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Blockchain:Tür in die Zukunft

Banking And Economy In Liechtenstein's Capital; .

Schloss von Vaduz in Liechtenstein. Das Fürstentum gehört zu den Vorreitern in Sachen Kryptowährungen.

(Foto: Valentin Flauraud / Bloomberg)

In Liechtenstein verwaltet erstmals ein Unternehmen seine gesetzliche Kapitaleinlage über eine Kryptowährung. Bald könnten Aktien und Rechte über die Blockchain-Technologie übertragen werden.

Von Marcel Grzanna

Kryptowährungen kämpfen seit Jahren mit einem Imageproblem. Manche Kritiker sagen, dabei handle es sich um keine echten Werte. Tatsächlich aber sind Kryptowährungen bereits in der Realität angekommen und werden als Währung jenseits des Internets wahrgenommen und akzeptiert. Im Fürstentum Liechtenstein wurde kürzlich sogar die erste Firma der Welt gegründet, deren gesetzliche Kapitaleinlage auf Basis der Etherum Blockchain verwaltet wird - also auf Basis einer Kryptowährung.

Die Gründer hinterlegten Mitte August 261 Ether im Gegenwert von rund 100 000 Schweizer Franken. Sie erfüllten damit die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen, die seit Anfang 2020 in Liechtenstein durch das Gesetz über Token- und VT-Dienstleistungen (TVTG) gelten. VT steht für vertrauensvolle Technologien. Die neu gegründete Firma heißt Amazing Blocks und ist ihrerseits ein Start-up, das Unternehmen die Infrastruktur und die nötigen Dienstleistungen zur Verfügung stellt, damit die ebenfalls auf Blockchain-Basis Werte und Rechte verwalten können.

Doch es bleiben Fragen: Wer bewahrt den Rembrandt auf?

"Als das Gesetz Anfang des Jahres in Kraft trat, wurde uns klar, dass wir das fehlende Puzzlestück sind. Es gab die staatliche Legislation und die nötigen Partner am Ort. Was fehlte, war ein Unternehmen, das sich diese Voraussetzungen auch zunutze macht und seine Einlagen komplett tokenisiert", sagt CEO Sofia Balogianni. Das Geschäftsmodell verspricht Kunden höhere Effizienz bei der Umschichtung von Firmenanteilen und hohe Sicherheitsstandards durch das dezentrale Blockchain-System.

Anhänger der Technologie schwärmen von deren Effizienz. Die Übertragung von Unternehmensanteilen von einem Inhaber auf den anderen ist ohne Notar und rund um die Uhr in wenigen Augenblicken allgemein nachvollziehbar und rechtssicher möglich. Ende Oktober übertrugen die Firmeninhaber erstmals Aktien an einen neuen Mitbesitzer. Der Verkauf benötigte weder die Unterschrift eines Notars noch eine physische Übergabe der Wertpapiere. Nach 20 Minuten war der Akt vollzogen, und die neuen Besitzverhältnisse sind jetzt für jeden einsehbar.

Für die Gründer sind all diese Vorgänge auch Teil ihres eigenen Lernprozesses. "Durch unsere Neugründung und die Abwicklung von Verkaufsprozessen von Firmenanteilen sammeln wir die Erfahrungen, die uns dabei helfen zu verstehen, wie man die Handhabe weiter optimieren kann. Diese Erkenntnisse wollen wir dann an unsere Kunden weitergeben", sagt Raphael Hess, Chief Technology Officer des jungen Unternehmens.

