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Bezahlen im Internet:Willkommen bei der Bank of Amazon

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Bankensilhouette in Frankfurt: Noch dominieren die klassischen Geldhäuser, doch Internetfirmen wie Amazon drängen immer mehr ins Geschäftsfeld der Traditionsbanken.

(Foto: Frank Rumpenhorst/picture alliance)

Tech-Firmen werden zur Konkurrenz für klassische Finanzinstitute. Sie locken mit Kreditkarten, schnellen Überweisungen und verwandeln das Smartphone in eine Geldbörse.

Von Nils Wischmeyer

Jeff Bezos ist Chef eines Buchversands, einer Lebensmittelkette, einer Gesundheitsfirma und immer mehr auch einer Bank. Mittlerweile hat das Unternehmen aus Seattle eine eigene Kreditkarte, einen Zahlungsdienst und vergibt Kredite an kleine Unternehmen. Zurzeit ist Amazon sogar in Gesprächen mit US-Großbanken, um ein Girokonto ähnliches Produkt für junge Kunden zu entwickeln, berichtet das Wall Street Journal. Den Banken bereiten solche Vorstöße immer mehr Sorgen. Der Vorstand eines großen deutschen Geldhauses nannte solche Quereinstiege unter der Hand eine "spaßbefreite Angelegenheit". Die Geschichte Amazon hat öfters bewiesen, dass Wettbewerber zittern müssen, wenn der Bezos-Konzern mit seiner ganzen Marktmacht in eine Branche einsteigt. Jetzt macht Bezos ernst. Und Amazon ist nicht der einzige potenzielle Konkurrent. Viele Tech-Firmen mit prall gefüllten Konten tasten sich Stück für Stück vor. Über Facebook können die Nutzer Geld senden, bei Paypal können sie sich welches leihen und mit Google oder Apple bezahlen. Vergessen sind die Befürchtungen, findige Finanz-Start-ups könnten ihnen Marktanteile abknüpfen. Viele von ihnen sind heute Kooperationspartner oder wurden aufgekauft. Die wahren Gegner sitzen in den USA und heißen Mark, Jeff und Dan.

Wie ernst die Banken die neue Tech-Konkurrenz nehmen, zeigt eine Umfrage. Unter 300 befragten Bankern hält fast die Hälfte die großen Tech-Unternehmen für "eine bedeutende Bedrohung". Einige Unternehmensberater spielen mit Geldhäusern in Rollenspielen bereits Szenarien durch. Das Ganze trägt den Namen "War Game", zu Deutsch: Kriegsspiel. Doch ist die Entwicklung wirklich gefährlich? Und heißt BoA künftig nicht mehr Bank of America, sondern Bank of Amazon?

Jeff Bezos hat eine klare Strategie: immer mehr. Er drängt mit Amazon seit Jahren in neue Märkte und krempelt sie Stück für Stück um. "To be amazoned" ist in einigen Blogs ein geflügelter Begriff, der bedeutet, dass eine Branche von Amazon komplett überrollt wird. Allein die Ankündigung, die Lebensmittelkette "Whole Foods" zu kaufen, ließ die Aktienkurse von Wal-Mart und Kroger abstürzen.

"Amazon und Paypal haben die Datenkompetenz", sagt Jochen Siegert, früherer Paypal-Manager

Seit 2017 erhöht Bezos das Tempo auch bei den Finanzdienstleistungen. In Zusammenarbeit mit Visa gibt es eine Amazon-Kreditkarte, über Amazon Cash können Kunden Bargeld auf ihr Amazon-Konto laden. In Mexiko bietet Amazon einen Bezahlservice, der eine Alternative zur einer Kredit - oder auch Debitkarte ist, und in Indien holt der Konzern das Geld bei den Kunden zu Hause ab und überweist es auf ihr Amazon-Konto.

Mit "Amazon Lending" unternimmt Bezos erste Gehversuche im Firmenkundengeschäft. Über das Programm können sich Händler des Amazon Marketplace in den USA, Japan und Großbritannien Geld leihen, um ihre Bestände aufzustocken. Mehr als drei Milliarden US-Dollar hat Amazon bisher verliehen. Weil der Konzern gleichzeitig die Logistik der Kleinhändler übernimmt, ihre Ware in seinen Lagern parkt und die Verschiffung erledigt, sind die Unternehmen stark abhängig. Können sie ihren Kredit nicht bezahlen, pfändet das Team von Jeff Bezos die Lagerbestände. Seit wenigen Wochen ist die Bank of America als Partner dabei und soll zusätzlich Kredite absichern. Das Geschäft wächst.

