Mobilität:BMW und Mercedes verkaufen "Share Now" an Konkurrenz

Lesezeit: 3 min

Carsharing: Auto von "Share Now"

Mehr Fahrt zum Bäcker als Roadtrip: Viel Geduld hatten BMW und Mercedes mit ihrem "Share Now"-Angebot nicht.

(Foto: Francis Joseph Dean /imago)

Noch vor Kurzem feierten sich die beiden deutschen Autobauer für den Einstieg ins Carsharing, nun verkaufen sie ihr Angebot schon wieder. Eine Hintertür für das Geschäft mit Robotaxis lassen sie sich jedoch offen.

Von Max Hägler

Es ist erst drei Jahre her, da saßen die Spitzen von BMW und Mercedes zusammen in einer schicken Lounge in Berlin und beschworen gemeinsam die vermeintlich nächste Etappe der Autoindustrie. Unter dem Namen "Now" legten sie ihre Mobilitätsdienste zusammen. Allen voran das Carsharing, also die Autos, die in Großstädten am Stadtrand stehen und ganz einfach per App mietbar sind. "Wir wollen diese Transformation gestalten", sagt der damalige Mercedes-Chef Dieter Zetsche. Harald Krüger, der damalige BMW-Chef, war überzeugt, dass man in zehn Jahren sagen werde: "Das war ein wichtiger Tag!"

Tatsächlich wird diese Now-Feier bald vergessen sein. Denn die beiden Autobauer aus München und Stuttgart werden eines ihrer prominentesten Now-Geschäfte absehbar aufgeben: Man wolle das Carsharing-Angebot "Share Now" an den Opel-Mutterkonzern Stellantis verkaufen, teilten die beiden deutschen Autobauer mit. Eine Absichtserklärung sei vor Kurzem unterzeichnet worden. Stellantis wiederum will das Angebot eingliedern in sein Konkurrenzangebot Free2Move.

Der massive Strategieschwenk der deutschen Premiumhersteller hatte sich abgezeichnet: Nachdem Oliver Zipse bei BMW und Ola Källenius bei Daimler die Führung übernommen hatten, machten sie schnell klar, dass sie nun wieder das übliche Ziel verfolgen wollen: das Bauen von Fahrzeugen. Von einem Mobilitätskonzern, der sich um alle Aspekte der Fortbewegens bemüht und zwar bei Menschen aller Einkommensklassen, war seitdem kaum noch etwas zu hören. Ein Hauptgrund, natürlich: Der mangelnde Erfolg. Allein Mercedes verbuchte aus den Mobilitätsdiensten, die in den vergangenen beiden Jahren unter der Corona-Pandemie litten, einen Verlust von 329 Millionen Euro bei einem Umsatz von 260 Millionen Euro. Zudem lässt die Evolution von Sharing-Dienstleistungen hin zu womöglich sehr lukrativen Robotertaxi-Dienstleistungen noch auf sich warten.

Stellantis hat bereits Erfahrung damit, wie sich mit Carsharing Geld verdienen lässt

Share Now ist zwar vor Miles, Stadtmobil und Sixt der größte deutsche Anbieter. Und führt auch in Europa mit etwa 11 000 Fahrzeugen in 16 europäischen Metropolen den Markt an. Angeblich gibt es 3,4 Millionen Kunden. Aber das Geschäft ist dem Vernehmen nach nur an einzelnen Standorten profitabel, auch weil es sich nur schwer vom Reißbrett aus planen lässt: Die Stadtverwaltungen haben mit ihren Parklizenzen viel Einfluss, die Topografien und Pendelwege sind unterschiedlich - und letztlich auch die potenziellen Kunden selbst. Etwa ihr mehr oder eben weniger sorgsamer Umgang mit Mietfahrzeugen. So hat sich Share Now - oder eine der beiden Vorgängergesellschaften - in den vergangenen Jahren aus London, Stockholm oder Lissabon zurückgezogen.

Stellantis, dieser französisch-niederländisch-italienische Konzern, glaubt, das Geschäft erfolgreicher betreiben zu können. Dessen bisheriges Konkurrenzangebot Free2Move kommt bislang auf 2500 Leihwagen an sieben Standorten in Europa und den USA. Zusammengenommen will Stellantis bis Ende des Jahrzehnts 15 Millionen aktive Kunden für seine Mobilitätsdienste gewinnen und einen Nettoumsatz von 2,8 Milliarden Euro erzielen. Wieso es unter neuen Eignerschaft besser laufen soll? "Wir wissen, wie man profitabel ist in diesem Geschäft", sagt Free2Move-Chefin Brigitte Courtehoux. Free2Move schreibe dank "finanzieller Disziplin" bereits seit 2020 schwarze Zahlen. Durch die Share Now-Übernahme sieht Courtehoux weitere Größenvorteile und Synergieeffekte. Eine Rolle dürfte dabei auch die geringere Kapitalbindung spielen: Mit günstigen Volumenmodellen, etwa Autos der Marken Citroën, Peugeot oder Fiat, lässt sich ein Sharing-Geschäft wohl besser betreiben als mit Premiumfahrzeugen.

"Die Zeiten des Ausprobierens und Testens rund um neue Mobilität sind vorbei", sagt Andreas Herrmann, Leiter des Instituts für Mobilität an der Universität St. Gallen über den Verkauf. Aber er verweist darauf, dass BMW und Mercedes doch als Dienstleister tätig blieben, vor allem dank der Fahrt-Vermittlungsplattform "Free Now". Damit hätten beiden Unternehmen weiter Zugang zu urbanen Kunden, könnten über Mobilität lernen. Und womöglich haben sie damit eine Plattform, um doch auch noch an Robotaxis mitverdienen zu können, die irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kommen sollen - und angeblich die Mobilität völlig verändern.

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