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Blockchain:Wenn das Auto selbst bezahlt

Logistik und Lieferketten, sensible Daten und Sicherheit: Die ersten Blockchain-Anwendungen werden nun marktreif. Eine Revolution ist das aber noch nicht.

Das Labor liegt verborgen hinter dicken Betonmauern, der Weg hinein führt durch graue Sicherheitstüren, vorbei an gesicherten Serverräumen in Deutschlands größtem konzernunabhängigen Rechenzentrum. Toan Nguyen, seine Zugangskarte in der Hand, öffnet die Tür, geht hinein, das lärmende Blasen der Kühler füllt den Raum. An den Serverblöcken stehen die Namen von IT-Größen, IBM, Fujitsu und Oracle, in der Ecke steht ein hoher Tisch mit roten Hockern. Seit einigen Monaten sitzen dort regelmäßig Spezialisten von Konzernen und Start-ups, vereint in der Arbeit an der Zukunft, in der Suche nach Anwendungen für die Blockchain.

Nguyen leitet die Geschäftsentwicklung und die Cloud-Plattform bei E-Shelter, das in der Branche für seine Rechenzentren bekannt ist und hier in Frankfurt-Rödelheim die digitalen Geheimnisse Hunderter Unternehmen beherbergt. Mit dem Innovationslabor will die Firma eine Plattform bieten, auf der Unternehmen im geschützten Raum neuen Technologien ausprobieren können. An diesem Ort ist Blockchain längst sehr viel mehr als ein Schlagwort; sie ist eine Technologie, die an der Schwelle zur Vernetzung von Dingen eine wesentliche Rolle spielen wird. "Wir befinden uns beim Thema Blockchain in der gleichen Phase wie beim Internet vor der Jahrtausendwende", sagt Nguyen.

So vieles ist denkbar mit dieser Art von Datenbanksystemen, die sich besser mit dem Begriff "Distributed Ledger Technology" - kurz DLT - beschreiben lassen als mit dem verwandten Begriff Blockchain: Verteilte Kassenbücher - eine Technik für vernetzte Rechner, die autonom und fälschungssicher die Reihenfolge von Transaktionen bestimmen. Solche Systeme kommen ohne zentrale Vertrauensinstanzen wie Banken oder Notare aus; das Vertrauen ergibt sich aus der Vielzahl an Rechnern, die zusammen Transaktionen und Datenbankeinträge verifizieren. Ist ein Eintrag gemacht, kann ihn niemand mehr ändern.

Diese allgemeine Definition macht deutlich, dass es im zehnten Jahr nach der Erfindung der Kryptowährung Bitcoin um viel mehr geht als das Geld der Zukunft oder die Spekulation mit virtuellen Währungen auf der Suche nach schnellem Reichtum.

Es geht um die Gestaltung des digitalen Wandels, mit dem Produktionsabläufe in Fabriken, Lieferketten und Logistikpläne, Finanzdienstleistungen und Börsenwesen und weite Teile des wirtschaftlichen Lebens sich für immer verändern werden.

Dominik Schiener, 22, hat das digitale Bezahlsystem Iota mitgegründet. Das Netzwerk macht kleinste Transaktionen zwischen Maschinen möglich. Seit einem Jahr steht eine deutsche Stiftung hinter Iota.

(Foto: Stephan Rumpf)

DLT, da ist sich Dominik Schiener sicher, wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Vor drei Jahren hat der aus Südtirol stammende Unternehmer mit zwei Partnern das digitale Bezahlsystem Iota gegründet, hinterlegt mit einer Kryptowährung und von der Industrie so begehrt, dass Bosch schon vor Monaten einen wesentlichen Anteil gekauft hat und Konzerne wie Deutsche Telekom und Volkswagen zu Schieners Partnern gehören. Er hofft, mit Iota einen Standard setzen zu können für das Internet der Dinge, in dem Maschinen autonom miteinander kommunizieren, in dem etwa autonom fahrende Autos selbst Maut zahlen und Gebühren kassieren können oder ein vernetzter Container eine Überweisung auslöst, sobald er auf dem vorgesehenen Schiff verstaut wird. "Mit DLT brauche ich für solche Dinge keine Verträge mehr", sagt Schiener, und fügt hinzu: "Wir entwickeln die Technologie für die und mit der Industrie. Anders geht es nicht."

Zum Beispiel mit der Finanzindustrie, wo die Blockchain in vielen Bereichen bereits vor dem Einsatz steht. Ralph Hamers, Chef der niederländischen Bank ING, beschreibt die Verheißung von DLT-Lösungen anhand des Sojabohnenhandels. "Das ist ein sehr papierlastiges Geschäft", sagt er, "dessen Grundprinzip sich seit Hunderten Jahren nicht geändert hat." Im Schnitt dauere es 26 Tage, bis die physische Lieferung einer Tonne Soja abgeschlossen sei, es sei ein hochgradig betrugsanfälliger Prozess. "Für die Zukunft peilen wir eine halbe Stunde an," sagt Hamers. Jedes Eigentum könne man künftig in einer digitalen Umgebung abbilden. Ein Grundbuch auf Blockchain-Basis ließe sich tatsächlich schon realisieren. "Unsere rechtliche Infrastruktur ist darauf aber noch nicht ausgelegt. Wir müssen uns zuerst auf Standards für die denkbaren Anwendungen verständigen", sagt Hamers.

