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Bildung:Warum Deutschland mehr kluge Köpfe braucht

Tallinn 10.12.2019 Andreas Schleicher, PISA testi looja. OECD Director for Education Andreas Schleicher, creator of PIS

"Die Anforderungen an moderne Bildung haben sich radikal gewandelt, aber die Bildungssysteme hinken dieser Entwicklung oft hinterher", sagt Andreas Schleicher.

(Foto: Sander Ilvest/imago images)

OECD-Experte Andreas Schleicher kritisiert das deutsche Bildungssystem. Deutschland müsse sich mehr anstrengen, um den Wettlauf zwischen Technik und Bildung zu gewinnen, findet er.

Von Felix Petruschke

Wenn Andreas Schleicher über Bildung spricht, geht es sofort um die großen Themen wie Chancengerechtigkeit, Digitalisierung und die Folgen der Corona-Pandemie. Der Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist ein regelrechter Zahlenfex, der anhand von vielen Grafiken und Schaubildern ein präzises Gesamtbild des Bildungsniveaus zeichnen kann. Wo andere nur schnöde Zahlen und Zeitachsen sehen, erkennt Schleicher, der die Bildungsstudie Pisa konzipiert und umgesetzt hat, längerfristige Trends und Entwicklungen. Gleichzeitig ist der gebürtige Hamburger für seine zuspitzenden Aussagen zum Zustand der Schulen seit Jahren bekannt und gefürchtet - besonders in Deutschland. Wegen Schleichers politisch unvorteilhafter Kommentierungen der Pisa-Ergebnisse 2010, drohten die Unionsparteien sogar zwischenzeitlich, aus der Studie auszutreten.

An seiner kritischen Haltung hat sich seitdem wenig geändert: "Die Anforderungen an moderne Bildung haben sich radikal gewandelt, aber die Bildungssysteme hinken dieser Entwicklung oft hinterher", sagte Schleicher am Montag bei einem Online-Vortrag im Rahmen der Munich Economic Debates, einer Veranstaltungsreihe des Ifo-Instituts und der Süddeutschen Zeitung. Nicht allein die Schwierigkeiten der Corona-Pandemie, die Organisation von Distanz- und Onlineunterricht, würden das System herausfordern, sondern auch die rasanten Entwicklungen in der Arbeitswelt. Weil Maschinen immer öfter die Arbeit von Menschen ersetzen können, müsse es darum gehen, viele breit aufgestellte Fachkräfte auszubilden und "uns dabei auf Fähigkeiten zu konzentrieren, die sich nicht digitalisieren lassen". Für Schleicher ist das eine Art Wettlauf zwischen Technik und Bildung.

Für diesen Wettlauf sei Deutschland nur mittelmäßig vorbereitet, sagt der Bildungsforscher. Anhand der Frage "Gehen Deutschland die klugen Köpfe aus?" versuchte Schleicher zu erklären, wie die heutigen Schülerinnen und Schüler ausgebildet werden müssten, damit sie in der Arbeitswelt von morgen bestehen können. Die Corona-Pandemie hätte dabei schmerzlich gezeigt, wie schlecht es um digitale Lernangebote bestellt ist, und wie wenig flexibel das deutsche Bildungssystem auf Veränderungen reagieren kann. "Konservatives Bildungsumfeld" nennt Schleicher das etwas sperrig.

Während etwa Estland und Tschechien deutlich einfacher auf Distanzunterricht umstellen konnten, mussten hierzulande erst Laptops gekauft werden. Zudem könnten in Deutschland nicht einmal zwei von zehn Entscheidungen, die die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen betreffen, direkt in den Schulen vor Ort getroffen werden. In den Niederlanden wären es neun von zehn, was die Flexibilität der Schulen, aber auch das Engagement von Lehrern und Eltern deutlich fördern würde.

Lehrkräfte sollten weniger klassischen Frontalunterricht an der Tafel machen

Für ein modernes deutsches Bildungssystem müssten sich auch die Formen des Unterrichts verändern, plädiert Schleicher. Lehrkräfte sollten weniger klassischen Frontalunterricht an der Tafel machen, als viel mehr die Rolle eines Coaches einnehmen, welcher individuelle Talente erkennt und unterstützt. Das käme dann auch Kindern aus sozial schwächeren Familien zugute, die durch die Pandemie ohnehin stark benachteiligt sind. Auch spezielle Förderprogramme und Nachhilfeangebote könnten helfen, die Lernlücke wieder zu verkleinern. In Japan wurden dafür etwa pensionierte Lehrer rekrutiert. "Das Schlimmste wäre, das Schuljahr wiederholen zu lassen", warnt Schleicher nicht nur aus Schülersicht, sondern auch finanziell: Jedes wiederholte Schuljahr koste den Staat 30 000 Euro pro Schüler.

© SZ/shs
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