Mit dem Sparen ist das so eine Sache: Auch dafür muss man bisweilen erst einmal Geld ausgeben. Wie im Fall von BMW. Der Münchner Autohersteller will seine Kosten senken und dafür Stellen streichen. Wie das ablaufen soll, das haben Vorstand und Betriebsrat nun ausgehandelt, eine entsprechende Vereinbarung haben der neue BMW-Chef Milan Nedeljković und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Martin Kimmich am Mittwochmorgen auf einer Betriebsversammlung am Stammsitz in München vorgestellt.
BMW will rund 8000 Jobs abbauen, das entspräche mehr als jeder elften Stelle in Deutschland. Kleiner werden dürfte dabei nicht nur, aber wohl vor allem der Stammsitz in München: Hier arbeiten besonders viele Beschäftigte im sogenannten indirekten Bereich, also auf Stellen in den Büros und abseits der Werkshallen, etwa in der Konzernverwaltung oder dem Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ). Auf diesen Jobs liegt der Fokus.
„Mir ist bewusst, dass die nächste Zeit von uns allen viel abverlangen wird“, sagte Nedeljković Teilnehmern zufolge auf der Versammlung in München. „Doch wir müssen sicherstellen, dass unser Unternehmen wieder profitabler und wettbewerbsfähiger wird.“ Die Spielregeln im Automarkt hätten sich grundlegend geändert und damit auch das gesamte Geschäftsmodell. „Und weder der Protektionismus noch die gravierenden Marktveränderungen werden wieder verschwinden.“
Vereinbart wurde deshalb ein Abfindungsprogramm für alle deutschen Standorte: Etwa 40 000 Beschäftigte in Deutschland sollten demnächst angeschrieben werden und ein Abfindungsangebot vorgelegt bekommen, hieß es. Das wäre knapp die Hälfte der insgesamt etwa 84 000 BMW-Mitarbeiter hierzulande. Starten soll das Programm im Oktober und dann bis Ende kommenden Jahres laufen. Dafür plant BMW allein für dieses Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag für Abfindungen ein, wie viel dann im Laufe des kommenden Jahres dazukommt, sei noch nicht klar, hieß es.
Das Ziel sei, die gesamte Managementstruktur des Konzerns neu aufzustellen und schlanker zu machen. Es gehe darum wieder „mehr Verantwortung in die Hände der wertschöpfenden Bereiche“ zu legen, so Nedeljković. „Unternehmerisches Handeln mit hoher Eigenverantwortung“ müsse wieder das Leitbild werden. Eine Aussage, die sich durchaus auch als Kritik am eigenen Unternehmen und dessen über Jahre und Jahrzehnte gewachsene Strukturen verstehen lässt.
Überall in der Branche werden gerade Zigtausende Stellen gestrichen
Der BMW-Dauerrivale Mercedes hatte bereits Anfang vergangenen Jahres ein Abfindungsprogramm aufgelegt, das inzwischen abgeschlossen ist. Dabei zahlten die Stuttgarter bis zu einer halben Million Euro pro Mitarbeiter, unter dem Strich floss ein Milliardenbetrag und Berichten zufolge verließen rund 5500 Beschäftigte den Konzern. Allerdings scheint auch das nicht zu reichen. Konzernchef Ola Källenius will die Belegschaft weiter verkleinern, etwa indem Stellen nicht nachbesetzt werden. Zugleich fordert er von seinen Leuten, fürs selbe Geld länger zu arbeiten – und hat damit heftige Gegenwehr im Betrieb und von der IG Metall heraufbeschworen.
Auch bei Volkswagen, dem größten Autokonzern Europas, könnten bald erneut Stellenstreichungen anstehen. Zwar war Konzernchef Oliver Blume zuletzt mit seinen Plänen für den Abbau Zehntausender weiterer Stellen im Aufsichtsrat unter großem Getöse gescheitert – die Verhandlungen darüber dürften aber spätestens nach der Sommerpause weitergehen. Deutlich geräuschloser hatte man sich dagegen Anfang der Woche bei der Konzerntochter Porsche geeinigt: Beim angeschlagenen Sportwagenhersteller sollen in den kommenden Jahren noch einmal 5000 Jobs wegfallen – zusätzlich zum bereits vereinbarten Abbau von 3900 Stellen.
