Mahnung: Trotz der momentanen Rekordjagd an den Börsen bleibt das Risiko von Kursverlusten.
Von Simone Boehringer

Welch Gegensatz der Ereignisse! Der Dow Jones erreicht gerade sagenhafte 23 000 Punkte, der Dax tanzt um die Marke von 13 000 Punkten, und auch die meisten Kursbarometer an den asiatischen Märkten steigen seit Jahren. Im nunmehr sechsten Aktienjahr ohne große Kursverluste werden aber auch ganz andere Erinnerungen wach: An diesem Donnerstag jährt sich der größte Börsencrash der Nachkriegszeit zum 30. Mal.

Am 19. Oktober 1987 kam es zu einem Abverkauf von Aktien, wie ihn die westliche Welt bis dato nicht erlebt hatte. Ein paar für sich genommen nicht unerwartete Entwicklungen wie ein schwacher Dollar, steigende Zinsen und diverse Warnungen über vermeintlich überbewertete Aktien nach einem mehrjährigen Aufwärtstrend hatten ausgereicht, um die Aktiennotierungen des Dow Jones in New York binnen weniger Stunden um mehr als 500 Punkte abstürzen zu lassen. Die ersten automatisierten Handelsprogramme taten ein Übriges, um die Kettenreaktion zu beschleunigen. Am Ende des Tages stand ein Minus von fast 23 Prozent.

"Es hatte sich schon am Freitag davor etwas zusammengebraut, der Dow hatte mehr als 100 Punkte verloren zum Wochenende", erinnert sich der Börsenbrief- und Aktienbuchschreiber Uwe Lang, wegen seiner theologischen Ausbildung auch als "Börsenpfarrer" bekannt. Für die Abonnenten seines Börsenbriefs schrieb der heute 74-Jährige am Freitag, dem 16. Oktober 1987, eine Art Predigt und warnte sie, sich bei der Bewertung der Märkte auf die wesentlichen Trends zu konzentrieren: "Vergessen Sie die lächerliche Diskussion um die deutsche Quellensteuer! Nicht sie hat die Weltbörsen nach unten gedrückt, sondern die steigenden Zinsen." Lang empfahl als einer von wenigen den Ausstieg. Dank seiner klaren Worte schaffte es sein Börsenbrief damals sogar in das Magazin Der Spiegel.

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In Deutschland hielten sich die Kursverluste am folgenden "Schwarzen Montag" mit etwa neun Prozent zunächst in Grenzen. Die Handelszeiten in Frankfurt waren zu kurz und die nur teilcomputerisierten Handelssysteme zu überlastet, um die vielen Verkaufsaufträge, die sich schon am Wochenende angehäuft hatten, abzuarbeiten. Der Crash in Frankfurt fand deshalb auf Raten statt. Tagesverluste zwischen fünf und acht Prozent kamen in den folgenden Wochen häufiger vor, und das Aktienjahr 1987 war mit einem Minus von 29 Prozent am Ende eines der schlechtesten für deutsche Standardaktien.

Die Asiaten reagierten auf den Niedergang an der Wall Street heftiger als die Europäer. Der führende japanische Index Nikkei-225 an der Tokioter Börse zog mit einem Tagesverlust von knapp 15 Prozent aus dem Handel, von mehr als 26 000 Punkten kommend. Doch Japans Aktienbörsen erholten sich schnell vom Schock und schlitterten bald in eine noch größere Finanz- und Immobilienblase hinein. Heute, 30 Jahre nach dem 87er-Crash, ist der Nikkei-Index zwar mit 21 363 Punkten auf dem höchsten Stand seit 21 Jahren, aber immer noch weit weg vom damaligen Niveau. Und: Richtig, es ist wieder mal Oktober, statistisch einer der schlechtesten Börsenmonate. Doch die warnenden Stimmen sind gefühlt deutlich rarer als sonst, zumindest leiser, vor allem deshalb, weil die Zentralbanken durch ihre Niedrigzinspolitik und ihre anhaltenden Liquiditäts- und Kreditspenden Profis wie Privatanlegern kaum rentable Alternativen lassen. Ganz anders als 1987. Damals hatten die Zentralbanken eine ähnlich wichtige Rolle für das Börsengeschehen, aber mit anderen Vorzeichen: Um die Inflation zu bekämpfen, erhöhten sie die Zinsen massiv. Kurz vor dem Schwarzen Montag stand der US-Leitzins bei 8,25 Prozent, das machte Anleihen in Konkurrenz zu Aktien äußerst lukrativ. Die Angst vor Konjunkturflauten, Rezessionen und Pleiten stand bei den Währungshütern damals weniger im Fokus, weil das Ausmaß der Verschuldung schlicht nicht mit heute vergleichbar war.

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Nach einer Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben die Schulden von Privatleuten, Unternehmen und Staaten zusammen heute ein historisch einmaliges Niveau von mehr als 250 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Wenn all dieses Geld im Zuge einer echten Zinswende neu justiert würde, dann würde es in jedem Fall Verwerfungen geben, darüber sind sich die Experten einig. Ob es aber so kommt, ist kaum zu prognostizieren. Trotz diverser zaghafter Ankündigungen und minimaler Zinsanpassungen in den USA rechnen die wenigsten Marktprofis derzeit mit einem echten Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes.

Bleibt die Frage, was die Börsen selbst aus dem Kurssturz von 1987 gelernt haben. Es ist eine ganze Menge. Kurz nach dem Crash führten die US-Börsen sogenannte Circuit Breaker ein. Wenn die Kurse zu heftig reagieren, werden bestimmte Aktien seither für Minuten, Stunden oder Tage nicht mehr gehandelt, um die Gemüter zu beruhigen - was nicht immer gelingt.

Die Deutsche Börse geht einen anderen Weg. Dort gelten sogenannte Volatilitätsunterbrechungen: Weichen die Kurse um einen bestimmten Prozentsatz nach unten oder oben ab, wird für zwei Minuten der Handel unterbrochen und durch eine Auktion ersetzt; danach werden die Orders wieder fortlaufend ausgeführt. "Die Kurse bleiben jederzeit für die Marktteilnehmer sichtbar zur Orientierung. Durch Auktionen haben sie an besonders hektischen Tagen einen Moment Zeit, ihre Aufträge zu überprüfen", erklärt Christian Schürlein, Handelsexperte und Manager für den Kassamarkt bei der Deutschen Börse.

Allerdings: Bewegen sich die Kurse nach der Unterbrechung immer noch zu stark, verlängert die Börse das Verfahren. Insgesamt habe man für rund 2500 gehandelte Titel einzeln definierte Volatilitätsgrenzen hinterlegt. Geheim, versteht sich, ,,damit einzelne Marktteilnehmer nicht gegen die Vola spekulieren können", sagt Schürlein. Den Vorwurf, dass solche Mechanismen den Markt manipulieren können in dem Maße, wie die Börsenhändler in ihrer Arbeit eingeschränkt werden, lässt Schürlein nicht gelten: "Wir verhindern nie eine Neubewertung des Marktes. Wir geben Marktteilnehmern mit der Vola-Unterbrechung lediglich mehr Zeit für ihre Entscheidungen und sorgen damit auch für einen reibungslosen Handel."

Ein so heftiger Crash wie 1987, als die Kurse vor allem in New York ungebremst nach unten krachten, soll künftig möglichst verhindert werden.

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