Blumenhandel:In Deutschland sterben die Blumenläden aus

Blumenhandel: Viele Kunden wollen keinen Umweg fahren, um Blumen zu kaufen - und holen sich Tulpen und Rosen gleich beim Supermarkt.

Viele Kunden wollen keinen Umweg fahren, um Blumen zu kaufen - und holen sich Tulpen und Rosen gleich beim Supermarkt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Floristen haben es in Deutschland deutlich schwerer als früher. Tausende Geschäfte mussten in den vergangenen zehn Jahren dichtmachen.
  • Die Branche leidet unter dem geänderten Einkaufsverhalten der Kunden. Diese kaufen ihre Blumen lieber gleich im Supermarkt, um Umwege und Geld zu sparen.
  • Ein weiteres Problem der Floristen: Sie finden kaum noch qualifizierte Mitarbeiter.

Von Sophie Burfeind

Blumen machen glücklich, das fand auch Karl Bode lange Zeit. Er konnte andere Menschen mit seinen Sträußen zum Strahlen bringen, das machte ihn glücklich. Und dann diese Blumen: ihre Farben, ihre Formen, ihre Blüten, wie sie dufteten. Karl Bode hatte mit Menschen zu tun, die bei ihm einkauften, um Liebe, Dankbarkeit und Anteilnahme zu verschenken. Deswegen steckte er seinerseits viel Liebe in die Sträuße, die er für sie zusammenband.

Vor acht Jahren musste Karl Bode feststellen, dass diese Liebe immer weniger zählt. Die Ladentür öffnete sich kaum noch. Er beauftragte eine Unternehmensberatung, versuchte es mit Bonuskarten, Flyern in der Zeitung, einer neuen Deko, nichts half. Früher, da hatten ihm die Leute an Ostern 800 Tulpen aus den Händen gerissen, jetzt wurde er 150 nicht mehr los. Im Mai 2017 schloss er seinen Blumenladen in Kassel, das Ende eines 211-jährigen Familienbetriebes.

Floristen sagen: Für jemanden, der im Herzen Florist ist, ist jeder Tag eine Erfüllung. Das Geschäft aber ist für die meisten mittlerweile alles andere als erfüllend. Deswegen verschwinden in Deutschland, dem Land der Blumen- und Pflanzenliebhaber, nach und nach die Blumenläden.

"Ich sehe schwarz für unsere Branche", sagt Bode. Er hat ja gesehen, wie viele gekämpft und aufgegeben haben. Der Fachverband Deutscher Floristen schätzt, dass es noch 10 000 bis 12 000 Blumenläden in Deutschland gibt, vor zehn Jahren waren es um die 15 000. Dass Bode und all die anderen aufgeben mussten, liegt aber nicht daran, dass die Deutschen weniger Geld für Blumen und Pflanzen ausgeben. Seit Jahren sind es unverändert 37 Euro pro Kopf für Schnittblumen und insgesamt drei Milliarden Euro im Jahr. Das hat die Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI) ermittelt. Die Leute kaufen bloß woanders.

Bode hat es genau beobachtet: Jedes Jahr bauten Lidl, Aldi, Rewe und Toom mehr Plastikeimer mit Tulpen und Rosen auf. 2,99 Euro für einen Bund Rosen von Rewe statt 15 Euro für einen Strauß voller Liebe von ihm. Wenn er frühere Kunden bei Rewe traf und sah, wie sie dort Blumen kauften, hätten sie sich geschämt, sagt er. Aber sie kamen trotzdem nicht wieder. Als Karl Bode den Laden 1988 von seinem Vater übernahm, gab es Blumen fast nur in Fachgeschäften. Heute haben sie der AMI zufolge noch einen Marktanteil von 40 bis 45 Prozent.

Sind Blumen den Deutschen denn gar nichts mehr wert? Und: Wieso verkaufen Supermärkte und Discounter überhaupt so viele Blumen und Pflanzen? "Mit Blumen kann man noch richtig Geld verdienen", sagt der Handelsexperte Gerrit Heinemann. Denn die Margen bei Blumen seien sehr hoch - im Gegensatz zu den sonst sehr niedrigen Margen im Lebensmitteleinzelhandel. Da sie mit Blumen und Pflanzen gut verdienen, haben Supermärkte und Discounter ihr Blumen- und Pflanzenangebot immer weiter ausgebaut. Und dadurch hat sich das Kaufverhalten der Menschen verändert.

Aus Zeitgründen und wohl auch aus Faulheit kaufen Menschen nämlich gerne so viel wie möglich in einem Geschäft. "One-Stop-Shopping" heißt dieser Trend. Blumen werden dabei oft spontan mit in den Wagen gelegt. "Im Lebensmitteleinzelhandel sind sie zu einem Mitnahmeartikel geworden", sagt Heinemann.

Der Einkaufspreis mancher Blumenhändler ist der Verkaufspreis der Discounter

Bode kauft Fleisch, Käse und Wurst lieber auf dem Wochenmarkt. Er tut das aus Prinzip. Im Grunde war sein Kampf von Anfang an aussichtslos. Das wird klar, wenn man morgens in die Großmarkthalle für Blumen in München fährt. Früher brummte es hier, wird einem gesagt, während man durch eine ziemlich leere Halle schlendert. Töpfe mit Rosen, Tulpen und Gerbera reihen sich aneinander, leuchtende Farbflecke in grauer Umgebung. Je größer der Kopf einer Rose ist, desto teurer, je länger ihr Stiel ist, desto teurer, ein Bund großköpfiger, langstieliger Rosen kostet hier 16,95 Euro. Tulpen gibt es von 35 bis 45 Cent das Stück, Primeln für 79 Cent.

