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Bilanz-Manipulationen:Steinhoff-Skandal: Interne E-Mails belasten deutsche Manager

Markus Jooste, Steinhoff

Steht im Mittelpunkt des Skandals: Ex-Steinhoff-Chef Markus Jooste.

(Foto: Desiree Swart, Moneyweb)
  • Ein Skandal um gefälschte Bilanzen brachte den Möbelgiganten Steinhoff im vergangenen Jahr an den Rande des Ruins.
  • Interne Unterlagen zeigen, dass die mutmaßlichen Manipulationen wesentlich länger zurückreichen könnten, als bislang bekannt
  • Die Dokumente deuten auch darauf hin, dass die Manipulationen noch mehr Geschäftsjahre betreffen könnten.

Von Nils Naber, Jan Strozyk und Jan Willmroth

Das Werk des Bruno Steinhoff ragt wie ein Denkmal über die Dächer der Stadt. Eine halbe Autostunde nordwestlich von Oldenburg liegt das kleine Westerstede, seine Heimat, eine Ansammlung von Klinkerbauten an der Autobahn 28. Ein gewaltiger weißer Kasten zeugt von Steinhoffs Welterfolg: die Europa-Zentrale des nach ihm benannten Unternehmens. Von hier aus hat Steinhoff seit den Sechzigerjahren Deutschlands Haushalte mit billigen Polstermöbeln versorgt, der Möbelhändler aus der Provinz wurde zum börsennotierten Weltkonzern und Steinhoff, heute 80, zum Milliardär. Bis vor wenigen Monaten klang das nach einer zauberhaften Erfolgsgeschichte aus dem Mittelstand.

Jetzt klingt es immer mehr wie einer der größten Skandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte, und Bruno Steinhoff steht vor den Trümmern seines Lebenswerks. Über Jahre hinweg sollen Manager des Konzerns überhöhte Umsätze gebucht, die Bilanzen aufgepumpt und damit Investoren, Banken und die eigenen Wirtschaftsprüfer hinters Licht geführt haben. Im Mittelpunkt steht der Millionär Markus Jooste aus dem südafrikanischen Stellenbosch, langjähriger Steinhoff-Vertrauter, der die Firma in den Neunzigerjahren an die Börse in Johannesburg brachte, mit der Zeit aggressiv in mehrere Kontinente expandierte und nach seinem plötzlichen Rücktritt im vergangenen Dezember abgetaucht ist. Noch immer hat der Konzern keinen Jahresabschluss für 2017 vorgelegt, die Bilanzen für die beiden Jahre zuvor wurden zurückgezogen, die Steinhoff-Aktie ist nur noch Cents wert. Viele der über 100 000 Mitarbeiter bangen um ihren Job.

Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung legen nahe, dass die mutmaßlichen Manipulationen noch deutlich weiter zurückreichen als bislang gedacht. Interne E-Mails zeigen erstmals detailliert, wie hochrangige deutsche Steinhoff-Manager mutmaßlich daran beteiligt waren, die Konzernzahlen entgegen der wirtschaftlichen Realität des Unternehmens zu frisieren. Der Mailverkehr lässt den Schluss zu, dass die Manipulationen noch mehr Geschäftsjahre betreffen, als Steinhoff bislang öffentlich zugegeben hat.

Bereits im Sommer 2014, lange vor den ersten konkreten Verdachtsmomenten, beriet sich Konzernchef Jooste mit einem amtierenden und einem früheren Steinhoff-Manager aus Deutschland über Posten in der Konzernbilanz für das laufende Geschäftsjahr. Offenbar standen die drei schon ziemlich unter Druck. Der Mailverkehr liest sich, als wollten sie eine ganze Reihe von Positionen verbuchen, mit denen sie die wirtschaftliche Lage des Konzerns verfälschen können. So weist Jooste einen Manager an, bei einem Tochterunternehmen eine zusätzliche Einnahme von 100 Millionen Euro anfallen zu lassen, um so den Gewinn anzupassen. Ein bereits aus dem Konzern ausgeschiedener Kollege, der aber wohl weiter mit den Bilanzen befasst war, antwortet: Jooste werde sich wohl an die Bilanzen erinnern, die man in den vergangenen Jahren nach oben gedrückt habe. Bei den Einwänden eines anderen Kollegen stimmt er zu, er könne dessen Sorge nachvollziehen, wie "das alles" wieder ausgemerzt werden soll.

