Die Börse hat am Montagmorgen positiv auf den Ausgang der Bundestagswahl reagiert. Der Deutsche Aktienindex (Dax) kletterte gleich am Morgen um rund ein Prozent auf fast 22 500 Punkte und notierte am späten Nachmittag noch 0,4 Prozent höher bei 22 378 Punkten. Das wichtigste deutsche Börsenbarometer ist seit Monaten auf Rekordkurs. Das Plus seit dem 6. November, dem Tag, als die Ampelkoalition zerbrach, beträgt knapp 18 Prozent – und das, obwohl sich Deutschland in einer Rezession befindet und die Stimmung am Boden ist.
Nun läuft es aller Voraussicht nach auf eine große Koalition unter Führung der CDU mit der SPD als schwächerem Partner hinaus. Ein Zweierbündnis aus Union und SPD werde die Koalitionsverhandlungen im Vergleich zu einer Dreierkoalition beschleunigen und die Zusammenarbeit in der neuen Regierung erleichtern, sagt Felix Schmidt, Volkswirt bei Berenberg. Auch die Analysten der Deutschen Bank bewerteten die Aussicht auf eine Zwei-Parteien-Koalition, die von einer starken Union geführt wird, als positiv für Deutschlands Unternehmen; sie verspreche weniger politischen Stillstand und Unsicherheit als die alte Regierung.
Die Investoren an der Börse hatten im November positiv auf das Ende der Ampelkoalition reagiert, sie hofften darauf, dass es eine neue Bundesregierung schafft, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. „Die rasante Kursentwicklung der vergangenen Monate spiegelt die Erwartungshaltung schneller politischer Veränderungen in Europa wider“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka-Bank. Man erwarte sowohl in Deutschland als auch in Europa große, schuldenfinanzierte Investitionsprogramme, das könne den Dax über Jahre hinweg positiv beeinflussen. An den Finanzmärkten hofft man darauf, dass die neue Bundesregierung die Schuldenbremse lockert und mit dem Geld die Konjunktur ankurbelt. Allerdings wird das nicht einfach, weil es dazu eine Zweidrittelmehrheit im Parlament braucht. Die ist jedoch nach Lage der Dinge für die Parteien, die für Veränderungen an der Schuldenbremse prinzipiell offen sind, nur schwer zu erreichen. Union, SPD und Grüne verfügen dafür nicht über genug Stimmen, sie müssten sich mit der Linken einigen.
Trotzdem spekulieren die Anleger auf steigende Verteidigungsausgaben der neuen Bundesregierung. Zu den größten Gewinnern am deutschen Aktienmarkt zählten am Montag die Rüstungswerte. Im Dax stiegen die Aktien von Rheinmetall um bis zu fünf Prozent, im M-Dax die Titel von Hensoldt um 6,5 Prozent und im S-Dax die Papiere von Renk um sieben Prozent. Seit Jahresbeginn haben diese Aktien bereits zwischen 32 und 50 Prozent zugelegt.
Der M-Dax ist ein realistischerer Spiegel der deutschen Wirtschaft – er stagniert
Die zentrale Frage ist nun, wie lange es dauert, bis eine neue Regierung steht. Kurzfristig könne es „mit einer sich abzeichnenden schwierigen Regierungsbildung“ noch zu Enttäuschungen kommen, sagt Schallmayer. Vieles wird in nächster Zeit davon abhängen, wie schnell es dem Wahlsieger Friedrich Merz und seiner Union gelingt, eine Koalition zu bilden. Ein langes Gewürge könnte die hohen Erwartungen der Anleger bremsen und an der Börse zu Rückschlägen führen.
Wirtschaftsvertreter appellierten deshalb an die Politik, dass die Regierungsbildung rasch gehen müsse. „Deutschland braucht jetzt eine handlungsfähige und handlungswillige Regierung – und zwar schnell“, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken. Die Herausforderungen für das Land seien gewaltig, die Wirtschaft brauche dringend einen Neustart mit grundlegenden Reformen.
„Das denkbar schlechteste Wahlergebnis wäre eine Sitzverteilung gewesen, die keine klare Mehrheit für die künftige Bundesregierung bringt“, sagt Jan Viebig, Chefstratege der Bank Oddo BHF. Wenn es aber gelinge, den Wachstumsprozess wieder in Gang zu setzen, werde vieles leichter. Denn Deutschland habe nach wie vor gute Voraussetzungen: High-End-Forschung, technologisches Know-how, qualifizierte Fachkräfte, Unternehmertum, globale Präsenz und Finanzkraft.
Dass der Dax zuletzt so gut lief, obwohl es der deutschen Wirtschaft schlecht geht, hat viele überrascht. Es liegt vor allem daran, dass die 40 Unternehmen im Dax rund zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland machen, sie profitieren von der gut laufenden Weltwirtschaft. Viel abhängiger von der deutschen Wirtschaft sind die 50 Unternehmen im M-Dax für die mittelgroßen Werte. Der M-Dax ist deshalb auch ein realistischerer Spiegel der deutschen Wirtschaft. In den vergangenen zwölf Monaten bewegte er sich kaum von der Stelle – während der Dax um 28 Prozent zulegte.
