Benzin-Gipfel:Mit Vollgas über das Ziel hinaus

Wirtschaftsminister Brüderle hat unter Getöse einen Benzin-Gipfel einberufen, der so verkauft wurde, als sei er von ähnlich historischer Bedeutung wie einst Kohls Gipfel zur deutschen Einheit mit Gorbatschow. Dabei hätten ein paar Telefonate gereicht.

Nico Fried

Wer hätte gedacht, dass Rainer Brüderle einmal durch einen massiven staatlichen Eingriff in die Privatwirtschaft auffällig würde? Bei der Einführung des mit Pflanzensprit angereicherten E10-Benzins hat der Markt eigentlich eine klare Entscheidung gefällt, die man salopp so zusammenfassen könnte: Leck mich.

Benzin-Gipfel in Berlin

Bei der Einführung des E10-Benzins hat der Markt eigentlich eine klare Entscheidung gefällt, die man salopp so zusammenfassen könnte: Leck mich. Im Bild: Wirtschaftsminister Brüderle.

(Foto: dpa)

Das hat die Benzin-Industrie, die sich vorher um nichts gekümmert hat, in arge Nöte gebracht, die der liberale Wirtschaftsminister einer bekanntermaßen darbenden Branche keinesfalls zumuten wollte. Deshalb hat Brüderle unter großem Getöse einen Benzin-Gipfel einberufen, der so verkauft wurde, als sei er von ähnlich historischer Bedeutung wie weiland Helmut Kohls Gipfel zur deutschen Einheit mit Michail Gorbatschow im Kaukasus.

Das Ergebnis steht zu diesem Brimborium allerdings in einem diametralen Gegensatz. Nach zweieinhalb Stunden haben sich die Bundesregierung, die Autohersteller, die Mineralölfirmen und sonstige Verbände und Verbünde in Berlin darauf verständigt, die Autofahrer jetzt besser zu informieren. In unmittelbarer Nähe der Zapfsäulen an Deutschlands 15.000 Tankstellen soll künftig nachzulesen sein, ob ein Auto E10 verträgt oder der Pflanzensprit den Motor auffrisst wie ein Holzwurm Omas Bücherregal. Umweltminister Norbert Röttgen - ja, der war auch dabei - hat dieses Ergebnis in den wunderbaren Satz gefasst, die Tankstelle müsse ein Ort der Klarheit werden.

Dass man für diesen wegweisenden Beschluss so lange gebraucht hat, ist bemerkenswert, um nicht zu sagen: erschütternd. Wäre man früher auf diese Idee gekommen, hätte womöglich eine Telefonkonferenz genügt, die nicht einmal so lange hätte dauern müssen wie die Pressekonferenz nach dem Benzin-Gipfel. Ob der neue Treibstoff und die Verbraucher nun doch noch zueinander finden, bleibt ungewiss. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ist in den vergangenen Tagen sicher nicht gesteigert worden. Die Listen am Ort der Klarheit zu lesen, ist das eine. Den Listen zu glauben, wird den Autofahrer weiter Überwindung kosten.

Gleichwohl hat sich auch der deutsche Verbraucher in der E10-Krise wieder mal als ein Wesen gezeigt, das in seiner Widersprüchlichkeit locker mit der Mineralölindustrie oder Rainer Brüderle verglichen werden kann. Dieser deutsche Verbraucher ruiniert seinen Körper mit Zigaretten, Alkohol, Chips und Flips, die er übrigens nach Feierabend auch gerne mal an der Tanke kauft. Er isst Pommes, die in ranzigem Öl frittiert wurden, rümpft aber die Nase, wenn dem Benzin, in dem schon fünf Prozent Ethanol drin sind, nochmal fünf Prozent beigemischt werden. Kurz: Dem Verbraucher, insbesondere wenn er in der Unterspezies des Autofahrers auftritt, macht es weniger aus, wenn sein Magen rebelliert, als wenn der Motor klopft.

Die Politik muss mit solchen Irrationalitäten umgehen. Was nicht heißt, dass sie auch irrational reagieren muss. Mit seinem E10-Gipfel ist Rainer Brüderle mit Vollgas übers Ziel hinausgeschossen.

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