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Bruttoinlandsprodukt:Deutsche Wirtschaft schrumpft im zweiten Quartal leicht

Exportabhängigkeit bremst Industriekonzerne

Containerschiffe im Hamburger Hafen: Die deutsche Autoindustrie schwächelt, das wirkt sich auf die Wirtschaftsleistung aus.

(Foto: Axel Heimken/dpa)
  • Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im zweiten Quartal 2019 um 0,1 Prozent geschrumpft.
  • Zum Jahresanfang war die deutsche Wirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen.
  • Würde das BIP im laufenden Sommerquartal erneut schrumpfen, sprächen Experten von einer "technischen Rezession".

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal des Jahres um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal geschrumpft. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Im ersten Quartal war die deutsche Wirtschaft noch 0,4 Prozent gewachsen. Die Stimmung in der Industrie ist allerdings schon länger schlecht, vor allem Automobilindustrie: Stagnierende Exporte und geringe Investitionen bestimmten die Situation in den vergangenen Monaten.

Der Volkswirt Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) führt die Entwicklung auf den von den USA ausgehenden Protektionismus und die weltweiten Konflikte zurück. Der Handelsstreit zwischen den USA und China, die Brexit-Verhandlungen der EU mit Großbritannien und die Regierungskrise Italiens hemmten die Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern wie Fahrzeugen und Maschinen, sagt er.

Deutschland sei vor allem ein Exporteur von Investitionsgütern, also zum Beispiel Maschinen und Fahrzeugen. Als solcher sei es stärker von der weltweiten Entwicklung betroffen als andere Länder. "Der deutsche Industriesektor bekommt es unmittelbar zu spüren, wenn die globale Investitionstätigkeit nachlässt", sagt Grömling. Deutschland befinde sich deshalb schon seit anderthalb Jahren in einer "industriellen Rückwärtsbewegung". Die schwachen Produktionszahlen und die Lage bei Auslandsgeschäften würden sich auch in den kommenden Monaten nicht verbessern.

Der Ökonom Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sieht in der aktuellen Entwicklung bestätigt, dass das deutsche Modell der Exportnation risikoreich ist: "In Deutschland verhält es sich wie mit einem Bumerang: Negative Entwicklungen in der weltweiten Wirtschaftslage kommen sehr schnell zu uns zurück. Andersherum ist Deutschland einer der ersten Profiteure, wenn die globale Konjunktur beständig gut ist", sagt Michelsen.

Der Bauwirtschaft fehlen die Fachkräfte

Anfangs habe die stabile Binnenwirtschaft die negative Entwicklung bei den Exporten noch abdämpfen können, auch dank hoher Einkommen und einer geringen Arbeitslosigkeit. Der hohe Konsum der Privathaushalte habe im ersten Quartal 2019 neben der Bauwirtschaft noch dafür gesorgt, dass das Bruttoinlandsprodukt stieg. "Das war eine wichtige Stütze, die nun weggefallen ist und sich in den Zahlen bemerkbar macht", sagt Michelsen.

Auch die geringeren Auslieferungen vor allem bei Autoherstellern würden sich allmählich auch auf den Arbeitsmarkt und die Einkommen auswirken. Das Baugewerbe könne diesem Negativtrend nur begrenzt entgegenwirken: Die Nachfrage etwa nach Wohnraum sei zwar hoch, doch es fehlten die Fachkräfte, um den vielen potenziellen Aufträgen hinterherzukommen. Für die kommenden Monate erwartet DIW-Ökonom Michelsen keine tiefe Rezession, aber ein weiterhin geringes oder stagnierendes Wachstum.

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