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Bilanzskandal:Banken bangen um Steinhoff-Kredite

Poco Zentrale Bergkamen

"Poco"-Einrichtungsmärkte gibt es in vielen deutschen Städten. Sie gehören zur weltweit weit verzweigten Steinhoff-Gruppe.

(Foto: Guido Kirchner/picture alliance)

Nach dem Bilanzskandal des Möbelgiganten fürchten viele Institute um ihre Forderungen -auch die BayernLB.

Von Meike Schreiber und Jan Strozyk, Frankfurt/Hamburg

Wenn der Vorstandschef eines Konzerns zurücktritt, ist das ein schlechtes Zeichen. Wenn er dann auch noch abtaucht, wirkt es desaströs. So geschehen vor wenigen Wochen beim Möbelkonzern Steinhoff (112 000 Mitarbeiter, 13,5 Milliarden Euro Umsatz; in Deutschland bekannt über die Einrichtungsmärkte Poco). Seit Dezember ist der frühere Vorstandschef Markus Jooste nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Zuvor war herausgekommen, dass der weitverzweigte südafrikanisch-niederländisch-deutsche Konzern womöglich seine Zahlen gefälscht hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt; die Aktien des Konzerns sind nur noch gut 30 Cent wert. Es ist ein Bilanzskandal, wie es ihn in diesem Ausmaß wohl nur alle paar Jahre an den Kapitalmärkten gibt.

Nach und nach kommt nun heraus, welche Banken von der Schieflage betroffen sind. Zahlreiche Geldhäuser hatten den aggressiven Expansionskurs des Konzerns in den vergangenen Jahren finanziert und müssen einen Teil ihrer Kredite abschreiben. Für die betroffenen deutschen Banken ist der Fall eine Mahnung, dass man im Kreditgeschäft auch kräftig danebenliegen kann. Abgesehen von hohen Verlusten bei Schiffskrediten, profitieren die heimischen Geldhäuser seit Jahren von historisch niedrigen Kreditausfällen.

Betroffen sind - so weit sickerte nun jedenfalls anlässlich der ersten Jahreszahlen durch - nicht nur mehrere US-Investmentbanken wie Citigroup, Bank of America und JP Morgan, sondern auch die Schweizer UBS, die französische BNP Paribas oder die Commerzbank. Nach Informationen von SZ und NDR trifft der Skandal aber auch die landeseigene Bayern-LB, die ähnlich stark engagiert war wie die großen Geldhäuser. Dem Vernehmen nach hatte ausgerechnet die Landesbank mehr als 200 Millionen Euro bei Steinhoff im Feuer, und die Verluste daraus sogar bereits realisiert. Wie aus Marktkreisen zu hören ist, trennte sich Bank just diese Woche von Darlehen im Umfang von gut 150 Millionen Euro, musste dabei aber geschätzt 60 Millionen Euro Verlust hinnehmen. Die übrigen 50 Millionen Euro, welche die Bayern-LB noch in der Bilanz hat, sind dem Vernehmen nach durch Immobilien besichert.

Viele Institute trennen sich derzeit von ihren Krediten an Steinhoff - mit Verlust

Die Bank wollte sich nicht dazu äußern, hält aber ihre Prognose weiter aufrecht, wonach sie für 2017 mit einem Konzernergebnis in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrages rechnet. Im Juni 2015 hatten die Landesbank und andere Institute der Steinhoff Europe AG geholfen, einen Schuldschein von 730 Millionen Euro zu platzieren. Diese Art Anleihen gelten als sicher. Zu den Investoren zählten internationale Profianleger, aber auch Sparkassen und Volksbanken. Die Bayern-LB dürfte selbst auch investiert haben.

Ob die Steinhoff-Schulden komplett ausfallen, ist noch offen. Allein in diesem Jahr aber werden laut der Ratingagentur Moody's rund zwei Milliarden Euro an Verbindlichkeiten fällig, insgesamt ist Steinhoff mit mehr als zehn Milliarden Euro verschuldet. Zahlreiche Banken versuchen derzeit, die Kredite an Investoren zu verkaufen, die glauben, dass der Möbelkonzern die Misere überlebt und seine Beteiligungen noch geregelt verkaufen kann.

Hätten die Kreditgeber die Misere ahnen können? Zumindest hatte Steinhoff lange Zeit ein gutes Rating. Erste Warnhinweise aber gab es Anfang Dezember 2015. Damals, drei Tage vor dem ersten Listing der Steinhoff-Aktien an der Frankfurter Börse, hatte die Staatsanwaltschaft Oldenburg die Europazentrale des Möbelkonzerns im niedersächsischen Westerstede durchsucht. Im Fokus der Fahnder standen vier Manager, die jahrelang überhöhte Umsätze gebucht haben sollen. Und zwar so massiv, dass sie den Wert des gesamten Konzerns geschönt haben sollen. Steinhoff versprach zu kooperieren. Danach wurde es still um das Thema, der Konzern expandierte weiter, erhielt noch mehr Kredite, bis das Thema im August 2017 wieder hochkam, und zwar mit Wucht. Der Verdacht der Ermittler hatte sich offenbar erhärtet. Außerdem wurde bekannt, dass auch gegen den langjährigen Vorstandschef Jooste ermittelt wird. Die Nachricht ließ den Kurs der im Mittelwerte-Index M-Dax gehandelten Aktie einbrechen. Im Dezember 2017 trat nicht nur Markus Jooste zurück, die Steinhoff International warnte zudem vor "neuen Unregelmäßigkeiten in der Rechnungslegung". Seither scheint der Konzern im freien Fall. Anfang Februar bat man die Kreditgeber um Zahlungsaufschub für einen Teil der Verbindlichkeiten im Europa-Geschäft. Am 20. April will man zumindest den Aktienanlegern auf einer Hauptversammlung Rede und Antwort stehen.

Diese werden dort wohl auch fragen, ob bei dem Kursrutsch der Aktie alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Auch die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Börsencrash der Steinhoff-Gruppe wurde inzwischen ausgeweitet. Wie NDR und SZ erfahren haben, prüft die Finanzaufsicht Bafin, ob es dabei zu Insiderhandel gekommen ist. Eine Vorprüfung dazu wurde Ende vergangenen Jahres abgeschlossen. Daraufhin hat die Bafin eine förmliche Untersuchung wegen des Verdachts der Marktmanipulation und des Insiderhandels eingeleitet. Ein Sprecher sagte: "Wir führen derzeit eine Untersuchung wegen des Verdacht des Marktmissbrauchs in den Wertpapieren der Steinhoff AG." Dem Vernehmen nach arbeitet die Finanzaufsicht auch mit südafrikanischen Ermittlungsbehörden zusammen. Die Steinhoff-Gruppe ist sowohl in Johannesburg als auch in Frankfurt an der Börse gelistet. Gegen wen sich die Ermittlungen richten, sagte die Bafin nicht.

© SZ vom 16.02.2018
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