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Finanzmarkt:Ein denkwürdiges Börsenjahr

FILE PHOTO: The Nasdaq market site displays an Airbnb sign featuring CEO Brian Chesky on their billboard on the day of their IPO in Times Square

Airbnb-Werbung: So werden der Börsenneuling und sein Vorstandschef Brian Chesky in New York willkommen geheißen.

(Foto: CARLO ALLEGRI/REUTERS)

Börsengänge boomten 2020 wie zuletzt vor zehn Jahren. Wie ist ein solcher Hype möglich, und das in diesen Zeiten?

Von Harald Freiberger

Das Beste kam zum Schluss: Am 11. Dezember ging die Zimmervermittlungsplattform Airbnb an die Börse. Der Schritt war von Anlegern mit großer Spannung erwartet worden. Börsengänge sagen immer etwas über die Stimmung an den Finanzmärkten aus, gerade solche von weltweit tätigen und bekannten Unternehmen wie Airbnb. Gelingen sie, können sie ein Zeichen der Hoffnung setzen, misslingen sie, können sie die Stimmung für lange Zeit verderben.

Es wurde ein Erfolg, den niemand erwartet hat: Airbnb kam zu einem Ausgabekurs von 68 US-Dollar an die Börse und nahm damit 3,5 Milliarden Dollar ein. Schon am ersten Tag verdoppelte sich der Kurs, inzwischen ist er weiter gestiegen. Wer die Aktie gezeichnet hat, liegt mit 140 Prozent im Plus.

Damit hat ein denkwürdiges Jahr an der Börse seinen Höhepunkt erreicht. Obwohl die Weltwirtschaft vom Coronavirus erschüttert wurde und die Aktienkurse im März so schnell und so stark einbrachen wie noch nie in der Geschichte, stehen die Aktienindizes zum Jahresende auf Rekordhoch. Es herrscht eine Stimmung wie in Boomzeiten.

Das spiegelt sich auch in der Zahl und im Volumen der Börsengänge. Weltweit wagten in diesem Jahr 1322 Unternehmen den Schritt aufs Parkett. Sie erlösten damit 263 Milliarden Dollar, ein Viertel mehr als im Vorjahr und so viel wie zuletzt vor zehn Jahren.

Wie ist ein solcher Hype möglich, und das in diesen Zeiten? "Auf den ersten Blick erscheint das widersinnig", sagt Martin Steinbach, Experte für Börsengänge beim Beratungsunternehmen EY (früher Ernst & Young). Bei näherem Hinsehen aber zeige sich, dass gerade die Corona-Krise zu einer einmaligen Konstellation geführt hat: Die Notenbanken haben enorm viel Geld auf den Markt geworfen, das nach Anlagemöglichkeiten sucht. Und Unternehmen haben einen enormen Kapitalbedarf, um ihr Wachstum zu finanzieren; ein Börsengang ist da oft die erste Wahl. Kapital trifft auf Kapitalbedarf.

"Die Pandemie führte zu einem ungeahnten und nicht wieder rückgängig zu machenden Digitalisierungsboom, von dem gerade Börsengänge von Technologieunternehmen profitieren und weiter profitieren werden", sagt Steinbach. Sie habe Entwicklungen in vielen Branchen beschleunigt, für die es sonst Jahre oder Jahrzehnte brauchte. "2020 war Disruption pur", sagt der Experte - für die Wirtschaft, aber auch "in Bezug auf die Art, wie wir arbeiten und einkaufen, wie wir uns fortbewegen, wie wir unsere Freizeit verbringen und wie wir kommunizieren".

Die Pandemie verstärkte Trends, die es schon vorher gab, und sie ließ Unternehmen wachsen, die diese Trends bedienen: Online-Händler, Essens-Lieferdienste, IT-Konzerne, Cloud-Anbieter, soziale Medien, Pharma- und Gesundheitsfirmen. Ein Drittel aller Erlöse aus Börsengängen weltweit entfiel auf die IT-Branche, ein Fünftel auf den Gesundheitssektor, rechnete EY aus.

Der deutsche Markt bleibt im weltweiten Vergleich zurück

Dabei war der erfolgreiche Börsengang von Airbnb gar nicht einmal der größte. An der Spitze stehen drei Unternehmen aus China: Der Chip-Hersteller Semiconductor Manufacturing International erlöste mit der Transaktion 7,6 Milliarden Dollar, der Online-Händler JD.com 4,5 Milliarden, der Hochgeschwindigkeitsbahn-Betreiber Beijing-Shanghai High Speed Railway 4,4 Milliarden. In Europa war der Börsengang des niederländischen Kaffeekonzerns JDE Peet's mit 2,9 Milliarden Dollar der größte.

Der deutsche Markt blieb im weltweiten Vergleich zurück. Es gab elf Börsengänge, zwei davon waren Abspaltungen von Konzernen: Siemens Energie von Siemens, Navarro vom IT-Dienstleister Allgeier. Insgesamt wurden mit Börsengängen in Deutschland vergleichsweise bescheidene 1,1 Milliarden Euro erlöst. Wenigstens waren die Transaktionen erfolgreich: Fast alle Aktien stehen heute im Vergleich zum Ausgabekurs im Plus. Am erfolgreichsten war das Pharmaunternehmen Curavec, das auch einen Corona-Impfstoff entwickelt und in den USA an die Börse ging: Der Aktienkurs hat sich mehr als versechsfacht.

Die Experten erwarten, dass sich die positive Stimmung auch im neuen Jahr fortsetzt. "Die Pipeline für 2021 ist recht voll und vielversprechend", sagt Steinbach. Er rechne in Deutschland mit zwölf bis 16 Börsengängen. Auch weltweit sieht es gut aus. "Einige große Unternehmen haben schon Börsengänge für Anfang 2021 beantragt", sagt Dmitry Ivanov, Geschäftsführer für Deutschland beim Online-Broker Freedom Finance, der sich darauf spezialisiert hat, Aktien aus Börsengängen auch Privatanlegern zugänglich zu machen. Mehrere Firmen hätten auch begonnen, Investmentbanken mit der Vorbereitung ihres Schritts auf das Parkett zu beauftragen.

Vor allem Technologie-Unternehmen stehen bereit. Ivanov nennt als Beispiele den Roboter-Spezialisten Uipath oder die Cloud-Unternehmen Databricks und Hashi Corp. Und so könnte für Börsengänge für 2021 das Motto aus dem Silvester-Sketch "Dinner for one" gelten: same procedure as last year.

© SZ
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