Unter dem Namen "Paypal Working Capital" bietet Paypal einen ähnlichen Service an. Händler bekommen einen Vorschuss, den sie je nach Geschäftsverlauf zurückzahlen müssen. Konsumenten können sich so Geld leihen, um etwa neue Sommerreifen zu kaufen. Zudem investiert die ehemalige eBay-Tochter verstärkt in Fintech-Unternehmen. Eine zweitstellige Millionensumme soll allein in Raisin geflossen sein, das viele Kunden eher unter dem Produktnamen "Weltsparen.de" kennen. Mit der Hilfe des Start-ups kann Paypal schon bald europaweit Tages- und Festgeldkonten anbieten. Gegenüber den Geldinstituten haben beide Tech-Unternehmen einen riesigen Vorteil. Sie haben Daten. Ein kleines Institut in Deutschland kann die Risiken eines Geschäfts über den Verkaufsplatz bei Amazon nur schwer abschätzen. Der Online-Riese hingegen weiß, wie die Rückmeldung der Kunden ist, ob der Händler pünktlich liefert, wie viel er im vergangenen Monat verkauft hat, wie viel er im Durchschnitt über ein oder zwei Jahre verkauft hat. "Amazon und Paypal haben die Datenkompetenz. Das macht sie auf dem Feld nahezu unschlagbar", sagt Jochen Siegert, früherer Paypal-Manager und heute Berater für Finanz-Start-ups.

Begonnen hat das Programm von Amazon und auch Paypal bei kleinen Händlern in den USA. Mittlerweile nehmen auch Mittelständler die Kreditangebote wahr. Auf lange Sicht könnten sogar größere Kunden darauf zurückgreifen. Siegert sieht Parallelen zur Entwicklung des Bezahlgeschäfts bei Paypal: "Als der Zahlungsdienst gestartet ist, haben kleine Läden mitgemacht. Dann wurde Paypal so groß, dass die Konzerne eingestiegen sind", sagt Siegert. "Diese Blaupause kann für das Kreditgeschäft funktionieren. Und Amazon und Paypal sind plötzlich ernst zu nehmende Konkurrenten der Großbanken."

In Deutschland sind viele Angebote nicht verfügbar. Das hat gleich drei Gründe

Amazon und Paypal sind zudem nicht die einzigen Unternehmen, die den Banken Kunden abspenstig machen. Über den Facebook Messenger können Nutzer in den USA bereits Geld verschicken, mit Apple und Google an den Kassen bezahlen. "Je größer die Abhängigkeit des Kunden ist, desto öfter kommt er wieder", erklärt Jochen Siegert die Beweggründe der großen Tech-Unternehmen. Oder um aus Sicht des Kunden zu sprechen: "Wenn sie Geld bei Whatsapp oder Facebook verschicken können, werden sie die nächste Pizza bei ihrem Freund kaum per Online-Überweisung zahlen."

In Deutschland sind viele der Services noch nicht verfügbar. Zwar will Paypal schon bald sein Programm "Working Capital" starten, doch das bleibt auch die einzige Ankündigung. Die anderen Firmen halten sich auffallend zurück. Finja Carolin Kütz, Deutschland-Chefin von Oliver Wyman weiß, woran das liegt. "Da sehr viele Banken in Deutschland aktiv sind, ist der Markt wenig profitabel, daneben ist in Deutschland die Kreditvergabe enger reguliert als in anderen Ländern." Als weitere Herausforderung nennt Kütz das Thema Vertrauen. "Gegenüber den Technologieunternehmen genießen Banken einen großen Vertrauensvorsprung."

Auch bleibt die Frage, ob die Tech-Unternehmen überhaupt eine Bank sein wollen. Trotz ihrer Vorstöße sind viele Beobachter skeptisch. Für Amazon & Co. sind die Finanz-Dienstleistungen bisher lediglich Mittel zum Zweck, sagt Siegert. Facebook will mit seinem Messenger die Menschen länger auf der Plattform halten, um mehr Geld für Werbung zu kassieren. Amazon will mit seinen Programmen die Händler unterstützen, mehr Produkte über ihre Plattform zu verkaufen. Daran wiederum verdient Amazon. Warum also eine Bank werden? Zu hoch ist der regulatorische Aufwand, zu klein die Marge. BoA heißt daher wohl bis auf Weiteres Bank of America. Aber bei Jeff Bezos weiß man ja nicht.

© SZ vom 06.03.2018
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