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Bilanz nach fünf Jahren:Run auf Rente ab 63

Fünf Jahre Rente mit 63

Beschäftigte können theoretisch schon mit 63 in Rente gehen. Immer mehr Menschen interessieren sich dafür.

(Foto: Sebastian Kahnert, dpa)

"Die Leute rennen uns die Bude ein": Ostdeutsche drängt es in Vorruhestand. Mehr als 40 Prozent aller Rentner gingen 63-jährig und ohne Abschläge in Rente - viel mehr als in Westdeutschland. Der Grund dürfte manche überraschen.

Jeder zweite Arbeitnehmer, der 2018 in Rente ging, wechselte deutlich vor Erreichen der Regelaltersrente in den Ruhestand. Wie aus Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV Bund) hervorgeht, gab es vor allem bei der "abschlagsfreien Rente ab 63" einen erheblichen Zuwachs gegenüber dem Vorjahr - in den ostdeutschen Bundesländern kam es zu einem regelrechten Ansturm auf das Modell.

Bundesweit erhielten 2018 rund 244 000 Versicherte - und damit deutlich mehr als erwartet - erstmals dieses umstrittene Ruhegeld, das vor fünf Jahren auf Betreiben der SPD von der großen Koalition eingeführt worden war. Bezogen auf insgesamt 784 000 Neurentner bedeutete das 2018 einen Anteil von 31 Prozent. Besonders stark war der Zulauf zur abschlagsfreien Rente ab 63 in Ostdeutschland, hier lag der Anteil bei 42 Prozent, während er im Westdeutschland mit 28,5 Prozent ein deutlich geringeres Niveau erreichte. Der Chef der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland, Jork Beßler, sagte der dpa: "Die Leute rennen uns die Bude ein."

Andrea Nahles und Sigmar Gabriel wollten damit bei Wählern punkten

DRV-Bund-Sprecher Sprecher Dirk von der Heide erklärte dazu, die Arbeitnehmer in den ostdeutschen Ländern seien im Durchschnitt länger versicherungspflichtig beschäftigt als ihre Kollegen in Westdeutschland. Der Anteil derjenigen, die 45 Versicherungsjahre haben und damit die Voraussetzungen für die abschlagsfreie Rente ab 63 erfüllten, sei damit entsprechend höher. 2017 wurde diese Rente ab 63 bundesweit nur 237 000 mal gewährt, die Rekordzahl war 2015 mit rund 274 000 erreicht worden.

145 000 angehende Ruheständler (18,5 Prozent) bezogen 2018 die Altersrente für langjährig Versicherte. Diese wird frühestens ab Erreichen des 63. Lebensjahres gewährt, Voraussetzung dafür ist aber eine Versicherungszeit von lediglich 35 Jahren. Für jeden Monat vorgezogenen Rentenbezugs wird dabei ein Abschlag von 0,3 Prozent fällig. Das Rentenalter für die Regelaltersrente liegt derzeit für den Geburtsjahrgang 1954 bei 65 Jahren und acht Monaten, bis 2031 wird sie auf volle 67 Jahre steigen.

Zu politischen Debatten führen dürfte angesichts der neuen Zahlen vor allem der kräftige Anstieg bei der abschlagsfreien Rente mit 63. Sie war zum Juli 2014 von der damaligen SPD-Bundessozialministerin Andrea Nahles eingeführt worden. Sie und der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel wollten auf diese Weise lang und hart arbeitende Beschäftigte für ihre Lebensleistung belohnen und damit bei Wählern punkten. Wer vor 1953 geboren wurde und 45 Beitragsjahre in der Rentenkasse nachweisen konnte, durfte deshalb bereits mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen. Allerdings wurde die Altersgrenze für nachfolgende Jahrgänge im Jahresrhythmus angehoben, so dass alle nach 1964 Geborenen wieder frühestens mit 65 in Rente gehen dürfen.

Nahles hatte damals bei ihrer Kalkulation angenommen, dass rund 200 000 Beschäftigte pro Jahr ihre neu gestaltete Rente in Anspruch nehmen würden. Mittlerweile liegt der jährliche Durchschnitt aber eher bei rund 250 000. Kritiker hatten deshalb von einem deutlichen Kostenanstieg gesprochen, die Bundesregierung machte dazu bisher aber keine genaueren Angaben.