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Kryptowährungen:Bitcoin ohne Frieden

Milliardäre lieben es, sich zu vergleichen. Twitter-Gründer Dorsey hat weniger Geld als Tesla-Gründer Musk, liegt aber dank Bart optisch vorne.

(Foto: AFP, Reuters)

Zwei Milliardäre fachsimpeln über die Digitaldevise Bitcoin. Das alleine reicht, um den Kurs nach oben zu katapultieren.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Man braucht nicht viel Fantasie, um in Jack Dorsey einen selbsternannten Propheten zu erkennen. Der Multimilliardär und Twitter-Gründer tritt mit haarlosem Haupt vor die Kamera, trägt inzwischen gerne Batikshirts und streicht sich vor einem entscheidenden Satz genau neunmal über den langen, krausen Bart. "Meine Hoffnung ist", sagt Dorsey nach einer Stunde Fachsimpelei über Digitaldevisen, "dass Bitcoin den Weltfrieden schafft."

Dabei sind in der virtuellen Währungswelt derzeit alles andere als friedliche Zeiten angesagt: Mitte April war der Bitcoin noch über die Marke von 60 000 Dollar geschossen, dann folgte der Kurskollaps. Als die Digitaldevise Anfang dieser Woche sogar unter die wichtige Marke von 30 000 Dollar krachte, warnten manche Beobachter vor einer Krypto-Eiszeit. Umso genauer schauten die Anleger hin, als nun ein virtuelles Milliardärs-Meeting angesetzt war. Ausgerechnet die Bitcon-Apologeten Elon Musk und Jack Dorsey waren geladen. Die große Frage: Würden allein ihre Worte dem Bitcoin wieder Wumms geben?

Um die Digitaldevise nach oben zu stupsen, reichten am Ende bereits wenige Worte. Nicht die vom Weltfrieden, aber die von Tesla-Gründer Elon Musk: Nicht nur seine E-Auto-Firma besitze Bitcoin, auch sein Raumfahrtunternehmen Space X - und sogar er selbst. "Sehr wahrscheinlich", sagte Musk, werde sein Unternehmen Tesla Bitcoin bald wieder als Zahlungsmittel akzeptieren. Der Ton war damit gesetzt, die Kryptohändler kauften - und der Kurs der Digitalwährung stieg in der Spitze auf mehr als 32 000 Dollar.

Ein Satz und alle reagieren

Es sind in den vergangenen Monaten auffällig oft Musks Worte, die den Bitcoin-Kurs entscheidend treiben, nach oben wie nach unten. "Es gibt in diesem Markt eben viele Privatanleger, die vor allem auf seine Sätze schauen", sagt Börsenstratege Andreas Lipkow von der Direktbank Comdirect. Die Devise? Persönliche Perspektiven statt fundamentaler Faktoren.

Denn die sehen auf den ersten Blick alles andere als gut aus: Finanzpolitiker, Regulatoren und Zentralbanker weltweit wollen eigene digitale Währungen herausbringen und greifen die nichtstaatlichen Digitalwährungen deswegen an. Manche chinesische Provinzen verbieten dortigen Geschäftsleuten inzwischen, sich mit ihren Rechnerparks an das Bitcoin-Netzwerk anzuschließen. In Brüssel hat die EU-Kommission erst Anfang der Woche vorgeschlagen, anonyme Krypto-Konten zu verbieten. Solche Schlagzeilen sind der Stoff, der viele Privatanleger hibbelig macht.

Manche Kryptoexperten sehen das jedoch ganz gelassen: Wenn sich die Spieler in der Kryptowelt strenger an Geldwäscheregeln halten müssten, dürfte das die Digitaldevise nur attraktiver machen. "Gerade Großanleger haben dann eine viel größere Sicherheit, dass sie es auf der anderen Seite nicht mit Geldwäschern zu tun haben", sagt Börsenexperte Lipkow.

Dass China viele zentrale Akteure im Bitcoin-Netzwerk aus dem Land vertreibt, könnte den Bitcoin zudem ökologischer machen. Immer wieder hatten Experten kritisiert, wie viel Energie selbst bei nur einer Bitcoin-Überweisung verbraucht wird. Viele Bitcoin-Akteure in China ließen ihre Computer vor allem mit Kohlestrom laufen und sorgten damit für eine schlechte Umweltbilanz. Wenn sich ein Teil der Bitcoin-Infrastruktur nun in andere Länder mit saubererem Strom verlagert, wäre die Digitaldevise etwas umweltfreundlicher.

Bitcoin als Sicherheit in Zeiten von Inflation? Scheint nicht zu funktionieren

Als ob all das nicht reichen würde, versuchte Tesla-Chef Elon Musk sogar eine Art verbale Versicherung abzugeben: "I might pump, but I don't dump", reimte Musk auf Englisch. Zu Deutsch in etwa: Den Kurs treiben? Das würde er im Ernstfall schon. Massenhaft Bitcoin abverkaufen? Eindeutig nein.

Doch längst nicht alle Experten können dem Optimismus des Tesla-Gründers etwas abgewinnen. Während viele Käufer sich Bitcoin auch als Schutz gegen steigende Preise ins Depot geladen hatten, versagt der Bitcoin ausgerechnet bei dieser Mission. Obwohl die Inflationsraten dies- und jenseits des Atlantiks deutlich gestiegen sind, ist der Bitcoinkurs seit Mitte Mai kollabiert.

Unklar ist außerdem, welche der Tausenden Digitalwährungen im Internet das Rennen macht. Bitcoin ist zwar seit Jahren die populärste Digitalwährung, aber ausgerechnet Tesla-Chef Elon Musk brennt auch für eine ganz andere Digitaldevise namens Dogecoin. Einst hatten zwei US-Informatiker die Währung als reines Scherzprojekt gestartet, doch könnte daraus eine Weltwährung werden? "Vielleicht ist die ironischste Variante am Ende am wahrscheinlichsten", sagt Musk. Und nimmt einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche.

© SZ
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