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Bilanzskandal:Wirecard vor der Pleite monatelang "leergeräumt"

Insolvenzverwalter Michael Jaffé erhebt in einem Brief an die Belegschaft schwere Vorwürfe gegen das alte Management. Außerdem kündigt er den Verkauf des Kerngeschäfts "spätestens im November" an.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Nils Wischmeyer, München

Gleich drei wichtige Botschaften in einer Mail hatte Michael Jaffé, der Insolvenzverwalter des Skandalkonzerns Wirecard, als er jetzt die Belegschaft per Rundmail anschrieb. Die Mitarbeiter erhielten eine Zusage, die beruhigt, einen Hinweis, der hoffen lässt und eine Nachricht, die noch einmal für Frust sorgen dürfte. Die Zusage erwähnte Jaffé ziemlich am Schluss seiner Mail, "der Vollständigkeit halber". Die Gehälter würden in der letzten Oktoberwoche "selbstverständlich termingerecht bezahlt werden". Nach der Pleite vor vier Monaten war das alles andere als leicht gewesen. Jaffé hatte eine nahezu leere Konzernkasse vorgefunden.

Das wiederum war vor allem an jenem Umstand gelegen, der die Belegschaft empören und zugleich frustrieren dürfte. Der Konzern sei "in den Monaten vor der Insolvenz leer geräumt" worden, teilte Jaffé mit. Leer geräumt, das bedeutet: Frühere Verantwortliche haben systematisch Geld beiseitegeschafft, zu Lasten des Unternehmens und seiner ehedem fast 6000 Mitarbeiter. Von denen sind inzwischen viele gegangen oder wurden gekündigt, auch am Stammsitz des Konzerns in Aschheim bei München. Wer dort noch beschäftigt ist, darf freilich hoffen.

Der untergetauchte Ex-Vorstand Marsalek braucht Geld, viel Geld

Jaffé kündigte in seinem Rundschreiben an, dass der Verkauf des Kerngeschäfts von Wirecard bald erfolgen solle. "Spätestens im November ist mit einer Entscheidung zu rechnen", die den Beschäftigten die gewünschte Klarheit bringe. Die Prüfungen durch die beiden Interessenten seien weit vorangekommen, man befinde sich "nun in der Entscheidungsphase". Die beiden verbliebenen Bewerber, deren Namen Jaffé nicht nennt, sind die spanische Bank Santander und das britische Mobilfunkunternehmen Lycamobile.

Man bemühe sich darum, so Jaffé, dass "möglichst viele von Ihnen übernommen werden können", um eine "dauerhafte berufliche Zukunft" zu ermöglichen. Von sicheren Arbeitsplätzen und einer rosigen Zukunft war die Belegschaft einst unter dem alten Management ausgegangen, ehe sich vor vier Monaten herausgestellt hatte, dass ein Großteil des Konzernvermögens gar nicht existierte. Seitdem kommen immer mehr dubiose Vorgänge ans Tageslicht. Vier Ex-Manager, darunter der langjährige Konzernchef Markus Braun, sitzen in Untersuchungshaft. Braun, dem Betrug in Milliardenhöhe, Bilanzfälschung und anderes mehr angelastet wird, bestreitet alle Vorwürfe.

Im Mittelpunkt des Skandals steht der untergetauchte Ex-Vorstand Jan Marsalek. Vor allem auf ihn zielt nach Angaben aus Wirecard-Kreisen der Vorwurf, der Konzern sei "leer geräumt" worden. Marsalek hat sich vor vier Monaten über Österreich nach Belarus abgesetzt, dort verliert sich seine Spur. Er soll sich in Russland aufhalten. Es sieht so aus, als wolle er sich für den Rest seines Lebens verstecken. Wer eine jahrzehntelange Flucht organisieren und finanzieren will - Marsalek ist erst 40 - braucht Geld. Sehr viel Geld.

Das soll sich der untergetauchte Manager mithilfe von Vertrauten bei Wirecard beschafft haben. Im Kreise der Ermittler, Wirtschaftsprüfer und Anwälte, die Wirecard durchleuchten, ist von zahlreichen verdächtigen Geldflüssen vor allem von Ende 2019 an bis zur Pleite Mitte 2020 die Rede. Das gilt besonders für hohe Kredite, die Geschäftspartnern in Asien gewährt wurden, und die sich auf weit mehr als eine halbe Milliarde Euro summieren. Über entsprechende Indizien hatte die SZ bereits Anfang August berichtet. Jetzt redet der Insolvenzverwalter Klartext.

Und jetzt hat Jaffé auch die Möglichkeit, das konsequent aufzuklären und aufzuarbeiten. Vergangene Woche war es dem Insolvenzverwalter gelungen, den Konzern-Ableger Wirecard North America für mehr als 300 Millionen Euro zu verkaufen. Damit kommt erstmals viel Geld in die zuvor leere Konzernkasse. Die Einnahmen durch den Verkauf des Nordamerika-Geschäfts erleichtern dem Insolvenzverwalter nach Angaben aus Unternehmenskreisen nun auch die Aufklärung der dubiosen Geldflüsse. Damit ist, unter anderem, bereits die Anwaltskanzlei Gleiss Lutz befasst. Gleiss Lutz soll prüfen, gegen wen Wirecard welche Ansprüche geltend machen kann. Solche Untersuchungen und anschließende Gerichtsverfahren sind teuer.

"Jetzt haben wir die entsprechenden Mittel, um das durchzuführen", heißt es aus Unternehmenskreisen. Der Verkaufserlös für das Nordamerika-Geschäft sei der "entscheidende Meilenstein". Jaffé lässt weltweit nach Firmen und Konten fahnden, um möglichst viel Geld zurückzuholen. Bei Marsalek dürfte das, solange er nicht gefasst wird, vergeblich sein. Der untergetauchte Ex-Vorstand hatte während seiner Zeit bei Wirecard stets beteuert, es gehe alles mit rechten Dingen zu.

© SZ/koe
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