Das Problem für Blumenhändler wie Bode: Ihr Einkaufspreis ist der Verkaufspreis von Edeka und Lidl. Wie in vielen Branchen im Einzelhandel können die Großen mehr und günstiger einkaufen als die Kleinen und ihre Produkte so auch billiger verkaufen. "Teilweise importieren die Supermärkte und Discounter die Blumen auch direkt und überspringen so die Handelsstufe Großhandel oder Importeur", sagt Frank Teuber vom Blumenbüro Holland, Experte für den deutschen Blumenmarkt. Rosen und Tulpen aus dem Plastikeimer sind oft dünner und kleiner als die im Blumenladen, die Qualität sei aber nicht immer schlechter, sagt Teuber. "Und das heißt auch nicht, dass es sich dabei um Blumen handelt, die unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden." In einigen afrikanischen Ländern erhalten Arbeiter nur einen Hungerlohn in der Blumenzucht und sind kaum vor den Pestiziden geschützt, die dabei eingesetzt werden.

Als Symbol für Gefühle haben Blumen nie an Bedeutung verloren

Man kann sich die Situation der Blumenfachhändler vorstellen wie ein belegtes Brötchen, das von zwei Seiten platt gedrückt wird. Denn neben den Supermärkten gibt ja noch die Online-Händler. Start-ups wie Bloomon oder Miflora versenden fertige Sträuße als Geschenk, wahlweise mit Schokolade, Karte und Sekt. Nur ein paar Klicks, schon sind die Blumen auf dem Weg. Auch die beiden größten deutschen Blumenhändler - Blume 2000 und Fleurop - setzen zunehmend auf dieses Geschäftsmodell.

Fleurop, ein reiner Online-Händler, arbeitet zwar nach wie vor überwiegend mit dem Fachhandel zusammen - der online bestellte Strauß wird vom Laden vor Ort gemacht und geliefert. Da es aber immer weniger Läden gibt, versendet nun auch Fleurop Standardsträuße in der Kiste. Zusätzlich hat das Unternehmen das Blumen-Start-up Bloomy Days übernommen.

Als Karl Bode seine Ausbildung zum Floristen machte, glaubten seine Kollegen und er: Blumen begleiten uns das ganze Leben lang, von der Geburt bis zum Tod. Und noch immer sind Hochzeiten, Geburtstage, Valentinstage, Muttertage oder Beerdigungen ja Ereignisse, zu denen Blumen dazugehören. So gesehen haben sie als Symbol für Gefühle nie an Bedeutung verloren. Was die jungen Floristen damals aber nicht ahnen konnten war, dass sie trotzdem überflüssig werden würden. Weil auch andere Blumen verkaufen, weil es Moden gibt, die ihnen das Geschäft erschweren. Durch Urnenbestattungen etwa sind weniger Trauerkränze nötig, wer seine Wohnung trendbewusst dekorieren will, stellt sich derzeit nur ein paar einzelne Blumen in die Vase.

Haben die Blumenladeninhaber überhaupt noch eine Chance, zu überleben? Manfred Etzel steht im Laden, den er mit seiner Frau in München betreibt, und spricht über Blumen. Über die Geltung, die Mohn und Rosen haben, über eine am Bauhaus angelehnte Farbenlehre, über Naturalismus und Architektur. Er spricht über Kunst, dazu läuft klassische Musik. Etzel überreicht einer Frau den Strauß, den sie sich hat binden lassen. "Wunderschön", sagt sie und strahlt. Sie ist vom anderen Ende der Stadt gekommen, Blumensträuße kauft sie immer hier. 20 Meter weiter liegen bei Edeka die Tulpen und Primeln auf großen Gestellen. Dem Ehepaar Etzel macht das nichts aus.

Denn sie gehören zu denjenigen, die es geschafft haben, sich von den Großen abzuheben. Ihre Werkstätte für Floristik in Großhadern ist bekannt für schöne Sträuße, Johanna Märkl-Etzel bildet regelmäßig die besten Floristinnen in Oberbayern aus, all das spricht sich herum. Dazu die Lage: die Leute haben Geld, vor dem Laden gibt es einen Parkplatz und eine U-Bahn-Haltestelle, es sind nur ein paar Meter bis zur Klinik. Ärzte und Schwestern kaufen hier. "Und Weihnachtssterne, die Edeka dann für 1,49 Euro verkauft, bieten wir eben nicht mehr an", sagt Märkl-Etzel.

Viele Blumengeschäfte finden keine Mitarbeiter mehr

Dass sich Floristen auf ihre Kreativität konzentrieren, darauf, ihre Produkte noch kunstvoller zu gestalten, sei charakteristisch, sagt der Blumenexperte Frank Teuber. Und ein Problem. In Zeiten eines sich wandelnden Handels werde die Marktperspektive immer wichtiger. Floristen müssten sich spezialisieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Schon jetzt gibt es etliche, die nur noch Hochzeiten und Partys mit Blumen beliefern ("Garagenfloristen", sagen Ladenfloristen). Teuber fragt: "Wieso kooperieren Floristen nicht stärker mit Geschenkläden oder mit Supermärkten in Form von Shop-in-Shop-Konzepten?"

Aber auch die Etzels fragen sich, wie es weitergehen soll. Ihr Geschäft läuft zwar gut, trotz Edeka, aber sie finden keine Mitarbeiter mehr. Die Zahl derer, die eine Floristikausbildung machen wollen, ist von 2002 bis 2016 von 8068 auf 2580 gesunken, Floristenschulen schließen. Und ohne Angestellte kein Laden. Auch ihre Kinder, sagt Johanna Märkl-Etzel, wollten lieber studieren und etwas anderes machen.

© SZ vom 27.01.2018/jps
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