Dass nun auch BMW in erheblichem Umfang Stellen streicht, kommt ebenfalls nicht völlig überraschend. Erst Mitte Mai hatte Nedeljković, 57, bis dahin verantwortlich für die Produktion, vom langjährigen BMW-Chef Oliver Zipse übernommen – und nur einen Monat später für einen Knall gesorgt: Der Neue strich erst einmal die Prognosen seines Vorgängers zusammen, BMW schockte Anleger und Mitarbeiter Mitte Juni mit einer heftigen Gewinnwarnung. Absatz und Gewinn würden im laufenden Jahr wohl deutlich niedriger ausfallen als geplant, es müsse gespart werden, hieß es bereits damals. Die BMW-Aktie fiel daraufhin noch einmal deutlich und hat sich seither nicht erholt: Seit Jahresanfang hat sie so fast ein Drittel an Wert eingebüßt. Und auch am Mittwoch änderte sich daran vorerst nichts.
Der Termin hat für Nedeljković gleich zwei Vorteile
Es zeigt sich: BMW, das lange als einziger deutscher Hersteller erfolgreich eine Doppelstrategie mit Verbrenner-Modellen und E-Autos verfolgte, hat die Krise der Branche eingeholt. „Zuversicht ist keine Stimmung. Sie ist eine aktive Entscheidung“, hatte Zipse bei seinem Abschied noch gesagt. Nedeljković dagegen traf bald die Entscheidung, reinen Tisch zu machen: Er kündigte bereits mit der Gewinnwarnung „weitere Struktur- und Effizienzmaßnahmen“ an, die laufenden Sparbemühungen wolle man „intensivieren und beschleunigen“.
Bereits da sprach der Konzern auch von „einmaligen Belastungen“ für die Bilanz im zweiten Halbjahr, deren Wirkung dann „in den Folgejahren sichtbar“ werden sollten. Ob damit ein Stellenabbau gemeint war, blieb zunächst offen – es hörte sich aber bereits alles danach an. Sechs Wochen später ist man nun offensichtlich einen Schritt weiter: Management und Betriebsräte haben sich geeinigt, und zwar ausnehmend geräuschlos. Es ist auch nicht das erste Mal, dass der Konzern über Abfindungen Personal abbaut. Zuletzt war in München am Anfang der Corona-Pandemie im Sommer 2020 etwas Ähnliches vereinbart worden, Zielgröße damals: 6000 Jobs.
Anders als die Chefs von Volkswagen und Mercedes wählte Nedeljković nun aber den Weg der leisen Diplomatie statt des lauten öffentlichen Aufschlags. Und die Vorstellung des Sparprogramms auf der lange geplanten Betriebsversammlung vor den sommerlichen Werksferien hat für den neuen BMW-Chef einen doppelten Vorteil: Die Mitarbeiter müssen nicht über den Sommer rätseln, wie es wohl weitergeht im Konzern. Und wenn Nedeljković am Donnerstag seine ersten eigenen – und voraussichtlich nicht gerade glänzenden – Zahlen vorlegt, kann er zumindest einen ersten Erfolg beim anstehenden Umbau des Konzerns vorweisen.
Zumal offenbar nicht unbedingt die Nachfrage das Problem ist – zumindest nicht in Europa und den USA. Am Dienstag erst hatte BMW gemeldet, dass vom neuen, im vergangenen Herbst präsentierten Elektro-SUV iX3 bereits 50 000 Stück im neuen Werk im ungarischen Debreczin vom Band gelaufen seien. Die Vorbestellungen würden außerdem bald die Marke von 100 000 erreichen. Anfang Juli hatte Nedeljković zudem im US-Werk in Spartanburg mit großer Show das größere Schwester-Modell X5 enthüllt, das in gleich fünf Antriebsvarianten gebaut werden soll. Und in diesen Wochen soll im Münchner Stammwerk die Serienproduktion der Elektro-Limousine i3 anlaufen.



