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Autokonzern:Oliver Zipse wird neuer BMW-Chef

Der neue BMW-Chef Oliver Zipse

Zipse gilt als gewandter Gesprächspartner - und als Manager alten Schlags.

(Foto: AFP)
  • Oliver Zipse, bislang Produktionschef bei BMW, rückt an die Spitze des Münchner Autobauers.
  • Die Grundausrichtung des Automobilkonzerns soll sich durch den Wechsel an der Spitze jedoch offenbar nicht ändern.
  • Der Betriebsrat kritisiert das Management in einem Schreiben scharf: "Das erinnert viele an den Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008."

Die große Überraschung ist ausgeblieben im Duell um den BMW-Chefposten: Oliver Zipse, bislang Produktionschef bei BMW, rückt wie erwartet ganz an die Spitze beim Münchner Autobauer. Das Nachsehen hat Entwicklungschef Klaus Fröhlich. Fernab vom BMW-Hauptquartier, im BMW-Werk Spartanburg, South Carolina, haben sich die 20 Aufsichtsräte am Donnerstag getroffen und über die Nachfolge von Harald Krüger befunden. Die Amtsübergabe erfolgt am 16. August.

Vor knapp einem Monat hatte der Personalausschuss des Kontrollgremiums unter Leitung von Aufsichtsratschef Norbert Reithofer das Rennen eröffnet, indem er drei Kandidaten auf die Tagesordnung gesetzt hatte: Zum einen Krüger, der sich aber vor einigen Tagen selbst aus dem Rennen genommen hat, weil die Kritik an seiner angeblich zu sanften Amtsführung zu groß wurde. Es blieben noch Oliver Zipse und Klaus Fröhlich im Rennen, zwei Männer von sehr unterschiedlichem Charakter. Der eine bislang Produktionsvorstand, verbindlich, dienstbar, nüchtern, teamorientiert und von den Gewerkschaften geschätzt. Der andere bislang Entwicklungschef, drängend, ideenreich, in der ganzen Branche anerkannt, aber vielleicht zu kantig und zugleich zu wenig wirtschaftsaffin.

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Mit dem 55 Jahre alten Zipse ist deshalb nicht nur eine Personalentscheidung getroffen worden, sondern auch über den Stil in den kommenden Jahren. Krüger war vielen zu moderierend, zu wenig tonangebend. Aber auch Zipse wird nachgesagt, einen ähnlichen Führungsstil zu haben. Dazu passt, was Reithofer über den Neuen sagt: Er sei ein "Stratege und Analytiker". Wenn auch, darauf legen sie wert in den diesen Tagen: "führungsstark". Der gebürtige Heidelberger hat in Salt Lake City, USA, und in Darmstadt Informatik und Mathematik studiert. Gleich nach dem Abschluss kam er zu BMW, war unter anderem Leiter des Mini-Werks in Oxford, Leiter der technischen Planung und dann bis 2015 Chef-Stratege. Er ist mit einer Japanerin verheiratet, sein Bruder lehrt als Chemieprofessor in München.

Zipse soll BMW wieder ein Selbstbewusstsein vermitteln

Nicht nur der Stil bleibt ähnlich, auch die Grundausrichtung des Autobauers soll sich offenbar nicht ändern. Reithofer spricht offiziell nur von "zusätzlichen Impulsen", die der neue Chef geben solle. Tatsächlich hat Zipse aber eine größere Aufgabe: Dem Autobauer wieder ein Selbstbewusstsein zu vermitteln - und Klarheit darüber, wo man eigentlich steht und wohin man geht. Zuletzt war aus den Reihen der 135 000 Beschäftigten immer wieder von "Sehnsucht nach Führung" zu hören.

Die Branche befindet sich weltweit in Umbruch. Die vergleichsweise strenge neue CO₂-Gesetzgebung in Europa, samt einem dadurch folgenden Wechsel hin zur Elektromobilität, aber auch die Digitalisierung in den Autos kosten viel Geld. So ist auch BMW, ein Unternehmen mit mehr als 100-jähriger Historie, zu neuen Partnerschaften und neuen Geschäften gezwungen, etwa beim Car-Sharing oder der Entwicklung von Roboterautos.

In einem Rundschreiben an die Belegschaft formulierte der Betriebsrat dieser Tage deutliche Kritik an den daraus folgend unklaren Verhältnissen, daran muss sich Zipse messen: Das Management habe zuletzt steigende Marktanteile verkündet und ein "immer größeres Feuerwerk an neuen Modellen und Technologien", gleichzeitig "spüren viele Kolleginnen und Kollegen, wie das Unternehmen den Gürtel enger schnallt und das mit persönlichen Auswirkungen", heißt es in dem Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. So würden etwa Verträge mit wichtigen Zeitarbeitskräften gekürzt oder ganz gekündigt. "Das erinnert viele an den Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008", heißt es.

Jedenfalls erlebe man den größten Umbruch in der Automobilindustrie jemals, schreiben die Arbeitnehmervertreter. Und sie fragen: "Wie geht es unserem Unternehmen wirklich?" Durch teils widersprüchliche Mitteilungen sei die Belegschaft zunehmend verunsichert: Absatzplus und Überlegungen zu einem neuen Motorenwerk, aber eben auch "Gewinnwarnungen" und die Gefahr durch mögliche US-Einfuhrzölle. Die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Unternehmens werde nicht offen dargestellt, die Ansprüche an Wertschätzung für die eigenen Leute würden nicht erfüllt: "Sind wir nun der führende Premiumhersteller mit technischem Vorsprung oder befinden wir uns in einer ernsthaften Krise?"

Am kommenden Donnerstag bei der Betriebsversammlung in München möge der Vorstand das erläutern. Die erste schwierige Aufgabe für den Neuen, auch wenn er da noch in bisheriger Funktion auftreten wird.

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