Aktienmärkte Absturz an den Börsen ist eine erste Warnung

  • Selten hielt ein Aufschwung an der Börse so lang wie der in den vergangenen Jahren.
  • Die vor allem in den USA deutlich gestiegenen langfristigen Zinsen machen die Geldanlage in Aktien weniger attraktiv.
  • Entsprechend war eine Korrektur an den Börsen schon länger erwartet worden.
Von Harald Freiberger und Jan Willmroth

Es ist nur Wochen her, da war die allgemeine Freude noch groß: Die US-Aktienmärkte hatten den besten Jahresbeginn ihrer Geschichte hinter sich, das neunte Jahr steigender Kurse hatte fulminant begonnen. Es fehlte nicht mehr viel, und die aktuelle Hausse an den Weltbörsen wäre die längste in der Geschichte geworden.

Jahrelang waren Warnungen vor einem Ende der steilen Kursanstiege verhallt, wurden Bedenken unter Verweis auf das allgemein niedrige Zinsniveau abgeschmettert: Zu Aktien gebe es keine sinnvolle Alternative, hieß es bis zuletzt. Und wenn immer mehr Geld in Aktien fließt, steigen die Kurse eben weiter. Doch zu jeder Hausse gehört, dass die Stimmung irgendwann dreht und die Freude der Furcht weicht. Dafür braucht es manchmal nur kleine Auslöser, die große Folgen haben.

Am Montag war dieser Punkt erreicht. Kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit begann in den USA ein teils panikartiger Ausverkauf an den Börsen. Der Dow Jones, der eine überschaubare Auswahl von 30 amerikanischen Aktien abbildet, fiel binnen Minuten um 1600 Punkte, so viel wie noch nie in seiner Geschichte. Zum Handelsschluss lag er mit 4,6 Prozent im Minus. Im S&P 500 löste sich innerhalb kürzester Zeit mehr als eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Rund um den Globus fielen daraufhin die Kurse: Am Morgen deutscher Zeit eröffneten die asiatischen Börsen tief im Minus; der Dax sackte zu Handelsbeginn deutlich ab. Damit haben sich die Gewinne an den Börsen seit dem Jahreswechsel egalisiert. Am Dienstag war das frühe Geschäft an der Wall Street erneut von Nervosität geprägt: Der Dow startete deutlich im Minus, lag zeitweise aber auch im Plus.

Schon in der vergangenen Woche waren Anleger nervöser geworden. Am 23. Januar hatte der Dax mit 13 360 Punkten den höchsten Stand seiner Geschichte erreicht. Danach aber ging es jeden Tag abwärts. Die Hauptursache dafür lag in den Anleihemärkten: Investoren verkauften besonders lang laufende Staatsanleihen, weil sie erwarten, dass die Zinsen schneller steigen könnten als bisher angenommen. Das sorgte für einen Kursrutsch - und wenn Anleihekurse fallen, steigen gleichzeitig die Renditen. US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zogen um 0,2 Prozentpunkte bis auf 2,8 Prozent an, deutsche Staatsanleihen um 0,2 Punkte auf 0,7 Prozent. Ein steigendes Zinsniveau bedeutet aber auch, dass Anleihen im Vergleich zu Aktien für Anleger wieder attraktiver werden.

Alarmsignal für die Anleger

Eine leichte Aktien-Skepsis lag also schon in der Luft. Am Montag eskalierte die Lage an der Wall Street, ausgelöst von einem sehr positiven Arbeitsmarktbericht. Die US-Konjunktur befindet sich demnach auf dem Höhepunkt, die Arbeitslosenquote nähert sich der Vollbeschäftigung. Diese eigentlich positiven Nachrichten sind für Börsianer ein Alarmsignal: Wenn die Konjunktur boomt, steigen auch die Löhne; im Januar zogen sie in den USA so stark an wie seit 2009 nicht mehr. Steigende Löhne sprechen für eine anziehende Inflation. Gegen diese müsste die US-Notenbank Fed mit schneller und deutlicher steigenden Zinsen ankämpfen. Sie hat die Wende hin zu höheren Zinsen - anders als die Europäische Zentralbank - zwar schon vor zwei Jahren eingeleitet, ging dabei aber sehr behutsam vor.

