bedeckt München 14°

Biotechnologie:Der Proband

Friedrich von Bohlen hat in Zürich selbst Biochemie studiert.

(Foto: Philipp Eggers)

Friedrich von Bohlen ist Geschäftsführer der Firma Dievini, über die SAP-Mitgründer Dietmar Hopp seine Beteiligungen steuert.

Von Elisabeth Dostert, Berlin

Gerade ist Friedrich von Bohlen, 58, Proband in eigener Sache: Als einer der Ersten hat er den Corona-Impfstoff der Tübinger Firma Curevac bekommen. "In der Phase 1 Studie wurden rund 250 Probanden geimpft", erzählt Bohlen am Telefon: zwei Dosen zu je zwölf Mikrogramm. "Mir geht es gut. Bei der zweiten Impfung hatte ich leichte Schmerzen an der Einstichstelle, die in den Nacken hochwanderten", sagt er. "Moderate Nebenwirkungen empfinde ich aber eher als positiv. Sie zeigen: Der Körper reagiert." Demnächst lässt er sich untersuchen, wobei unter anderem geprüft wird, ob er schon Antikörper gegen das neue Coronavirus gebildet hat und T-Zellen, sie sind das Gedächtnis der Immunabwehr.

Bohlen ist Mitgründer und Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Dievini, über die SAP-Mitgründer Dietmar Hopp seit 2005 seine Investitionen in biopharmazeutische Firmen steuert - bislang 1,3 Milliarden Euro. Im Portfolio stecken derzeit zehn Beteiligungen, darunter Heidelberg Pharma, Immatics, Apogenix, Molecular Health, eine Firma, die Bohlen 2004 gegründet hatte - und eben Curevac. "Wir liegen mit unserem Portfolio gut im Plus", sagt Bohlen. Details veröffentlicht Dievini nicht - aber allein die knapp 50-prozentige Beteiligung an Curevac ist an der Börse derzeit mehr als fünf Milliarden Euro wert.

Bohlen hat in Zürich selbst Biochemie studiert und wurde in Neurobiologie promoviert. Wie sich Erfolge und Niederlagen anfühlen, weiß er, beides hat er mit der von ihm gegründeten Bio-Informatik-Firma Lion Bioscience erlebt: Sie war ein Star des Neuen Marktes, nach einem dramatischen Kursverfall gab Bohlen den Vorstandsvorsitz Ende 2003 ab. "Nach den Problemen war es richtig auszusteigen. Ich habe dann gleich 2004 Molecular Health gegründet, die ja im Grunde das Prinzip von Lion auf einer anderen Ebene weiterführt", erzählt von Bohlen: "Im Nachhinein waren wir einfach zehn Jahre zu früh für KI-basierte Präzisionsmedizin."

Ingmar Hoerr und die anderen Curevac-Mitgründer lernte Bohlen ebenfalls 2004 kennen. Hoerr erklärte ihm die Boten-RNA als Impfansatz gegen Virusinfektionen und Krebs. Der Körper bekommt einen kleinen Teil des genetischen Bauplans des Angreifers gespritzt, um sich mit seinem eigenen Immunsystem dann selbst wehren zu können. "Da habe ich zu Ingmar gesagt, entweder das Ding floppt oder es wird die größte Therapeutika-Geschichte der Medizin", sagt Bohlen. "Derzeit sieht es eher nach Letzterem aus."

Im Januar hatte Curevac angekündigt, einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickeln zu wollen. Mittlerweile sind andere weiter, auch das Mainzer Unternehmen Biontech. "Wir freuen uns für die Kollegen und sind Neid-frei", sagt Bohlen. Vor einer Woche veröffentlichte Curevac detaillierte Interimsdaten der Phase-1-Studie für seinen Impfstoffkandidaten CVnCoV, nur einen Tag nachdem Biontech erste Wirksamkeitsdaten aus der Phase 3 für seinen Kandidaten BNT162b2 veröffentlicht hatte. "Aber Boten-RNA ist nicht gleich Boten-RNA", sagt Bohlen: "Es gibt Unterschiede in der Zusammensetzung und in der Formulierung, davon hängt ab, wie wirksam der Impfstoff ist, wie er im Körper aktiv ist, wie er produziert, gelagert und transportiert werden kann." Die nötige Dosis sei geringer als etwa bei Biontech oder Moderna. In der bevorstehenden Phase-2/3-Studie sollen zwei Dosen von je zwölf Mikrogramm verabreicht werden.

Wann der Curevac-Impfstoff genau zugelassen werden könnte, da will sich Bohlen nicht genau festlegen. "Wir sind etwa vier Monate hinter Biontech", sagt er und rechnet mit zwei Zulassungswellen: In der ersten sieht er Biontech, Moderna und auch Astra Zeneca. "Mit drei, vier Monaten Versatz" werde es eine zweite Welle geben, "da gehören wir hoffentlich und wahrscheinlich dazu". In einem Jahr, wenn dann gut ein halbes Dutzend Impfstoffe auf dem Markt seien, sei dann nicht mehr so sehr die Frage, wer einen Impfstoff hat, sondern: "Wie wirkt er, wie einfach ist die Logistik und was kostet er?" Da sieht Bohlen Curevac in einer guten Position, weil mit der gleichen Kapazität mehr Dosen produziert werden könnten. "Und unser Impfstoff kann drei Monate lang bei Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden." Curevac hätte damit also noch die Chance, die größte Therapeutika-Geschichte der Medizin zu werden.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Dosierung des Impfstoffes bei der zweiten Nennung falsch angegeben. Die korrekte Dosierung beläuft sich auf zwölf Mikrogramm, nicht zwölf Milligramm.

© SZ/cat
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema