Die schlechte Nachricht für einen kleinen, aber identitätsstiftenden Teil der deutschen Volkswirtschaft verpackt das Statistische Bundesamt in eine interessante Grafik, eine sogenannte „Spiral Heatmap“. Die Darstellung erinnert an die Jahresringe eines Baumes, in diesem Fall eines Baumes, der 1993 gepflanzt wurde. Die Jahre sind in zwölf Sektoren unterteilt, die Monate. Über die Zeit werden die Ringe des Baumes in der Tendenz immer heller.
Denn: Früher wurde in Deutschland mehr Bier getrunken, das ist die Aussage, die die Statistiker hier veranschaulichen wollen. Um sechs Prozent ist der Bierabsatz im vergangenen Jahr zurückgegangen, so stark wie seit Beginn der Erhebungen 1993 nicht. Erstmals fiel er unter acht Milliarden Liter.
In der Jahresringe-Grafik steht dunkles Aquamarinblau für sehr viel Bierabsatz, blasses Hellblau für besonders wenig Bierabsatz. Ein kräftiges, an ein kühles Pils erinnerndes Goldgelb wäre dem Thema vielleicht angemessener gewesen. Seit 1993 wurde in Deutschland in einem Monat nie mehr so viel Bier verkauft wie im Mai 2000, 1,185 Milliarden Liter. Besonders wenig war es im Januar 2021, hier lag der Absatz nur bei 475 Millionen Liter.
Der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zum Dry January, zum alkoholfreien Januar, wirkt sich möglicherweise auf den Bierabsatz aus, in diesem Monat sind die Zahlen stets niedrig. Im Sommer sind sie typischerweise höher. Dass zu Fußball-Weltmeisterschaften mehr getrunken würde, lässt sich aus der Grafik nicht zweifelsfrei ableiten, genauso wenig wirken sich regionale Ereignisse wie Karneval oder das Münchner Oktoberfest aus.
Der Anteil der alkoholfreien Biere liegt bei fast zehn Prozent
Knapp 83 Prozent des hierzulande verkauften Bieres sei für den Konsum im Inland bestimmt, schreibt das Statistische Bundesamt. Nun mal nachrechnen: In jenem bierseligen Mai vor fast 26 Jahren hat jeder Mensch in Deutschland also im Durchschnitt fast zwölf Liter Bier getrunken. Selbst im vergleichsweise abstinenten Januar 2021 waren es noch 4,7 Liter pro Monat. Das bedeutet umgerechnet etwa ein bayerisches Helles alle drei bis vier Tage und ein Kölsch an sechs Tagen in der Woche.
Ohnehin war der Januar 2021, ein Monat mitten in der Pandemie, wohl nur ein Ausreißer. Unter 500 Millionen Liter pro Monat fiel der Bierabsatz seitdem nicht mehr, im Juli vergangenem Jahres kratzte er an der Marke von 800 Millionen. Das ist dann schon wieder ein Helles alle zwei Tage. Es wird in Deutschland also durchaus noch eine Menge Bier getrunken.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Bild-Zeitung das Thema auf ihrer Homepage erstaunlich niedrig platziert. Wichtiger ist der Preisverfall beim Gold sowie die Meldung, dass Eisbären in der Arktis wieder dicker werden. Dass die Deutschen weniger Bier trinken, ist wohl kein Schock-Thema mehr, zumal die Entwicklung schon einige Zeit anhält und die Zahlen des Statistischen Bundesamtes eine wichtige Produktgruppe außer Acht lassen: alkoholfreie Biere nämlich, deren Marktanteil inzwischen auf knapp zehn Prozent gestiegen ist, wie der deutsche Brauer-Bund schreibt.
1993, als die Zahlen über den Bierabsatz erstmals systematisch erhoben wurden, war alkoholfreies Bier noch ein Nischenprodukt, das nur von wenigen Brauereien angeboten wurde. Inzwischen hat es sich vom Image her und geschmacklich weiterentwickelt. Ist wohl Zeit, dass die Statistiker ihre Statistik anpassen.