Dies führte dazu, dass die Aktienmärkte zuletzt immer weiter stiegen. Am Montag aber setzte sich die Ansicht durch, dass die Fed wegen der boomenden Konjunktur die Wirtschaft womöglich schneller bremsen wird. Vorher waren die Beobachter von drei Zinserhöhungen in diesem Jahr ausgegangen, nun wird spekuliert, dass es womöglich vier werden könnten. Derzeit liegen die US-Leitzinsen bei 1,25 bis 1,5 Prozent.

Steigende Zinsen machen Aktien-Investoren doppelt Sorgen: Aktien verlieren nicht nur im Vergleich zu Anleihen an Attraktivität - die Unternehmen haben auch höhere Zinskosten, zusammen mit steigenden Löhnen wirkt sich dies negativ auf die künftigen Gewinne aus. Gewinn und Umsatz eines Unternehmens sind die wichtigsten Maßstäbe für die Bewertung seiner Aktien.

Zuletzt hatten sich Investoren an ungewöhnlich geringe Kursschwankungen gewöhnt. Die Spanne, in der Kurse kurzfristig schwanken, heißt im Marktjargon Volatilität - und die war monatelang so niedrig, dass sich selbst erfahrene Fondsmanager fragten, wann sie wieder anziehen könnte. Am Montag war der Anstieg der Volatilität dramatisch: Der Index VIX, der die Volatilität im S&P 500 misst, verdoppelte sich binnen Minuten und schlug damit heftiger aus als nach der US-Wahl im November 2016 oder dem Brexit-Referendum im Sommer des gleichen Jahres.

Dax reagiert nur sehr verhalten

Der Anstieg der Volatilität ist nicht nur Ausdruck gestiegener Nervosität. Sie hat auch Auswirkungen auf automatisierte Handelsprogramme, die in ihren Algorithmen die Intensität der Kursschwankungen berücksichtigen.

Marktbeobachter beschreiben die kurzfristig starken Rückgänge an der Wall Street als sogenannten "Flash Crash" - wobei auf einen rasanten Kurseinbruch in solchen Fällen meist auch eine ähnlich schnelle Erholung folgt. Solche Phänomene kommen zustande, wenn gleichzeitig automatische Verkaufsorders ausgelöst werden. Computerprogramme verkaufen dann nach vorgegebenen Regeln Wertpapiere, die Preise fallen, große Fonds lösen Verkaufsaufträge aus, Kaufaufträge werden storniert, Händler werden nervös, der Prozess verstärkt sich von selbst. Mit realwirtschaftlichen Entwicklungen hat er dann meist nichts mehr zu tun.

Nach dem Crash an der Wall Street am Montagabend herrschte bei deutschen Börsianern am Dienstag höchste Alarmstufe. Manche fürchteten, der Dax könnte um bis zu zehn Prozent abrutschen.

Als in Frankfurt die Börse eröffnete, kam es dann mitnichten so schlimm: Der Dax fiel anfangs um 3,6 Prozent, erholte sich dann aber mit jeder Minute; am Nachmittag lag er noch mit 1,5 Prozent im Minus. Das ist ein positives Zeichen, das eher auf eine kurzfristige Korrektur hindeutet als darauf, dass der Absturz sich langfristig fortsetzt.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, hatte schon vor zehn Tagen, als der Dax seinen Rekordstand erreichte, gesagt, es sei eigentlich Zeit für eine "natürliche Korrektur". Er konnte sich vorstellen, dass das deutsche Börsenbarometer im Verlauf des Jahres um zehn bis 15 Prozent an Wert verliert. Das wäre nach dem starken Anstieg der vergangenen Jahre aber nicht dramatisch, sondern eher gesund.

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