Biotechnologie:Wie die Biotech-Firma ITM Millionen einsammelt

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ITM-Mitarbeiter kontrollieren bei einem Probelauf im Werk in Neufahrn bei München bestrahlte Ampullen mit dem Isotop Lutetium-177. Gegen die radioaktive Strahlung sind sie abgeschirmt. (Foto: ITM)

Das Unternehmen entwickelt Radiotherapeutika zur Krebstherapie. Zu den Investoren gehören auch die Brüder Strüngmann, die schon Biontech groß gemacht haben.

Von Elisabeth Dostert

Der Gesellschafterkreis der Biotechnologiefirma ITM kann sich sehen lassen – und ist vielleicht auch ein Indiz für die weiteren Erfolgsaussichten: Mit dabei sind die Brüder Andreas und Thomas Strüngmann, die über ihr Investmentvehikel Athos schon Biontech groß gemacht haben. Geld gaben auch die private Firma Carbyne, der US-Vermögensverwalter Blackrock, die staatliche Qatar Investment Authority (QIA) und der staatliche singapurische Investor Temasek.

In der jüngsten Finanzierungsrunde sammelte ITM 188 Millionen Euro ein, wie die Firma am Donnerstag mitteilte. In vielen Runden habe sich die Firma mittlerweile rund eine halbe Milliarde Euro bei Investoren geholt, sagt Vorstandsvorsitzender Steffen Schuster. Zur Bewertung und den aktuellen Beteiligungsverhältnissen will er sich nicht äußern. Schon 2023 holte sich kein anderes Biotech so viel Risikokapital ein wie ITM. Die Bewertung dürfte mittlerweile bei mehr als einer Milliarde Dollar liegen. Damit wäre ITM ein Unicorn.

Aufstieg der „schmutzigen kleinen Schwester“

Früher galten Radiopharmaka als die „schmutzige kleine Schwester der Medizin, mittlerweile sind wir in die oberste Liga aufgestiegen“, sagt Schuster. Radiopharmaka werden in der Diagnostik und Therapie von Krebs eingesetzt. Die Behandlung erfolgt mit radioaktiven Isotopen. Die Technische Universität München schildert das Verfahren auf ihrer Internetseite so: Das Isotop werde an ein tumorspezifisches Eiweißmolekül gekoppelt, es diene als Fähre. Das Therapeutikum werde injiziert und gelange über die Blutbahn zur Tumorzelle, das Molekül docke an und zerstöre die bösartige Zelle.

„Der Markt für Radiopharmaka ist hot“, sagt Schuster. Dafür sprechen die Preise, die Pharmakonzerne mittlerweile für Radiopharmaka-Hersteller zahlen. Im Mai vereinbarte Novartis den Kauf der US-Firma Mariana Oncology für eine Milliarde Dollar, weitere 750 Millionen sollen bei Erreichen bestimmter Meilensteine folgen.

ITM möchte mit dem Geld aus der Finanzierungsrunde die Entwicklung seiner Radiopharmaka vorantreiben, wird Udo Vetter in einer Mitteilung zitiert. Er ist Aufsichtsratschef von ITM und Beirat des Familienunternehmens Vetter Pharma. Udo Vetter war über seine private Beteiligungsfirma der erste externe Investor des 2004 in Garching von Oliver Buck und Maurits Geerlings gegründeten ITM. Bei der jüngsten Runde hat er nicht mitgemacht.

„Offiziell haben wir derzeit 14 Diagnostika und Therapeutika in der Pipeline“, sagt Schuster, „in Wirklichkeit sind es aber viel mehr.“ Am weitesten fortgeschritten ist ITM 11 zur Behandlung von neuroendokrinen Tumoren. Laut Deutscher Krebsgesellschaft sind das seltene Tumoren, die aus hormonbildenden Zellen entstehen, zum Beispiel im Magen, in Darm und Bauchspeicheldrüse. ITM 11 befindet sich in der dritten klinischen Phase. Wann er mit einer Zulassung rechnet, will Schuster nicht prognostizieren: „Wir sind guter Hoffnung, dass es nicht mehr ewig dauert.“ Ein zugelassenes Therapeutikum hat ITM bislang nicht, wohl aber Diagnostika.

In Garching produziert ITM bereits das Isotop Lutetium-177, für sich, aber auch für andere Hersteller von Radiopharmaka. Das 2023 in Neufahrn eröffnete Werk wird gerade in Betrieb genommen. In Kanada will ITM in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Canadian Nuclear Laboratories künftig das Isotop Actinium-225 herstellen. Zu Umsatz und Ertragslage von ITM äußert sich Schuster nicht. Das Unternehmen beschäftigte rund 750 Mitarbeiter.

Schon 2023 holte sich ITM bei Investoren 255 Millionen Euro. Das ist so viel Risikokapital wie kein anderes Unternehmen der Biotech-Szene, wie aus dem jüngsten Deutschen Biotechnologie-Report 2024 der Beratungsfirma EY und des Vereins Bio Deutschland hervorgeht. Es sei die drittgrößte VC-Runde aller Zeiten gewesen. Für ITM läuft es also. Aber vor allem in der Frühphase fehlt Risikokapital für deutsche Start-ups. In den Umsätzen der Biotech-Branche mache sich der Wegfall der Covid-Umsätze bemerkbar, erläuterte EY-Partner Klaus Ort in einer virtuellen Pressekonferenz diese Woche. Der Umsatz der Branche brach um 55 Prozent auf 12,7 Milliarden Euro ein, das Gros entfällt auf die rückläufige Impfstoffnachfrage bei Biontech.

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