Johann Kistler:Der Mann hinter dem BMW iX

Lesezeit: 4 min

Johann Kistler: Johann Kistler, seit 44 Jahren bei BMW - und Chef des Elektroauto iX.

Johann Kistler, seit 44 Jahren bei BMW - und Chef des Elektroauto iX.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Bayer Johann Kistler ist Teil der BMW-Seele der Bayerischen Motoren Werke und verantwortlich für das neueste Elektroauto. Nun, zum Ruhestand, erzählt er noch ein paar gute Geschichten.

Von Max Hägler

Beim Autobauer BMW wissen die allermeisten schon lange, wer Johann Kistler ist. Freilich, heißt es von Bandarbeitern wie Büromenschen, das ist der Kollege mit dem BMW-Ohrstecker! Vor ein paar Monaten haben schließlich auch manche eingefleischten BMW-Fans außerhalb der Werkstore diesen Mann kennenlernen können. Im Video zur Vorstellung des neuesten Vorzeigeelektroautos bekamen nicht nur tollpatschige Marsmännchen ihren Auftritt, sondern auch, vergleichsweise seriös: Johann Kistler.

Und was für einen Auftritt er da hat: "The Godfather!", verkündet die Stimme aus dem Off. Ein bärtiger, kräftiger Mann in blauem BMW-Kittel ist zu sehen, der auf einen halbfertigen Wagen zeigt: ein iX, das beste Elektroauto, das BMW zu bieten hat, mit großer Reichweite und Fahrerassistenz und all solchen Sachen. Dieses Auto ist irgendwie auch Kistlers Auto. Er hat dieses Fahrzeugprojekt geleitet, das schwierigste von BMW. Mit diesem "Technologieträger", wie Vorstandschef Oliver Zipse es sagt, soll der Kampf gegen Tesla gewonnen werden. Alles daran ist neu: die Karosserie, die Software, der Elektroantrieb. Viel Potenzial zum Scheitern.

Und damit ein Projekt für Kistler. Er ist einer der erfahrensten Manager für "Anläufe", wie das in der Branche heißt: diesen Übergang vom einzelnen, handgemachten Konzeptfahrzeug zum Auto aus Serienfertigung. Und er ist sicherlich der Mann mit dem bemerkenswertesten Geschmack. Wohl keiner sonst bei BMW zeigt so sehr die Verbundenheit mit seiner jeweiligen Arbeit, wie Kistler es tut. Am Ohrstecker ist ablesbar, um welches Auto es gerade geht. Vor Jahren war da eine "7" zu lesen - und seit mehr als drei Jahren: ein "i".

Johann Kistler: Seinen "i"-Ohrstecker will Kistler auch im Ruhestand noch eine Weile tragen.

Seinen "i"-Ohrstecker will Kistler auch im Ruhestand noch eine Weile tragen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Anfangs leitete Kistler 15, 20 Leute an, Ingenieure, Vertriebler, Finanzer, Designer. Im Lauf der Entwicklung wurden einigen Hunderte daraus. In der Hochphase musste Kistler die Energie von 5000 Menschen "kanalisieren", wie er es beschreibt. Nun ist die Serienfertigung angelaufen und vor einigen Wochen sind die ersten Exemplare an wohlhabende Kunden ausgeliefert worden.

Es gibt ein wenig Kritik am iX, etwa an der schieren Größe des 2,5 Tonnen schweren SUV, an der etwas groß geratenen Frontpartie oder dem eigenartigen Kristallstein-Drehschalter. Aber ausweislich der positiven Fahrberichte hat der Projektleiter seinen Job mit Bravour erledigt - und pünktlich in jeder Hinsicht: Jetzt, zum Jahreswechsel, geht Kistler in den Ruhestand. Und damit geht auch ein Stück der Seele von BMW, sagen sie dort selbst. Denn Kistler ist einer dieser Menschen, die im Hintergrund verantwortlich sind für die Perfektion deutscher Industriegüter. Die beweisen, dass Erfahrung und Gespür mindestens genauso wichtig sind für den Erfolg deutscher Hochtechnologie wie die Theorien von Betriebswirtschaft und Human Resources Management. Und er ist einer von jenen, die auch noch wollen, dass die Menschen Freude haben an ihrem Job.

Jedenfalls kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren, wenn man mit Kistler im Werk Dingolfing an einem Schnittmodell eines seiner Autos steht. Die Lehrlinge haben den Wagen derart auseinandergesäbelt, dass nun all die Innereien zu sehen sind, Batterie, Computer, Leitungen. "Ich habe denen gesagt: Das schaut ganz anders aus als früher, aber das ist eure Zukunft", sagt der Projektleiter. Und: "Das macht einen schon stolz, zumal man sich in den letzten fünf Jahren in Deutschland beinahe entschuldigen musste, wenn man bei einem Autohersteller arbeitete."

Wobei Kistlers Erfahrung viel länger reicht und er nachzeichnen kann, wie sehr sich das Unternehmen gewandelt hat, beim Management - und in der Technik.

Sein erstes eigenes Auto: Ein BMW 323i im Jahr 1979. 17 000 Mark hatte der gekostet, Kistler besorgte sich ein Sportlenkrad und baute sich eine automatische Antenne ein. Doch das wirkliche Tuning war eher handfester Natur: Im Winter packte der damals junge Mann Sandsäcke in den Kofferraum, damit die Hinterachse nicht so durchrutschte. Denn es stimmte schon, gesteht Kistler, was die Leute oft über BMWs sagten: "Das war eine Heckschleuder."

Ein paar Jahre danach war er Teil eines visionären Projekts: "E37" lautete der Code-Name für ein Elektroauto. Kistler hat den Schnellhefter von damals zum Gespräch mitgebracht. Strom werde "längerfristig als Energieträger für den Straßenverkehr" immer interessanter werden, heißt es da auf dem vergilbten Papier aus dem Jahr 1983. Aber es gebe kaum einen Markt für solche Fahrzeuge, weil die Preise zu hoch seien und die Technik noch nicht weit genug entwickelt ist.

Das ändert sich gerade - aber völlig unproblematisch sei die Elektromobilität und der Autobau auch heute nicht, sagt Kistler. Er zeigt auf sein Schnittmodell aus der Gegenwart. Die ursprünglich beim iX geplanten Elektroleitungen etwa waren zu dünn, konnten die hohen Ströme nicht verkraften. Und dann im Lauf der drei Jahre plötzlich eine Hiobsbotschaft, die jeder versteht, der sich ein bisschen mit Autos beschäftigt: Der iX drohte die Fünf-Sterne-Bewertung bei Crash-Tests zu verfehlen. Da mussten alle noch einmal ran und die Front umplanen. Aber, das berichten jedenfalls die Leute, die mit Kistler im Projekt zu tun hatten: Das sei ohne Geschrei abgelaufen. "Du musst zuhören und nicht alles besser wissen, sonst verlierst du die Leute", sagt Kistler "Dann musst du entscheiden und die Entscheidung begründen."

Und nun, wie macht so einer weiter nach seinem letzten Projekt beim Arbeitgeber? "Als Planer", sagt Kistler, "bin ich dem Wahnsinn verfallen, auch meine Pension planen zu wollen." Er schmunzelt. Denn mittlerweile hat er davon abgelassen. Den Ohrstecker allerdings behält er bis auf Weiteres. Was ja auch passt: Die Autos, seine, rollen ja jetzt erst über die Straßen.

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