Über mehrere DIN-A4-Seiten geht es so nervös weiter. Offensichtlich streiten der einstige Wirtschaftsprüfer Jooste und seine Führungskräfte darum, wie sie fehlerhafte Posten aus früheren Bilanzen weiter verstecken können. So werden in den Mails auch Positionen aus dem Geschäftsjahr 2011 genannt, für die weder Dokumentation noch Sicherheiten bestünden. An anderer Stelle diskutieren die Verfasser darüber, extra einen Marken- oder Immobilien-Deal auszuarbeiten und dabei die "passenden" Werte zu verbuchen. Jooste schreibt: Man brauche eine starke Basis für alle Einträge, die man zum Bereinigen der Vergangenheit plane.

Zu den E-Mails äußerte sich der Konzern nicht und verwies auf eine laufende externe Untersuchung. Jooste und die zwei deutschen Manager, einer davon noch bei Steinhoff angestellt, ziehen es vor zu schweigen.

Dass keine Zweifel aufkamen, ist bemerkenswert

Zur Zeit ihrer Unterredung war nach außen hin bloß Steinhoffs magischer Aufstieg zum zweitgrößten Möbelhändler der Welt hinter Ikea sichtbar. Aus Bruno Steinhoffs Geschäft, Möbel aus den Ostblockstaaten zu Niedrigstpreisen zu verkaufen, haben ehrgeizige Manager um Jooste ein intransparentes Konglomerat gezimmert, das in Deutschland vor allem für seine Poco-Einrichtungshäuser bekannt ist. Lange Zeit wurde dabei kaum einer misstrauisch.

Große internationale Banken, darunter auch Häuser wie die Commerzbank, die DZ-Bank und die Bayern-LB, finanzierten Joostes aggressiven Wachstumskurs mit Hunderten Millionen Euro. Im Frühjahr 2015 wechselt Steinhoff an die Frankfurter Börse, ist seither dort und in Johannesburg gelistet und steigt in den M-Dax auf. Der Jahresbericht von 2014 steht noch auf der Website und klingt, als sei alles in bester Ordnung: Der operative Gewinn stieg damals um 29 Prozent, das Vorsteuerergebnis um 26 Prozent, am Ende segnete Deloitte den Bericht ab. Noch im vergangenen Jahr war Steinhoff an der Börse 24 Milliarden Euro wert, große Pensionskassen hielten Unternehmensanteile, das Rating war gut, die EZB hatte Steinhoff-Anleihen in ihren Büchern - obwohl sich Ermittler der Staatsanwaltschaft Oldenburg spätestens seit Ende 2015 für die fragwürdigen Machenschaften an der Konzernspitze interessierten.

Ein Sammelsurium von Billig-Handelsketten

Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass nicht schon früher Zweifel am Geschäftsmodell aufkamen. Weithin als Möbelhändler bekannt geworden, ist Steinhoff heute ein schwer zu durchschauendes Sammelsurium von Billighandelsketten in Afrika, Australien, den USA und Europa. Vor dem Absturz an der Börse, das zeigen die Recherchen jetzt, gehörten mehr als 2000 Gesellschaften zum Firmengeflecht. Einige davon finden sich auch in den Panama Papers und den Paradise Papers: So nutzte der Konzern eine Briefkastenfirma in der Steueroase Isle of Man als Holding-Gesellschaft zur Beteiligung an einem Hafen-Logistiker in Mosambik und einem Frucht-Transporteur in Hongkong.

Warum Steinhoff für derartige Zukäufe eine Firma auf der Isle of Man benötigt, war nicht zu erfahren. Ein Sprecher erklärte, die Gesellschaft gehöre "nach bestem Wissen" nicht zur Steinhoff-Gruppe. Deloitte verweigerte unter Verweis auf Verschwiegenheitspflichten einen Kommentar. Bruno Steinhoff, der wie seine Tochter bis heute im Aufsichtsrat sitzt, habe der Skandal schwer zugesetzt, berichten Vertraute. Er selbst äußert sich nicht.

Anders die Oldenburger Staatsanwaltschaft. Sie ermittle gegen mehrere aktuelle und ehemalige Manager der Steinhoff-Gruppe unter anderem wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung von Bilanzen, der Urkundenfälschung und der Steuerhinterziehung, sagte ein Sprecher. Die Finanzaufsicht Bafin hat eine förmliche Untersuchung wegen des Verdachts der Markmanipulation eingeleitet. Dazu arbeitet sie nunmehr mit südafrikanischen Behörden zusammen, wie Moneyweb erfuhr, ein südafrikanisches Portal für Wirtschaftsnachrichten, mit dem NDR und SZ in der Recherche kooperiert haben.

© SZ vom 28.02.2018/jps
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