bedeckt München 20°

Boeing:Kleines Problem, große Aufregung

FILE PHOTO: A Boeing 737 MAX airplane lands after a test flight at Boeing Field in Seattle

Seit den beiden katastrophalen Unfällen mit der "737 MAX" läuft es für den Boeing-Konzern immer schlechter.

(Foto: Karen Ducey/Reuters)

Der Flugzeughersteller Boeing muss wieder einmal einen Produktionsmangel melden - diesmal bei der "787". Doch die Probleme mit anderen Maschinentypen sind größer.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Wie im PR-Lehrbuch vorgesehen, hat es der Flugzeughersteller Boeing als erstes mit Schadensbegrenzung versucht. Man erwarte, dass das aufgetauchte Problem lediglich eine einmalige Inspektion erfordere, die während der normalen Wartung ausgeführt werden könne. Es geht um einen möglichen Fertigungsfehler an der Stelle, wo das Seitenleitwerk auf den oberen Rumpf der Boeing 787 trifft. Solche Dinge kommen schon einmal vor.

Es ist aber symptomatisch, dass das wohl tatsächlich eher kleine Problem nun für Aufregung sorgt. Denn es ist schon der vierte Mangel des Langstreckenflugzeuges, der in den vergangenen Tagen bekannt geworden ist. Erst Anfang der Woche musste der Flugzeughersteller feststellen, dass womöglich rund 900 der 981 bislang ausgelieferten 787-Komponenten des Höhenleitwerks bei der Fertigung zu großen Kräften ausgesetzt waren und damit früher altern könnten. Zuvor musste Boeing acht Maschinen aus dem Verkehr ziehen, weil bei ihnen zwei eigentlich voneinander unabhängige Produktionsmängel dafür sorgen könnten, dass sie Maximallasten nicht standhalten. Angeblich sind von einem der Fehler auch mehrere Hundert Flugzeuge betroffen.

Für sich genommen wären diese Qualitätsdefizite kein großes Problem. Aber sie treffen ein Unternehmen, das sowieso schon im Verdacht steht, geschlampt zu haben. Kunden haben schon seit Jahren immer wieder die aus ihrer Sicht schlechte Qualität im Werk Charleston, in dem ein Teil der 787 montiert wird, kritisiert. Auch in anderen Programmen hat Boeing Ärger, vor allem beim Tankerprogramm KC-46 für die amerikanische Luftwaffe.

Am gravierendsten ist der Vertrauensverlust, der durch die beiden Unfälle der Boeing 737 MAX entstanden ist. Diese hatten zwar nichts mit der Fertigung zu tun, sondern mit einer neu eingeführten Flugsteuersoftware, aber Boeing wird vorgeworfen, bei Redundanz der Systeme und Schulungen auf Kosten der Sicherheit gespart zu haben. Für die MAX gilt seit Anfang 2019 ein weltweites Flugverbot.

Dass die Negativserie nun ausgerechnet die 787 und keines der anderen Boeing-Programme erwischt, ist besonders bitter. Denn nachdem die 737 MAX in Sachen Umsatz seit eineinhalb Jahren ein Totalausfall ist, hat die 787 zumindest bis zum Anfang der Corona-Krise noch erhebliche Einnahmen gebracht: 14 Maschinen dieses Typs lieferte Boeing zu Spitzenzeiten. Seit Anfang 2020 waren es allerdings insgesamt nur 42 und im August nur vier.

Viele Fluggesellschaften haben sowieso versucht, die Lieferzeiten zu verschieben, weil sie im Moment kein Geld für neue Maschinen haben. Ein paar haben die Jets aber weiterhin übernommen, um sie sofort weiterzuverkaufen und zurück zu leasen, um auf diese Weise an dringend benötigtes Cash zu kommen. Doch nicht nur die finanziellen Schwierigkeiten der Kunden bremsen Boeing nun aus, sondern auch die technischen Probleme - die Checks haben dem Vernehmen nach bereits mehrere Auslieferungen verzögert.

Da der Markt für Langstreckenflugzeuge noch stärker in sich zusammengefallen ist, als der für Kurz- und Mittelstreckenjets, dürfte die 787 unabhängig von den Qualitätsmängeln auf Jahre hinaus nicht mehr an die alten Lieferzahlen herankommen. Schon vor der Corona-Krise hatte Boeing die Produktion gedrosselt, weil China mutmaßlich wegen des Handelsstreits mit den USA keine zusätzlichen Maschinen bestellt hat. Diese waren aber für die hohen Raten eingeplant.

Und bei den anderen Großraumjets läuft es noch schlechter: Die größere 777 befindet sich gerade im Übergang zur moderneren 777X - schon in normalen Zeiten würden Fluggesellschaften kaum noch die alte Version übernehmen. Die neue 777X wird deutlich größer sein als die alte und hat Platz für mehr als 400 Passagiere, wohl zu groß für die aktuelle Nachfrage. Die 787 passt mit 200 bis 300 Sitzen in der Theorie immerhin eher ins aktuelle Umfeld.

© SZ vom 12.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite