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Bienenstrom:Blumen statt Mais

Einige Energieversorger fördern den Anbau insektenfreundlicher Pflanzen wie Klee, Kornblume oder Koriander. Ist das mehr als ein Marketinggag?

Maisfelder zu Wildpflanzen - das ist die Idee verschiedener Projekte, die etwas für Bienen und andere bedrohte Insekten tun wollen. Unter dem Namen "Bunte Biomasse" fördern die Deutsche Wildtier Stiftung, der Deutsche Jagdverband und die Veolia Stiftung seit 2019 den Anbau von Wildpflanzen, die nach der Ernte in Biogasanlagen zu Biogas verarbeitet werden. Pro Hektar erhalten Landwirte 250 Euro für die Umstellung weg vom Mais - ein finanzieller Ausgleich dafür, dass der Energieertrag von Wildpflanzen nur bei etwa 65 Prozent des Ertrages von Mais liegt. "In sehr trockenen Sommern erreicht man mit Wildpflanzen unter dem Strich fast die Gasausbeute wie bei Mais, da sie mit dem Klimawandel besser zurechtkommen und ihre Ernte besser ausfällt", sagt Christian Kemnade, Leiter des Kooperationsprojektes Bunte Biomasse bei der Deutschen Wildtier Stiftung.

Auf circa 300 Hektar wurden bisher neue Wildpflanzenfelder angelegt, vor allem in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. "Wir suchen überall Landwirte, die zur Umstellung bereit sind. Das Interesse ist sehr groß, unser Ziel von mindestens 500 Hektar könnten wir bald erreichen", sagt Kemnade, der mit circa 90 Landwirten zusammenarbeitet. Einer dieser Kooperationspartner ist Richard Schulte aus Delbrück bei Paderborn. Er hat schon im Jahr 2014 auf 20 Hektar Maisflächen in Wildblütenfelder umgewandelt und die Blühpflanzen in seiner Biogasanlage verarbeitet. Inzwischen baut er auf 35 Hektar Wildpflanzen an. "Ich will etwas für Bienen tun. Außerdem profitiere ich davon auch als Jäger: Die Blühlandschaften sind zu einem Rückzugsgebiet von Hasen, Rebhühnern und Fasanen geworden", sagt Schulte.

Bienenstrom - mit diesem Angebot fördern die Stadtwerke Nürtingen in Baden-Württemberg seit 2018 den Anbau von insektenfreundlichen Wildpflanzen. 600 Kunden zahlen pro Kilowattstunde einen Aufschlag von einem Cent. Das Geld kommt Landwirten auf der Schwäbischen Alb zugute, die als "Blühpaten" statt wie früher Mais nun Wildpflanzen anbauen und dabei auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Der Bienenstrom stammt aber nicht aus ihren Biogasanlagen, sondern ist Ökostrom aus alpinen Wasserkraftwerken. Zunächst wurden auf 14 Hektar einstiger Maisflächen Wildpflanzen angebaut - für 2021 sind bereits Verträge für die Umwandlung von 41 Hektar geschlossen.

Davon profitieren Bienen und andere Fluginsekten, deren Aufkommen in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen ist. "Dass kein Pflanzenschutzmittel mehr nötig ist, freut die Biene", sagt Imker Klaus Ahrens, Vizepräsident des Deutschen Berufs und Erwerbs Imker Bundes (DBIB). "Besonders bei den Wildbienen ist ein positiver Effekt zu beobachten", sagt DBIB-Ehrenpräsident Walter Haefeker.

Die Stadtwerke Lünen wollen bis 2024 hundert Hektar Mais- in Blühflächen verwandeln, das entspricht etwa 150 Fußballfeldern. Dafür sind 10 000 Kunden notwendig, die als Förderer mindestens zwölf Euro pro Jahr zahlen. Das Geld geht an Landwirte, die zum Umstieg bereit sind. Sie müssen zusätzliche Flächen bewirtschaften, um aus den Wildpflanzen die gleiche Menge Biogas zu erzeugen wie bisher aus Mais. Stattdessen sollen etwa Steinklee, Sonnenblumen, Buchweizen und Eibisch angebaut werden. Ein Modell mit begrenzter Nachfrage: Ein Jahr nach dem Start waren erst sechs Hektar finanziert.

Tausend Euro pro Hektar und Jahr zahlt die Stromversorgung Osthannover (SVO) Landwirten in den Landkreisen Celle und Uelzen, wenn sie an den Rändern von Maisfeldern eine Saatmischung mit 15 Sorten, unter anderem mit Klee, Kornblume, Koriander, Winterwicke und Dill, ausbringen, damit sich dort Bienen und andere Insekten mit Nahrung versorgen können. Stromkunden, die den Tarif Blühstrom wählen, finanzieren das Projekt. Von jeder Kilowattstunde wird ein Cent in einen Fonds zur Anlage von Blühflächen eingezahlt. Das Interesse bei den Landwirten ist groß. Sie stellen auf ihren Feldern Transparente auf, auf denen sie ihr Engagement für die Bienen erklären. Nach den Diskussionen um Glyphosat und Grundwasserbelastung wollen sie so ihr Image bei den Verbrauchern verbessern. "Leider können wir im Jahr 2020 keine neuen Landwirte mehr berücksichtigen, weil die vorhandenen Mittel erschöpft sind", heißt es von der SVO.

Allerdings wirken diese Modelle angesichts von mehr als 2,5 Millionen Hektar Mais in Deutschland und den damit verbundenen Problemen wie Pestizideinsatz, Bodenerosion und Grundwasserbelastung wie ein Tropfen auf den heißen Stein. "Blühstreifen zu fördern ist nicht verkehrt, doch solche Aktionen scheinen mehr marketingorientiert als bienendienlich zu sein", sagt Michael Friedrich, Sprecher von Greenpeace Energy, ein Anbieter von Strom aus ausschließlich erneuerbaren Energien. Der beste Bienenschutz sei die Förderung von CO₂-freiem Strom. "Wir investieren in neue Anlagen wie Windparks. Wer dagegen Kohlestrom verkauft, vergrößert die Klimaprobleme." Die Stadtwerke Nürtingen und Lünen, die SVO und fast alle anderen Energieanbieter haben auch Strom aus nicht-erneuerbaren Quellen im Angebot.

© SZ vom 17.06.2020
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