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Bilanzrisiken:Wie gefährlich ist die Deutsche Bank?

  • Das Geldinstitut sitzt immer noch auf einem großen Berg an Derivaten, also an Finanzprodukten, deren Preise und Entwicklung vom Preis anderer Finanzprodukte abhängen.
  • Es beteuert, damit nicht mehr zu "zocken" - aber Experten bleiben kritisch. Es fehlt die Überzeugung, dass die Kontrollmechanismen wirklich greifen.

Von Meike Schreiber und Jan Willmroth, Frankfurt

Weltweit betrachtet hat die Deutsche Bank ihren Nimbus längst verloren. An der Wall Street überall mitzuhalten, sei nun nicht mehr das Ziel, betonte auch der neue Bankchef Christian Sewing am Donnerstag in Frankfurt. Die unaufhaltsame Verzwergung der Bank aber verstellt den Blick auf das, was dahinter liegt: Die immer noch großen Risiken in der Bilanz.

Dabei geht es allen voran um ihr sogenanntes Handelsbuch. Dort schlummern die vielen Milliarden an Wertpapieren und Derivaten, die die Europäische Zentralbank nun erneut untersucht. Wie die Bankenaufseher in der vergangenen Woche bestätigten, lassen sie das größte deutsche Geldhaus gerade durchrechnen, was es kosten würde, diesen Teil des Geschäfts abzuwickeln. Nur als theoretisches Szenario, wohlgemerkt.

Der Auftrag aber ist ein Novum. Schließlich fragen sich nicht nur die Aufseher, sondern auch immer wieder Aktionäre, Kunden und Geschäftspartner: Hat das Geldhaus seine Risiken im Griff? Der Internationale Währungsfonds sorgte vor zwei Jahren für Aufsehen, als er die Bank erneut zu einem Risiko für das Finanzsystem erklärte. Es dauerte nicht lang, bis in der Berichterstattung ein verhängnisvoller Satz stand: Die Deutsche Bank sei die gefährlichste Bank der Welt.

Im Kern drehen sich die Ängste um den sagenhaft großen Bestand an Derivaten des Instituts, also an Finanzprodukten, deren Preise und Entwicklung vom Preis anderer Finanzprodukte abhängen, zum Beispiel von Aktien. Mit Derivaten können sich Fluglinien oder Autohersteller gegen Preisschwankungen absichern. Sie laden aber auch zum Zocken ein, Kreditderivate gehörten zu den Auslösern der Finanzkrise. Das Bruttovolumen dieser Derivate macht bei der Deutschen Bank 48 Billionen Euro aus. Billionen, eine Zahl mit zwölf Nullen, das 14-Fache des Bruttoinlandsprodukts der Bundesrepublik.

Die Sorge um die Derivate-Risiken ist nicht neu. Vor bald fünfzehn Jahren sorgte der Economist für Aufsehen, als er die Deutsche Bank als "gigantischen Hedge-Fonds" bezeichnete, als Haus der Spekulanten, die sich bei ihrer Jagd nach Rendite immer weiter vom Heimatmarkt und seinen Kunden entfernt hätten. 2013 griff das Finanzportal Zerohedge das Thema erstmals auf, titelte später sogar: "Ist die Deutsche Bank das nächste Lehman?".

Der Puffer gegen eine Schieflage ist nicht allzu üppig

Das Geldhaus hat diese Ängste selbst genährt. Den Boden bereitete sie kurz nach der Jahrtausendwende, wenige Jahre, nachdem die Investmentbanker Edson Mitchell und Anshu Jain zur Bank gekommen waren. Sie kassierte Gebühren bei Abschluss der Derivate, das erhöhte Gewinne und Boni. Lief ein Derivat schlechter als erwartet, schlug sich das häufig erst Jahre später nieder in der Bilanz.

Der spätere Bankchef Josef Ackermann machte die Bank zum weltweit größten Derivatehaus. Unter dessen Nachfolger Anshu Jain wuchs das Derivatebuch auf 75 Billionen Euro an. Kein Wunder, dass die Zahl die Fantasie anfacht. Als Puffer gegen eine Schieflage verfügt die Bank nur über 63 Milliarden Euro an Eigenkapital. Würde sie ungefähr die Hälfte davon verlieren, sie wäre pleite.

