Bier:Das Bier der Gesunden und Schlauen

Lesezeit: 2 min

Der früher eher leidliche Ruf des "Bleifreien" hat sich gewandelt - sehr zur Freude der Brauereien, die den Trend zu nutzen wissen.

Von Benjamin Emonts

Das Dopingmittel der Deutschen. So in etwa klangen im Jahr 2018 die Schlagzeilen. Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang hatte das deutsche Team sportlich brilliert, immerhin 31 Medaillen standen am Ende zu Buche. Die Welt fragte sich also noch während der Spiele, welches Geheimnis hinter den enormen Leistungen steckt. Und die New York Times lieferte eine mögliche Antwort: "Deutsche Olympioniken trinken viel alkoholfreies Bier - und gewinnen viel Gold."

Tatsächlich waren die deutschen Olympioniken in Südkorea oft mit Alkoholfreiem zu sehen. Eine Brauerei hatte dem Team einen Vorrat von 3500 Flaschen ins Deutsche Haus angeliefert. Johannes Scherr, der damalige Mannschaftsarzt der deutschen Alpinskifahrer, erzählte der New York Times, fast all seine Athleten würden das Bier im Training trinken. Bei manchen Beobachtern entstand so der Verdacht, die Deutschen hätten einen Zaubertrank entdeckt wie einst der Druide Miraculix.

Ganz aktuell passt das gut ins Bild. Während der Bierkonsum in Deutschland seit Jahren abnimmt, wird Alkoholfreies immer beliebter, wie das Bundesamt für Statistik nun offiziell mitteilte. Seit 2011 ist die Produktionsmenge demnach um fast 75 Prozent gestiegen. Die Brauereien produzierten gut 411 Millionen Liter. Diese Menge, das zur Einordnung, entspricht etwa dem Inhalt von 164 olympischen 50-Meter-Schwimmbecken. Im Einzelhandel hat Alkoholfreies laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen derzeit einen Marktanteil von rund sieben Prozent.

Ganz neu ist der Trend also nicht. Das erste alkoholfreie Bier soll bereits in den Siebzigern in der ehemaligen DDR gebraut worden sein. Wirklich bekannt wurde diese Bierart dann vor gut 20 Jahren, als die bayerische Brauerei Erdinger sehr sendungsbewusst ein alkoholfreies Weißbier auf den Markt gebracht hat. Davor hatte das Bleifreie, wie es im Volksmund auch heißt, einen eher leidlichen Ruf. Es galt als "kastriertes Bier" und Notnagel für all die armen Teufel, die abends nach der Party Auto fahren mussten oder vom Arzt ein Alkoholverbot hatten. Als Genussmittel wie heute firmierte Alkoholfreies jedenfalls nicht.

Doch dann kam die Sache mit dem Sport. Profi-Athleten tranken öffentlich Bier ohne Alkohol, um ihre Krafttanks nach zehrenden Wettkämpfen wie Marathons wieder zu füllen. Immer mehr Brauereien traten bei Ausdauerwettkämpfen als Sponsoren auf und vermarkteten ihre Produkte als Sportgetränke. Plötzlich hieß es über das Alkoholfreie, es sei mineralisch, kalorienärmer, isotonisch und schone die Leber. Wissenschaftliche Untersuchungen stützten viele dieser Anfangsverdachte. Alkoholfreies war nun das Bier der Gesunden und Schlauen, obschon es einen höheren Zuckergehalt als andere Sorten hat.

Bis heute hat sich daran nichts geändert, im Gegenteil: Mehr denn je trifft das Alkoholfreie den Nerv dieser Zeit, in der viele Menschen gesundheitsbewusster leben. Deutsche Brauereien haben mittlerweile 700 verschiedene Alkoholfreie auf dem Markt. Der Deutsche Brauer-Bund geht davon aus, dass bald schon jedes zehnte Bier hierzulande ohne Alkohol auskommt. Die New York Times lag mit der These vom Doping der Deutschen also nicht falsch.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB