Billiges Öl Dallas in der Nordsee

Eine Ölplattform von BP in der Nordsee. Niedrige Ölpreise belasten.

(Foto: Getty Images)

Die Ölförderer leiden unter dem Preisverfall, Tausende Jobs seien bedroht, warnt der britische Ölindustrieverband. Zugleich nutzen Neulinge die Krise für den Einstieg.

Von Björn Finke, London

Was die Autofahrer freut, bringt eine ganze Branche in Bedrängnis. Seit vergangenem Sommer hat sich der Ölpreis mehr als halbiert. Öl- und Gasfelder, bei denen die Förderung aufwendig und kostspielig ist, produzieren daher Verluste. Und eine der teuersten Regionen, um die Rohstoffe hochzupumpen, liegt direkt in der Nachbarschaft - es ist die Nordsee. Kein anderes Gebiet trifft der Preisverfall derart hart. Leidtragende sind die Beschäftigten: Der britische Industrieverband Oil & Gas UK warnt, Förderfirmen hätten seit vorigem Jahr 5500 Jobs oder 15 Prozent aller Stellen im Königreich gekappt. Manager warnen, dass noch einmal doppelt so viele Arbeitsplätze bedroht sind.

Etwa Amjad Bseisu, Chef des größten unabhängigen Nordsee-Förderers Enquest: Am Ende werde die Zahl gestrichener Jobs dreimal so hoch sein wie die 5500 vom Branchenverband, sagte er der Zeitung Financial Times. Doch gibt es auch Unternehmer, denen die miese Stimmung in der Sparte sehr willkommen ist. Für sie bietet sich dadurch eine günstige Gelegenheit, Öl- und Gasfelder zu erwerben: Dallas in der Nordsee.

Zu diesen Krisengewinnlern gehört Jim Ratcliffe, Gründer und Chef des Chemiekonzerns Ineos. Der Engländer kaufte nun für 750 Millionen Dollar dem russischen Milliardär Michail Fridman zwölf Gasfelder in der britischen Nordsee ab. Ineos ist eins der größten Chemie-Unternehmen der Welt, steuersparend angesiedelt in der Schweiz. In Köln betreibt die Gruppe eine große Raffinerie. Gas ist ein wichtiger Rohstoff für die Branche, und dank des Geschäfts verfügt Ineos jetzt über eigene Quellen in der Nordsee. Ratcliffe hat Appetit auf mehr: "Es wurden noch keine Entscheidungen getroffen, aber wir werden weiterhin günstige Gelegenheiten in der Nordsee prüfen", sagte er.

Die britische Regierung will nicht, dass Russen Öl- und Gasfelder kaufen

Verkäufer Fridman besaß die Felder erst seit kurzem: Er hatte für fünf Milliarden Euro vom deutschen Versorger RWE dessen Fördertochter Dea übernommen. Dazu gehörten die britischen Felder. Doch die Regierung in London wollte nicht, dass Russen Öl- und Gasreserven vor ihrer Haustür kaufen, und drängte auf eine Trennung. Ineos half aus - und zahlt für die Felder praktischerweise weniger als Fridman für sie an RWE überwiesen hatte.

Fridman wiederum lässt sich vom Widerstand Londons nicht beirren und hält am Plan fest, in der Nordsee zu einem wichtigen Produzenten zu werden. Kurz nach der Einigung mit Ineos übernahm er vom deutschen Energieversorger Eon Öl- und Gasfelder im norwegischen Teil des Meeres - für 1,6 Milliarden Dollar. Während Neulinge die Turbulenzen für den Einstieg nutzen, ziehen sich etablierte Ölkonzerne zurück. Sowohl Europas Nummer eins der Branche, Royal Dutch Shell, als auch BP und der französische Rivale Total trennten sich von Beteiligungen in der Nordsee.

Die Unternehmen müssen wegen des niedrigen Ölpreises sparen und kappen Investitionen. Ihre knappen Mittel konzentrieren sie dann lieber auf Projekte in billigeren und vielversprechenderen Regionen. Felder in der Nordsee bleiben außen vor - oder werden gleich verkauft. Dass die Förderung dort so teuer ist, liegt am Alter vieler Anlagen: Ende der 1960er-Jahre wurden die ersten Quellen angebohrt, 1975 floss das erste Öl durch eine Pipeline aufs Festland. Ihren Höhepunkt erreichte die Produktion 1999, seitdem geht es bergab. Die am einfachsten zugänglichen und damit kostengünstigsten Reserven sind erschöpft. Außerdem stiegen in den Jahren vor dem Preisverfall die Löhne kräftig.

In den kommenden fünf Jahren werde darum die Produktion in 140 Feldern in der britischen Nordsee eingestellt, schätzen die Berater von Wood Mackenzie - selbst wenn die Preise steigen sollten. Das wären gut 40 Prozent der Quellen. Da die Unternehmen zugleich beim Erkunden neuer Reserven sparen, werden frische Quellen das Minus nicht abfedern können. Kein Zweifel: Die besten Jahre fürs Nordsee-Öl sind vorbei.

Auch in den USA macht sich die Krise bemerkbar. Der Industriedienstleister Halliburton rutschte wegen der Folgen des Ölpreis-Verfalls in die roten Zahlen. Unter dem Strich fiel im dritten Quartal ein Verlust von 54 Millionen Dollar an, wie das US-Unternehmen am Montag mitteilte. Negativ wirkten sich vor allem Abschreibungen und Abfindungskosten für den jüngsten Stellenabbau aus. Halliburton hatte vor kurzem die Entlassung von 2000 Beschäftigten angekündigt. Damit erhöhte sich die Zahl der Stellenstreichungen im Konzern auf 16 000 , das ist weltweit fast ein Fünftel der Mitarbeiter.