Wie beim Wetten auf ein Rennpferd

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn die Billionen sagen wenig aus über die tatsächlichen Risiken. "Die Zahl mag sich erst mal gigantisch anhören, aber sie ist völlig irreführend", ließ sich Risikovorstand Stuart Lewis unlängst zitieren. Der gebürtige Schotte steuert mit weltweit 3600 Mitarbeitern die Risiken der Bank. Gerne vergleicht er den Sachverhalt mit den Risiken beim Wetten auf ein Rennpferd. Wenn man auf ein Pferd 100 Euro setzen würde, das Pferd selbst aber zehn Millionen Euro wert sei, dann würden in der Bilanz zunächst die vollen zehn Millionen verbucht, obwohl der Einsatz nur einen Bruchteil davon beträgt. Das ist nicht unbedingt logisch, aber so wollen es die Regeln.

Blickt man in der Bilanz aber allein auf den Wetteinsatz, sprich die Forderungen der Bank, die auf Derivate zurückgehen, dann ist diese Zahl mit 364 Milliarden Euro deutlich kleiner - und auch das ist nur ein theoretischer Höchstbetrag. Denn die Banken können ihre Derivate-Forderungen untereinander verrechnen, wenn ein Geldhaus umfällt. Seit der Finanzkrise sind solche Vereinbarungen standardisiert. Bei einer Großpleite à la Lehman Brothers soll die Ansteckungsgefahr sinken. Zudem müssen etliche Kunden Sicherheiten bei zentralen Clearingstellen hinterlegen, was das Risiko weiter senkt. Am Ende, so stellt es die Bank dar, bleiben 23 Milliarden Euro, die sie tatsächlich verlieren kann. Es speist sich mehrheitlich aus Derivaten auf Zinsen und Währungen, die vor allem in London oder New York gehandelt werden. Hinter der Hälfte des Derivaterisikos stehen 200 große "Gegenparteien", also in der Regel andere Banken.

Zugutehalten muss man der Deutschen Bank auch, dass sie ihr Versprechen eingelöst hat, die Risiken zurückzufahren: Zwar ist der Betrag 2017 zum Vorjahr um zwei Billionen gestiegen, weil mehr Derivate abgeschlossen wurden. Das bilanzielle Ausfallrisiko sinkt aber von Jahr zu Jahr. Im internationalen Vergleich rangiert man nur noch auf Platz fünf hinter den Wall-Street-Größen. Die Deutsche Bank beteuert, dass sie mit den Derivaten nicht mehr "zockt", dass sie quasi alle einen Kundenbezug haben. Den Eigenhandel habe man eingestellt.

Nur: der Kundenbezug ist schwammig definiert. Wettet die Bank gegen eine andere Bank, könnte das theoretisch auch als Kundenbezug durchgehen. Und: Gemessen am Eigenkapital halten viele Experten das Derivaterisiko trotzdem noch für hoch. Analyst Dieter Hein von Fairesearch sagt: "Es würde die Bank immer noch empfindlich treffen, wenn sie sich zum Beispiel bei der Bewertung auch nur ein wenig vertun würde oder wenn es einen Crash gibt und mehrere große Banken ausfallen."

Oder wenn die Kontrollen versagen. Vergangenen Sommer berichtete Bloomberg über einen Verlust von 60 Millionen Euro im Derivategeschäft der Bank - aus einer einzigen schief gelaufenen Wette auf die US-Inflation. "Es fehlt die Überzeugung, dass die Kontrollmechanismen wirklich greifen, also dass solche Positionen auch hinreichend überwacht und gesteuert werden", sagt Michael Hünseler von der Fondsgesellschaft Assenagon. Auch Hünseler hält das Volumen daher für zu hoch. Ein anderes Risiko aber sei derzeit doch viel größer: Die niedrige Profitabilität der Bank. "Sie verdienen einfach zu wenig und können daher nicht genug investieren, zum Beispiel in die Sicherheit ihrer Systeme."

Der neue Bankchef, er müsse daher schnell zeigen, wo die Bank Kosten sparen, zugleich aber wachsen könne. "Das ist die eigentliche Herausforderung".

© SZ vom 27.04.2018/vit/been

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