Blockchain-Plattformen Rund um die Uhr und digital

Illustration: Stefan Dimitrov

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In Deutschland laufen bereits erste Handelsfinanzierungen über Blockchain-Plattformen.

Von Norbert Hofmann

Neben zunehmender Handelsbarrieren gibt es auch positive Impulse. Einer davon kommt von der Blockchain. Die durch virtuelle Währungen bekannt gewordene Technologie eignet sich auch als Basis für Plattformen, die Unternehmen das Handelsgeschäft erleichtern. Die Beratungsgesellschaft Bain erwartet, dass dadurch das Volumen des weltweiten Handels bis 2026 von derzeit 16 Billionen auf 17,1 Billionen Dollar steigen könnte. Über die von einem europäischen Bankenkonsortium gegründete Plattform we.trade werden bis Ende Juni bereits 100 Handelsgeschäfte gelaufen sein. Bis zum Jahresende sollen es mehr als tausend werden.

Als erste deutsche Bank hat die HypoVereinsbank, die zum italienischen Bankkonzern Unicredit gehört, eine Transaktion über we.trade begleitet. Die Firma navabi in Aachen, ein Online-Händler für Damenbekleidung, bestellte bei einem spanischen Lieferanten Ware für sein auf Übergrößen spezialisiertes Sortiment. Das Unternehmen zeigte sich zufrieden. Äußerst effizient sei die Transaktion abgelaufen und das eigene Risiko reduziert worden. Die Plattform löst Abläufe wie etwa die Zahlung oder die Lieferung automatisch aus, sobald vereinbarte Bedingungen erfüllt sind. Davon könnten künftig auch Firmen profitieren, die bisher im Ausland wegen der Zahlungsunsicherheit auf Geschäft verzichteten. "Dem deutschen Mittelstand eröffnen sich mit der sicheren und schnellen Zahlungsabwicklung über die Plattform neue Marktchancen und Geschäftsmöglichkeiten mit Handelspartnern, mit denen sie bislang noch keine direkte Geschäftsbeziehung haben", sagt Thomas Dusch, stellvertretender Leiter der Globalen Transaktionsbank der Unicredit.

In der Blockchain werden Datenbanken auf die Teilnehmer eines Rechnernetzes verteilt und dort dezentral verwaltet. Dieses elektronische Register wird durch jede Transaktion wie eine Kette (Blockchain) erweitert. Herkömmliche zeit- und kostenaufwendige Dokumentationen erübrigen sich damit. Alle Beteiligten haben jederzeit denselben Kenntnisstand: von der Bestellung bis zur Abrechnung. "Die Plattform bietet einen sehr hohen Schutz vor Manipulationen und ermöglicht so auch die sichere Durchführung von nationalen und internationalen Handelsgeschäften", sagt Dusch.

Die HypoVereinsbank bietet den Zugang zu we.trade sowie die Transaktionen darauf derzeit noch kostenfrei an. Es fallen lediglich die mit dem Unternehmen vereinbarten Gebühren etwa für die Finanzierung des Geschäfts an. Der Verkäufer kann bei seiner Bank auf Wunsch auch eine Abdeckung des Länderrisikos oder ein Dokumentengeschäft (Akkreditiv) zur zusätzlichen Zahlungsabsicherung abschließen. Mit der Bestätigung des Handelsgeschäfts schließen Käufer und Verkäufer einen Vertrag, den Smart Contract, ab. Das System löst dann sofort oder zum vereinbarten Fälligkeitstermin Zahlungen aus, sobald etwa durch Heraufladen eines Datensatzes die Lieferung bestätigt wird. Wie immer bei offenen Handelsgeschäften funktioniert das allerdings nur, wenn der Käufer liquide ist. Hinzu kommt das Internetrisiko. Wenn es zu Störungen im Netz kommt, können die Prozesse ins Stocken geraten.

Unternehmen können Liquidität und Kosten sparen

Grundsätzlich spricht für den digitalen Weg die schnelle Abwicklung. Dazu trägt bei we.trade die Erreichbarkeit rund um die Uhr bei. "Mittelständler können ihre Handelsgeschäfte damit auch abends oder am Wochenende und über die internationalen Zeitgrenzen hinweg bearbeiten", sagt Dusch. Beide Geschäftspartner müssen Kunde einer der zwölf an dem Konsortium teilnehmenden Kreditinstitute oder von einer der zwei an die Plattform angeschlossenen Banken sein. Da sie dort registriert sind, entsteht zusätzliches Vertrauen beim Geschäftspartner. Ist das nicht der Fall, ist auch keine Transaktion möglich. Das Konsortium will deshalb weitere Teilnehmer gewinnen. Aktuell wird eine Zusammenarbeit mit der asiatischen Plattform eTradeConnect angestrebt.

Auch andere Blockchain-Lösungen für Handelstransaktionen entstehen. Die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) haben gerade erste Pilotprojekte auf der mit europäischen Banken betriebenen Plattform Marco Polo durchgeführt. Die HSBC, die auch zum Gründerkonsortium von we.trade gehört, hat mit sieben internationalen Bankhäusern die Plattform Voltron gestartet, die den weltweiten Handel mit Akkreditiven effizienter macht. Bei einem Akkreditiv (Letter of Credit) sichert die Bank des Käufers gegen Gebühr die Zahlung zu, sobald bestimmte Dokumente zur Lieferung vorliegen. Ursprungs- und Verschiffungsdokumente oder das den Eigentumsübergang bestätigende Indossament werden dabei heute immer noch in Papierform versandt. Bei der Blockchain können Transporteure und Behörden sie in Form eines Datensatzes eingeben. Allerdings müssen die Schnittstellen kompatibel sein. Die Experten von Bain warnen vor "digitalen Inseln" und raten dazu, große Plattformen mit vielen Teilnehmern zu entwickeln.

Die HSBC konnte anlässlich einer Handelsfinanzierung für den Nahrungsmittelkonzern Cargill, bei der Sojabohnen von Argentinien nach Malaysia geliefert wurden, die Transaktionszeit von den üblichen fünf bis zehn Tagen auf 24 Stunden reduzieren. "Das Akkreditiv, das die Interessen beider Handelspartner absichert, ist das fairste internationale Zahlungsinstrument und durch die Blockchain-Lösung kann das damit verbundene Zahlungsversprechen der Bank jetzt noch effizienter genutzt werden", sagt Alexander Mutter, der bei HSBC Deutschland unter anderem für den Globalen Handel zuständig ist.

Unternehmen können Liquidität und Kosten sparen. "Gerade in Deutschland, wo Import- und Exportgeschäfte für viele Unternehmen essenziell sind, wird mit der Blockchain die Nachfrage nach Handelsfinanzierungslösungen auch im Mittelstand steigen", erwartet Mutter. Derzeit werden nicht zuletzt wegen der Gebühren mit Akkreditiven nur rund 15 Prozent der Auslandsgeschäfte abgesichert. Das könnte sich mit der Blockchain ändern. Auf Voltron wurden bislang vier Transaktionen live durchgeführt. "Internationale Großkunden der teilnehmenden Banken sind die First Mover auf Voltron, die gemeinsam mit uns auch in die Technologie investieren. Wir befinden uns aber auch im engen Erfahrungsaustausch mit deutschen Unternehmen: vom Dax-Konzern bis zum internationalen Mittelständler", sagt Mutter.