Im Internet sind die Besitzverhältnisse von Amazing Blocks öffentlich zugänglich, nur die Namen der Gesellschafter sind pseudonymisiert. "Diese öffentliche Einsicht bietet ganz neue Möglichkeiten für andere Geschäftsbereiche, die diese Informationen für sich nutzen können", prophezeit Hess. Steuerberater oder Versicherungen zum Beispiel könnten spezifische Angebote entwickeln oder die Daten für ihre Statistiken verwenden. Auch das Stimmrecht bei Generalversammlungen von Aktiengesellschaften könnte mithilfe der Blockchain nachgezeichnet werden, ohne dass Identitäten nach außen dringen. Geht es nach den Gründern, könnten bald schon auch Sachwerte wie Kunstgegenstände, Oldtimer oder Edelsteine, aber auch Patent- oder Urheberrechte tokenisiert werden. Das Interessante: Eine Stückelung von nicht teilbaren Gegenständen oder Rechten wäre damit möglich. Der reale Wert eines Objekts könnte in beliebig viele Teile gestückelt werden. Ein Gemälde von Rembrandt zum Beispiel mit einem Wert von einer Million Euro könnte in 200 Anteile geteilt, verkauft und gehandelt werden. Doch es bleiben Fragen: Wer bewahrt den Rembrandt auf? Muss er in Liechtenstein sein, wenn er dort tokenisiert wird? Doch Antworten scheinen nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die Tür in die Zukunft ist geöffnet, glauben Experten. "Mit dem Schritt, den die Gründer in Liechtenstein gegangen sind, ist erstmals bewiesen worden, dass beliebige Rechte und Werte unkompliziert tokenisiert werden können. Das ist ein Meilenstein in der Blockchain-Entwicklung", sagt Philipp Sandner vom Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management.

Liechtenstein habe frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt. Von einem ähnlich breiten Ansatz sei man in Deutschland noch rund vier Jahre entfernt, glaubt Sandner. Dennoch sei Liechtenstein als Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ein wertvoller Vorreiter für die rechtliche Entwicklung in ganz Europa. In Deutschland regelt seit Anfang Januar ein Gesetz das Kryptoverwahrgeschäft. Die Finanzaufsicht Bafin wird jedoch erst in diesem Monat entscheiden, welche Dienstleister eine solche Lizenz endgültig erhalten. Der Verwahrer hatte bislang die Aufgabe, Aktien seiner Kunden vor einem Zugriff durch Dritte zu schützen. Das neue Aufgabenprofil sieht dagegen vor, die Passwörter der Kunden zu sichern. Wer unsicher ist, greift auf den Service von Dienstleistern zurück, die von der Finanzaufsicht legitimiert sein müssen. Auch traditionelle Banken wollen in dem neuen Geschäftsfeld mitspielen. Die Commerzbank, aber auch die Deutsche Börse Stuttgart arbeiten seit einer Weile intensiv an der Entwicklung der nötigen Infrastruktur.

Dienstleister wollen dafür sorgen, dass Werte auf der Blockchain gut geschützt sind

Amazing Blocks hat ein Mehrstufensystem entwickelt, um die Passwörter zu den Token ihrer Kunden sicher aufzubewahren. Passwörter sind die Schließfachschlüssel von heute. Über einen lizenzierten Verwahrer schützt das Unternehmen die Zugangscodes seiner Kunden. Geht ein Passwort verloren, können Token gelöscht und neu aufgestellt werden. Transaktionen von Firmenwerten an Dritte müssen zudem autorisiert sein. Mit einem Passwort allein kann ein Hacker also nichts anfangen, weil er die Werte nicht zu Geld machen kann, solange der Käufer nicht geprüft worden ist.

Bislang geht es in den Prozessen nur um Aktien, die nicht öffentlich gehandelt werden. Die Gründer halten aber auch die Umwandlung von Unternehmensanteilen, die jeder Investor beliebig kaufen und abstoßen kann, für sinnvoll, aber auch für eine gigantische Aufgabe. Firmenchefin Balogianni: "Wir wollen erst einmal einen neuen Markt erschließen, in dem die Aktien innerhalb der Unternehmen bleiben. Die Tokenisierung von Wertpapieren für den Handel bleibt zunächst einmal unsere Vision."

© SZ vom 26.11.2020
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