Das wird vor allem mit Blick auf den durchregulierten Finanzsektor keine leichte Übung. Auch die Annahme, von Rechtsanwälten erstellte und verwaltete Verträge würden mit dezentralen DLT-Lösungen und autonom kommunizierenden Maschinen nicht mehr gebraucht, ist momentan noch nicht mehr als eine Denkübung. "Verträge werden nicht verschwinden", glaubt Claudia Otto, die sich als Rechtsanwältin auf das Internet der Dinge, Blockchain und IT-Sicherheit spezialisiert hat. "Sie werden nur auf eine andere Ebene verlagert." Auch die Idee, Notare könnten durch die Technologie überflüssig werden, hält sie für abwegig, denn deren Verantwortung gehe weit über die Beglaubigung von Verträgen hinaus - und sei eben nicht einfach durch die Blockchain zu ersetzen. "Etablierte Strukturen, die heute existieren, werden nicht so schnell verschwinden", ist auch Gilbert Fridgen überzeugt, Gründer des Fraunhofer Blockchain-Labors. Sie könnten aber sehr viel effizienter werden.

Wie, zeigt aktuell etwa das Beispiel der deutschen Staatsbank KfW. Als Dachorganisation der deutschen Entwicklungshilfe arbeitet das Institut mit einer großen Zahl von Projektpartnern in Schwellen- und Entwicklungsländern zusammen und steht permanent vor der Schwierigkeit, einzelne Projekte effizient, sicher und unter Ausschluss von Bestechung und Korruption zu managen. In einem Land wie Mosambik, wo die KfW beim Bau von Schulen hilft und die Lehrerausbildung finanziert, arbeiten alle Projektpartner normalerweise in ihren eigenen Systemen.

Videos vom Wirtschaftsgipfel

Wer das Panel verpasst hat, kann sich dieses hier im Nachhinein anschauen.

Mit der Blockchain ändert sich das jetzt. Im hauseigenen Digital Office hat die KfW eine Software-Plattform namens Tru Budget entwickelt, auf der alle Beteiligten zusammenarbeiten und ständig verfolgen können, welcher Detailschritt eines Projekts auf welchem Stand ist, welche Summen wofür bezahlt werden, wer welche Änderungen vornimmt. Das Prinzip der Blockchain macht alle Vorgänge transparent, bis hin zum Einbau einzelner Fenster, und keiner kann nachträglich oder unbefugt manipuliert werden. Im Idealfall wären Bestechungsfälle damit ein Ding der Vergangenheit. In Mosambik und fünf weiteren Ländern laufen bereits Pilotprojekte.

Die KfW, Banken wie ING, Unternehmen wie Bosch mit Industrieallianzen der großen Autohersteller, Energiekonzerne, kleinere und größere Maschinenbauer, Reiseveranstalter, Ministerien und Zentralbanken: keine Branche, keine Regierung, in denen man derzeit nicht die Chancen der DLT auslotet. Die Axa-Versicherung bietet auf Blockchain-Basis sogar schon eine Reiseversicherung an, die automatisch Entschädigungen zahlt, wenn ein Flug mehr als zwei Stunden verspätet ist, ohne dass Formulare ausgefüllt werden müssen.

Bis aber autonome Fahrzeuge selbst Maut abrechnen, bis vernetzte Container im Hafen Formulare überflüssig machen und Teile des Börsenhandels auf Blockchain-Basis laufen; bis sich also die Vielzahl an Ideen in konkrete Anwendungen übersetzt, wird nach Meinung von Experten noch einige Zeit vergehen. Die große Revolution, von der in den vergangenen Jahren so viele Vertreter der Krypto-Welt gesprochen haben, lässt auf sich warten. Wie vor über 20 Jahren, als noch offen war, inwiefern das Internet das Leben verändern würde. So wie damals arbeiten Hunderttausende junge Menschen weltweit an der Weiterentwicklung von DLT.

Cloud-Experte Toan Nguyen sagt: "Natürlich warten jetzt alle darauf, auch einmal zu sehen, was das zu bieten hat. Noch fehlt aber eine Killer-Applikation." Dass die kommen wird, daran zweifelt er nicht. Ganz persönlich könnte sich sein Arbeitsalltag bald erleichtern: Im Innovation Lab werden Handscanner getestet, die für eine Zutrittsberechtigung die Handvenen auslesen, auf Iota-Basis dezentral organisiert und überall auf der Welt verfügbar. Die Zugangskarte, die um Nguyens Hals hängt, hat bald ausgedient.