Der Dax-Konzern Eon ist größter Betreiber von Verteilnetzen für Strom in Deutschland und Europa. Damit ist das Essener Unternehmen auch dafür zuständig, die ganzen Wind- und Solarparks anzuschließen oder die geplanten Rechenzentren. Bundeswirtschaftsministern Katherina Reiche präsentierte im September Vorschläge, um den Ausbau der Erneuerbaren zu verbilligen. Die CDU-Politikerin ist mit der Materie vertraut, sie war vorher Chefin einer Eon-Tochterfirma. Kritiker werfen Reiche vor, die Energiewende auszubremsen. Ihr früherer Chef, der Eon-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum, verteidigt die Politikerin aber. Ihr Ansatz sei „genau richtig“, sagte der Manager am Mittwoch beim SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin.
Würden die Ideen umgesetzt, „kommen 15 Milliarden Euro weniger Kosten pro Jahr bei den Kunden an“, sagt der 58-Jährige. Wer „rückwärtsgewandte“ Kritik an der Politikerin übe, solle bessere Vorschläge machen, um die hohen Strompreise zu senken. Birnbaums Befürchtung: Die teure Elektrizität und die Probleme, die das der Industrie bereitet, könnten die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung gefährden. Umfragen zeigten schon jetzt, dass Bürger in wirtschaftsschwachen Regionen das Thema skeptisch sähen, sagt der frühere McKinsey-Berater, der Eon seit vier Jahren führt.
Reiche will unter anderem die deutschen Ausbauziele für Ökostrom-Anlagen kappen, weil die Nachfrage nach Strom langsamer wächst als geschätzt. Subventionen möchte sie ebenfalls verringern. Außerdem sollen neue Wind- und Solarparks vor allem da entstehen, wo die Elektrizität auch gebraucht wird oder zumindest die Netze genug freie Kapazitäten zur Weiterleitung haben. Das soll die Kosten des Netzausbaus senken.
Die Ankündigungen haben bereits Konsequenzen: Birnbaum zufolge geht bei Eon ein „Tsunami“ an Anfragen ein, Batteriespeicher, Wind- oder Solarparks ans Stromnetz anzuschließen. Die Investoren wollten noch schnell von den bestehenden Regeln und Subventionen profitieren, bevor Reiche das System weniger großzügig mache, sagt der Eon-Chef. „Das ist absoluter Irrsinn.“
Investoren trügen kein Risiko, klagt der Chef
Was bislang nach Meinung von Reiche und Birnbaum schiefläuft, veranschaulicht der Manager mit einem Beispiel aus Sachsen-Anhalt. Dort produzierten Windparks schon jetzt mehr Strom, als vor Ort gebraucht werde, und die Netze könnten nicht alles abtransportieren, sagt er. Trotzdem wollten Investoren weitere Windparks bauen. Der Grund: Müssen die neuen Windräder vom Netz genommen werden, um eine Überlastung zu verhindern, erhalten die Betreiber eine Entschädigung – und die zahlen letztlich die Kunden. Birnbaum sagt, der Investor trage daher kein Risiko und habe keinen Anreiz, Windparks lieber an nützlichen Stellen zu errichten: „Das kann doch nicht richtig sein.“
Vorige Woche beschloss die Bundesregierung, den Strompreis für Betriebe, die viel Energie verbrauchen, für drei Jahre mit Subventionen zu senken. Birnbaum sagt, das sei als Übergangslösung in Ordnung, aber es sei wichtiger, an die Ursachen heranzugehen, also die Energiewende zu verbilligen: „Sonst pappt man nur ein Pflaster auf die Wunde, während darunter die Wunde immer größer wird.“

