Die Unternehmerin Johanna Quandt wurde zeitlebens als zurückhaltend beschrieben. In den Nachrufen, die anlässlich ihres Todes am Anfang der Woche geschrieben wurden, war von dieser Öffentlichkeitsscheu der BMW-Großaktionärin ausführlich die Rede.
Jetzt zeigt sich erneut, wie berechtigt diese Charakterisierung war. Johanna Quandt, die als die große Dame im BMW-Aktionärskreis galt und lange Zeit die reichste Frau Deutschlands war, hätte seit Jahren nicht mehr Großaktionärin des Autoherstellers genannt werden dürfen: Sie hatte ihren Anteil, der stets mit 16,7 Prozent angegeben war, zwischen 2003 und 2008 an ihre Kinder Susanne Klatten und Stefan Quandt verschenkt, und zwar zu gleichen Teilen. Johanna Quandt hat allerdings die Stimmrechte an ihrem Aktienpaket behalten, sie hat auch weiterhin die Dividenden bezogen. Johanna Quandt hielt zuletzt nur noch 0,4 Prozent der Aktien von BMW, die nach ihrem Tod nach Aussagen der Stiftung zu gleichen Teilen an ihre Kinder übergehen werden.
Damit wird der Tod der 89-Jährigen an den Aktionärsverhältnissen in dem Münchner Konzern nichts verändern. Klatten und Quandt werden auch in Zukunft jene 46,7 Prozent halten, mit denen die Familie bisher an BMW beteiligt war. Stefan Quandt hielt 17,4 Prozent, Susanne Klatten gehörte ein Paket von 12,7 Prozent. Beide sitzen im Aufsichtsrat von BMW, seit ihre Mutter in den Neunzigerjahren das Gremium verlassen hatte. Stefan Quandt ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.
"Schenkungssteuerlich günstig"
Dass sich innerhalb der Familie etwas an den BMW-Eigentumsverhältnissen geändert hatte, war allerdings in der Öffentlichkeit nicht bekannt, auch nicht bei BMW. Das bestätigt ein Firmensprecher. Diese neue Entwicklung hat der Journalist Rüdiger Jungbluth jetzt publik gemacht, der ein Buch über die Quandts geschrieben hat, dessen Neuauflage im September erscheinen wird. Die Johanna-Quandt-Stiftung bestätigt das. Der Übergang des Eigentums an Sohn und Tochter ergibt sich aus Veröffentlichungen im Bundesanzeiger. Die schrittweise Abgabe des Pakets von Johanna Quandt an ihre Kinder begann 2003 und war 2008 abgeschlossen.
Sohn Stefan kommentiert die Schenkung mit den Worten: "Der Vermögensübertrag war gut geplant." Er sei "schenkungssteuerlich günstig" gewesen. Demnach liegt der Grund dafür in der zeitlichen Streckung des Übergangs auf die Erben, sodass sich auch die fälligen Steuern über mehrere Jahre verteilen ließen. Wie viel Schenkungsteuer die Familie bezahlt hat, deckt der Clan nicht auf. Es heißt nur, die Quandts hätten "in einem nennenswerten Umfang Schenkungsteuer bezahlt". Es sollte offenbar verhindert werden, dass die Familie beim Tod der Patriarchin wegen anfallender Erbschaftsteuer Anteile an BMW hätte verkaufen müssen.
Die Familie habe nicht verheimlichen wollen, dass die BMW-Aktien von der Mutter auf Tochter und Sohn übergegangen sind, beteuert Stefan Quandt. "Alle Informationen sind zugänglich", sagte er dem Buchautor. "Ich wundere mich, dass es nicht früher thematisiert wurde." Dem Einwand, diese Transaktion hätte den Aktionären nach den Regeln des Wertpapierhandelsgesetzes mitgeteilt werden müssen, begegnet die Familie mit dem Hinweis, dass nur der Übergang von Stimmrechten dieser Mitteilungspflicht unterliegt.

Wären die BMW-Aktien von Johanna Quandt mitsamt dem Stimmrecht ihren beiden Kindern übertragen worden, hätte BMW das offiziell mitteilen müssen. Dass die Familie einen anderen Weg ging, dürfte damit zu tun haben, dass sie sich einer Debatte über die Übertragung dieses Multimilliarden-Vermögens nicht aussetzen wollte.
"Rückhalt und Sicherheit"
Bei BMW dürfte die Gewissheit, dass sich mit dem Tod von Johanna Quandt am Aktienanteil der Familie nichts ändern wird, auf Beruhigung stoßen. Die Familie war für den Konzern in der Vergangenheit ein wichtiger Ankeraktionär. Herbert Quandt, der Ehemann von Johanna Quandt, hatte 1959 mit seinem Einstieg bei dem damaligen Pleitekandidaten die Zukunft des Unternehmens gesichert. Johanna Quandt hatte in der schweren Rover-Krise 1999 erklärt, die Familie werde ihre Anteile nicht verkaufen. Unternehmenschef Harald Krüger hatte daran erinnert, als er am Mittwoch über die im Konzern hochverehrte Patriarchin sagte, sie habe dem Unternehmen "Rückhalt und Sicherheit gegeben". In der Krise vor 15 Jahren hatten sich Konkurrenten bereits Hoffnungen gemacht, BMW übernehmen zu können.
Klatten wie Quandt sind aber nicht nur an BMW beteiligt. Ihre BMW-Aktien sind allein inzwischen rund 30 Milliarden Euro wert und sind der weitaus größte Wert ihrer Portfolios. Ihr Vater Herbert Quandt, der 1982 gestorben war, hatte verfügt, dass die beiden Kinder, die er mit seiner dritten Frau Johanna hatte, zu gleichen Teilen sein industrielles Erbe antreten sollten. Susanne Klatten besitzt unter anderem das Chemieunternehmen Altana. Die Unternehmerin hält zudem 27,5 Prozent an SGL Carbon, einem Hersteller von Kohlefaserkunststoffen, die wegen ihres geringen Gewichts für die Autoindustrie Bedeutung haben.

Großaktionärin:Die wahre BMW-Chefin
Johanna Quandt hatte stets das letzte Wort bei BMW. Egal, wer unter ihr Vorstand war.
Stefan Quandt erhielt nach dem Tod des Vaters etwas höhere Anteile an BMW als seine Schwester, weil deren Altana mehr wert war als die Gesellschaft Delton, die er vom Vater erbte. Stefan Quandt ist Eigentümer des Logistik-Unternehmens Logwin und des Heilmittelherstellers Heel GmbH. Zudem hält er 36 Prozent an Solarwatt, einem Hersteller von Photovoltaik-Systemen. Gemeinsam mit seiner Schwester gehört ihm die US-Firma Datacard Corp, die Maschinen liefert, die Chipkarten und offizielle Dokumente bedrucken.
