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Corona-Impfstoffe:Milliardengewinn und kein Ende in Sicht

Eine Mitarbeiterin im Biontech-Werk in Marburg zeigt den Produktionsablauf für Impfstoff.

(Foto: Michael Probst/AP)

Biontech macht im ersten Quartal dieses Jahres 1,7 Milliarden Euro operativen Gewinn. Für 2021 peilt es insgesamt mehr als zwölf Milliarden Euro Umsatz an, allein auf Basis der schon vereinbarten Lieferverträge für Comirnaty.

Von Elisabeth Dostert

Solche Aussichten gefallen zumindest Investoren. Sie deckten sich am Montag kräftig mit Aktien des Mainzer Unternehmens Biontech ein und sorgten für einen Kursschub. Für das Jahr 2021 rechnet es mit einem Umsatz von 12,4 Milliarden Euro, allein auf Basis der bis zum 4. Mai unterzeichneten Lieferverträge für seinen Corona-Impfstoff Comirnaty - rund 1,8 Milliarden Dosen, kündigte Finanzchef Sierk Poetting am Montag in einer Telefonkonferenz an. 2020 setzte Biontech insgesamt knapp eine halbe Milliarde Euro um.

Der Umsatz, darauf deuten einige Eckdaten hin, könnte 2021 sogar noch höher ausfallen, denn es gibt Gespräche mit potenziellen Abnehmern, und Biontech und sein Partner Pfizer erhöhten erneut ihre Produktionsprognose. In diesem Jahr wollen sie drei Milliarden Dosen Comirnaty produzieren, eine halbe Milliarde Dosen mehr als noch Ende März prognostiziert. Für 1,2 Milliarden Dosen gibt es demzufolge bislang noch keine festen Verträge. Bis zum 6. Mai lieferten Biontech und Pfizer 450 Millionen Dosen aus. 2022 soll die Produktion auf mehr als drei Milliarden Dosen steigen.

Auch die Zahlen für das erste Quartal 2021 zeigen, wie dramatisch der Impfstoff die wirtschaftliche Lage des Mainzer Unternehmens verändert. Comirnaty ist erst seit Dezember auf dem Markt, damals hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA eine Notfallzulassung erteilt. In den ersten drei Monaten 2021 sprang der Umsatz von knapp 28 Millionen auf gut zwei Milliarden Euro. Operativ machte Biontech 1,7 Milliarden Euro Gewinn nach einem Verlust von knapp 60 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Den Kurseinbruch vom Donnerstag vergangener Woche hat das Papier längst hinter sich gelassen. Ausgelöst hatte ihn US-Präsident Joe Biden, der die zeitweilige Freigabe von Corona-Impfstoffpatenten vorgeschlagen hatte.

Uğur Şahin: "Es besteht absolut keine Notwendigkeit, Patente freizugeben."

"Wir verstehen, wie wichtig es ist, dass unser Impfstoff weltweit verteilt wird", sagt Biontech-Mitgründer Uğur Şahin. Bis heute sei der Impfstoff in mehr als 90 Länder ausgeliefert worden. Biontech unterstütze die weltweite Versorgung, auch von Staaten mit niedrigen und mittleren Einkommen. Mehr als 40 Prozent des für 2021 geplanten Produktionsvolumens seien für sie bestimmt. Die Freigabe von Patenten werde kurz- und mittelfristig nichts an der Versorgung ändern. Der Aufbau einer Produktion sei komplex und brauche mindestens ein Jahr. Andere Hersteller eingeschlossen gehe er davon aus, so Şahin, dass innerhalb der nächsten neun bis zwölf Monate "mehr als genug" Impfstoff produziert werde. "Es besteht absolut keine Notwendigkeit, Patente freizugeben", argumentiert Şahin.

Zu welchem Preis die Versorgung erfolgt, bleibt das Geheimnis der Vertragsparteien. Sie flüchten sich in Vertraulichkeitsklauseln. Im Januar hatten Biontech und Pfizer mit der internationalen Impfstoff-Beschaffungsinitiative Covax einen ersten Vorvertrag zum Kauf von 40 Millionen Dosen geschlossen. Die beiden Unternehmen wollen den Impfstoff zu einem "gemeinnützigen Preis" liefern. Wie es aussieht, gibt es unterschiedliche Preise, deshalb ist es zu einfach, den erwarteten Umsatz durch die Zahl der Dosen zu dividieren.

Im Kaufvertrag vom Sommer 2020 mit der EU-Kommission über eine erste Lieferung ist vieles bis ins Detail veröffentlicht, 104 Seiten, eher ein Liebhaberstück für Juristen. Es ist, wie auf jeder Seite ganz oben vermerkt, ein "sensibles" Dokument. Auf Seite 15, zum Beispiel, wird vereinbart, dass der immunisierende Stoff in einer Thermobox ausgeliefert werden soll. Immer dann, wenn es besonders sensibel wird, sind die Passagen grau gefärbt und unleserlich gemacht. Auf Seite 17 geht es um den Preis. An dieser Stelle wird es sehr grau.

Fest bestellt hat die EU-Kommission bislang 600 Millionen Dosen bei Biontech und Pfizer. Nach einem schleppenden Anfang kauft sie nun kräftiger. Am Freitag kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, 1,8 Milliarden Dosen für die Jahre 2022 und 2023 bestellen zu wollen. Die Verhandlungen seien abgeschlossen, aber noch ist das Papier nach Angaben eines Pressesprechers nicht unterzeichnet. Die Mitgliedstaaten müssen - wie üblich - sich erst äußern, ob sie mitmachen wollen, sie müssen das nicht.

Die Verhandlungen über den neuen Vertrag laufen schon ein paar Wochen. Mitte April hatte der scheidende bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow geklagt, dass die Preise für den Impfstoff von Pfizer deutlich angezogen hätten. Anfänglich habe der Preis bei zwölf Euro pro Dosis gelegen, dann bei 15,50 Euro, mittlerweile bei 19,50 Euro. Zu den Entwicklungskosten und Produktionskosten für Comirnaty äußern sich Pfizer und Biontech nicht. Rein betriebswirtschaftlich könnte der Preis pro Dosis sinken, je mehr davon produziert wird und je besser Werke ausgelastet sind.

Biontech bastelt weiter am Produktionsnetz. Am Montag gab das Unternehmen bekannt, in Singapur eine Niederlassung für Südostasien gründen zu wollen und noch in diesem Jahr dort mit dem Aufbau eines Werkes für mRNA zu beginnen, sowohl für Impfstoffe als auch Therapeutika gegen Infektionskrankheiten und Krebs. Es soll 2023 in Betrieb gehen. Das Werk werde planmäßig "mehrere Hundert Millionen Dosen" im Jahr produzieren. Auch in China soll produziert werden. Wie aus einem von Fosun Pharma an der Börse Hongkong eingereichten Dokument hervorgeht, wollen Fosun und Biontech ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, an dem beide zur Hälfte beteiligt sind. Schon im März 2020, fast zeitgleich mit dem US-Konzern Pfizer, hatte sich Biontech auch mit Fosun verbündet. Fosun werde in das Joint-Venture unter anderem Produktionskapazitäten für bis zu einer Milliarde Dosen jährlich einbringen.

© SZ
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